Der erste Satz, der in diesem Film fällt, richtet sich zwar an die Hauptfigur Gereon Rath, aber irgendwie darf sich auch das Publikum angesprochen fühlen: „Atmen Sie ganz ruhig.“ Die Superlative, die diesem Projekt vorauseilen, haben sich in den Tagen vor der Premiere zu einem Trommelwirbel gesteigert, der den Puls der öffentlichen Erwartung ordentlich in die Höhe getrieben hat. Millionenbudget, Starbesetzung, Sittengemälde – letztlich wurde nicht weniger als die Auferstehung Berlins aus dem Geiste der 20er-Jahre versprochen.

Nach einem ersten Blick auf die Serie lässt sich sagen, dass das alles nicht übertrieben war. „Babylon Berlin“ ist nicht nur die teuerste und ehrgeizigste Produktion des deutschen Fernsehens, den Machern ist hier ein Kunstwerk ganz eigener Art gelungen. Kriminalgeschichte, Politthriller, Milieuschilderung, erzählt als opulenter Genrefilm, dessen Handlung über immerhin zwölf Stunden trägt.

„Atmen Sie ganz ruhig.“ Die Eröffnung von „Babylon Berlin“ zeigt Gereon Rath bei der Séance mit einem mysteriösen Mediziner, der traumatisierte Frontsoldaten von ihrer Seelenqual zu erlösen verspricht. Es ist das Jahr 1929 in Berlin, der 29. April. Der Erste Weltkrieg liegt elf Jahre zurück. Aber für diejenigen, die ihn erlebt haben, ist er noch lange nicht vorbei.

Rath, ein Mann von Mitte dreißig, war dabei. Jetzt ist er ein Zitterer, ein Flattermann, der sich bei seiner Arbeit als Kommissar im Sittendezernat der Berliner Polizei nur mit Drogen aufrecht halten kann. Er hat stets ein kleines Etui mit Ampullen dabei, die ihm helfen, den Tremor zu unterdrücken. Gereon Rath ist so kaputt wie diese Stadt Berlin, in die der Kölner Polizist geschickt wurde, um einen Fall im Pornogewerbe zu klären. Aber das, so stellt sich bald heraus, ist nur der Anfang von etwas viel Größerem. „Ich führe dich jetzt zurück zu der Quelle deiner Angst“, flüstert der Medizinmann. Und die Bilder des Wahnsinns laufen dazu rückwärts, saugen sich hinein in den Kopf des Kommissars, bis er wieder in seinem Schützengraben kauert.

Volker Kutschers Vorlage kreativ ausgewertet

Mit dieser Demontage der Hauptfigur, die kein Held zu sein verspricht, beginnt die Geschichte. Was ein raffinierter Auftakt ist, denn als Zuschauer will man nun wissen, was mit dem Mann eigentlich los ist.

Als Autoren der Serie haben sich Tom Tykwer, Hendrik Handloegten und Achim von Borries die Freiheit genommen, Volker Kutschers Roman „Der nasse Fisch“, der ihnen als Vorlage diente, äußerst kreativ auszuwerten. Das Personal ist vertraut, die Zeichnung der Charaktere im Film jedoch schärfer konturiert als im Buch. So stammt die Stenotypistin Charlotte Ritter, die als Tippse in der Mordkommission anfängt und sich dann als Gehilfin und Geliebte des Kommissars profiliert, aus schlimmen Verhältnissen, denen sie zu entfliehen sucht, indem sie sich nach Feierabend im Vergnügungslokal Moka Efti prostituiert.

Die Filmerzählung legt großen Wert auf die soziale und psychologische Bestimmung der Protagonisten, die Geschichte wird aus den beiden Hauptfiguren heraus erzählt, und dass das so gut funktioniert, verdankt sich auch dem zurückgenommenem Spiel von Volker Bruch und Liv Lisa Fries, die stellvertretend für das Ensemble genannt werden sollen. Es gibt so gut wie keinen, der hier nicht dabei ist. Neben den beiden jungen Schauspielern brillieren die Stars in ihren zum Teil kleinsten Rollen.

Höchstnoten für Cast und Dramaturgie

Für Dramaturgie und Cast hat sich das Prestigeprojekt Höchstnoten verdient, der eigentliche Clou ist jedoch die filmische Realisation. Die drei Regisseure sind jeder für sich nicht nur Filmemacher, sondern auch Filmegucker, und als solche von dem Ehrgeiz beseelt, ihr kinematographisches Wissen in das Projekt einfließen zu lassen. Die 20er-Jahre sind ja nicht nur eine Zeit politischer und sozialer Umbrüche, auch die Bildsprache jener Zeit verändert sich vollkommen. Wie es den Regisseuren gelingt, einerseits den Konventionen des modernen seriellen Fernsehens zu folgen und andererseits auf die expressive Ästhetik der Originalzeit anzuspielen, gibt dem Film seinen einzigartigen Look.

Bezüge lassen sich viele entdecken. Zuerst kommt einem natürlich Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ in den Sinn, der 1980 von Rainer Werner Fassbinder in einer TV-Serie adaptiert wurde, deren Düsternis man in „Babylon Berlin“ zuweilen spürt. Aber auch der proletarische Film „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ wurde 1929 uraufgeführt, der die elendigen Verhältnisse im Wedding zeigt und in der heutigen Serie als Vorbild für die Schilderung jenes Milljöhs gedient haben mag, in dem Charlotte Ritter lebt.

40 Millionen Euro kosten

Fast fünf Jahre Arbeit stecken in dem Projekt und um die vierzig Millionen Euro. Allein zwölf Millionen hat die Kulisse der sogenannten Neuen Berliner Straße auf dem Studiogelände in Babelsberg gekostet, wo nun Teile des historischen Berlins simuliert werden konnten. Die Konstruktion aus vier Straßenzügen nebst Kreuzungen ist so variabel, dass sie immer wieder neue Perspektiven ermöglicht und sich nach den jeweiligen Erfordernissen von bürgerlich zu proletarisch umrüsten lässt.

Auch an Originalschauplätzen wie dem Alexanderplatz wurde gedreht, wobei Computertechnik es ermöglicht, die jetzige Bebauung durch eine Illusion von Historizität zu überdecken. Am Anfang gibt es eine Szene, in der Gereon Rath am Alex aus der Straßenbahn steigt. In einer Totalen ist der ganze Platz zu überblicken. Dort, wo heute das Einkaufszentrum Alexa steht, befand sich früher das Polizeipräsidium, dessen Silhouette hier wie ein Schatten der Vergangenheit ins Heute ragt. Zu Beginn jeder Episode öffnet sich eine Blende, um den Blick auf das Geschehen freizugeben. Die Regisseure signalisieren damit: Das ist nicht echt, wir machen hier Film.

Ziemlich echt aber ist das Lebensgefühl in einer verunsicherten Welt, das sich in „Babylon Berlin“ auf hinreißende Weise vermittelt. Wo alles auf dem Spiel steht, ist auch alles möglich. Der Pilotfilm endet mit einer orgiastischen Party im Moka Efti, das damals so etwas wie das Berghain war. Die Musik ist fantastisch, das Drogenangebot reihaltig und im Keller gibt es Sex. Die große Hure Babylon, wie Alfred Döblin Berlin einst genannt hat, in Bestform.