"Babylon Berlin" : Erst der Rausch, dann die Dunkelheit

Vor ein paar Monaten besuchte Volker Kutscher die Neue Berliner Straße in Babelsberg. Er ging an großbürgerlichen Fassaden vorbei und an Mietskasernen, an Kaufhäusern und einem eleganten Art-Deco-Bau.

54 Häuser, mehr als eine Straße, ein Dorf eigentlich. Das neue Filmdorf der Studios Babelsberg, die damit für internationale Produktionen noch attraktiver werden wollen.

Geleistet hat man sich die gigantische Außenkulisse aber nur, weil hier vor Kurzem das bislang prestigeträchtigste deutsche Fernsehserienprojekt gedreht wurde: „Babylon Berlin“, 16 Folgen à 45 Minuten, im Berlin der späten 20er-Jahre angesiedelt.

Und die Serie wiederum gab es nur, weil Volker Kutscher vor etwa 15 Jahren begonnen hatte, sich Geschichten um einen Kriminalkommissar auszudenken, der zur Zeit des aufziehenden Nationalsozialismus in Berlin ermittelt – und damit die Vorlage für die Serie lieferte.

Mehrere Produktionsfirmen waren an Verfilmung Interessiert

All das ging Kutscher durch den Kopf, als er vor den Hauswänden aus Holz und Styropor stand, „und ich dachte, oh, nicht schlecht“. Volker Kutscher, das merkt man schnell, wenn man sich mit ihm unterhält, liegt Bescheidenheit mehr als Überschwang.

Erstmal betont er die Wertschätzung, die er erfahren habe, die gute Zusammenarbeit mit den drei Regisseuren der Serie, Tom Tykwer, Hendrik Handloegten und Achim von Borries. Kutscher, 54, hat das Café Einstein in Berlin-Tiergarten für das Treffen vorgeschlagen, er hatte vorher noch einen Termin nebenan, bei Tom Tykwers Produktionsfirma X-Filme.

Hier, im Einstein, habe er sich auch zum ersten Mal mit Tom Tykwer getroffen, erzählt er, vor gut vier Jahren. Tykwer sagte, dass er „Der nasse Fisch“ gelesen habe, den ersten Teil von Kutschers Reihe um den Kriminalkommissar Gereon Rath, und das Buch verfilmen wolle. Er bat Kutscher hinüber in die alte Villa, in der seine Firma untergebracht ist, in einem Raum saßen Handloegten und von Borries, die beiden anderen Regisseure, an den Wänden hingen Karteikarten mit Namen der Protagonisten, Notizen für Handlungsstränge.

Schon mehrere Produktionsfirmen hatten Interesse gezeigt, Kutschers Reihe zu verfilmen, aber bei den Treffen hatte er immer das Gefühl, dass sie sich nur den Stoff sichern wollten. „Die drei dagegen sprühten vor Ideen“, sagt Kutscher.

Sofort sei es um Inhalte gegangen. Irgendwann kam die Frage, wie viele Freiheiten er ihnen zu geben bereit wäre – wie weit sie von der Vorlage würden abweichen dürfen. Er wolle sie nicht bremsen in ihrer Kreativität, antwortete Kutscher. „Versprecht mit nur, dass ihr dem Kern meiner Geschichte treu bleibt, und meinen Figuren.“

Aus der Perspektive der Zeitgenossen

Der Kern der Geschichte, das ist für ihn, „die Entwicklung der Zeit aus der Perspektive der Zeitgenossen zu erzählen. Klarzumachen: Die Leute wussten nicht, wie es weitergehen würde“. Volker Kutscher erzählt nur vordergründig Kriminalgeschichten.

Tatsächlich zeichnet er das Panorama einer Gesellschaft, die aus den 20er-Jahren, einer Zeit, die berauscht war von sich, von neuen gesellschaftlichen Freiheiten, von aufbrechenden Konventionen in Kunst, Musik und Literatur, in das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte taumelte. Diese Tragik habe ihn schon immer interessiert, sagt Volker Kutscher.

Eigentlich hatte er, der Lokaljournalist aus dem Bergischen Land, nach zwei Regionalkrimis nur einen historischen Berlin-Roman schreiben wollen, 1931 sollte der spielen, halb amerikanischer Gangster-Mythos, halb untergehende Weimarer Republik. Die Literatur der Zeit fasziniert ihn, die neusachlichen Romane, Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“, Erich Kästner.

Bei seinen ersten Besuchen in Berlin in den 80er-Jahren lief der Germanistik- und Geschichtsstudent die Schauplätze von Kästners Büchern ab, den Nollendorfplatz in Schöneberg, an dem „Emil und die Detektive“ den Mann mit dem steifen Hut verfolgen, die Weidendammer Brücke in Mitte, auf der Pünktchen aus „Pünktchen und Anton“ Streichhölzer verkauft.

Kutscher begann zu recherchieren und wusste bald, dass er eigentlich nicht eine Idee für ein Buch gehabt hatte. Sondern für mehrere. Und dass das erste nicht 1931 spielen musste, sondern 1929 – dem Jahr des Blutmai, wie die Unruhen genannt werden, bei denen die Berliner Polizei auf Demonstranten schoss und am Ende mehrere Dutzend Menschen tot waren.

Drei der Bücher landeten weit oben in den Bestsellerlisten

Die Hauptfigur sollte Rheinländer sein, wie er. Ein Kommissar der Mordkommission, den es von Köln nach Berlin verschlagen hatte. An seiner Seite: Charlotte Ritter, Jura-Studentin, Berufswunsch: Kriminalbeamtin. Kutscher hatte nur noch ein Problem: Er war Lokalredakteur in Wipperfürth und hatte seine ersten beiden Bücher nebenbei geschrieben.

Er ist eher ein vorsichtiger Mensch – obwohl er Berlin seit Studentenzeiten sehr mochte, wäre er nicht auf die Idee gekommen, sagt er, ohne ein Jobangebot hinzuziehen. In Wipperfürth, wo er arbeitete, war er auch aufgewachsen. Er war verheiratet, hatte ein Kind, es war ein sicheres, überschaubares Leben. Und eins, in dem die Idee einer vielbändigen Kriminalromanserie vermutlich immer eine Idee bleiben würde.

Volker Kutscher kündigte, begann zu schreiben, nahm sich einen Agenten, schrieb weiter, der Agent schickte das Manuskript an Verlage, und die sagten ab. Einer nach dem anderen. „Irgendwann dachte ich, das mit der Freiberuflichkeit war wohl doch eine blöde Idee“, sagt Kutscher. Nach eineinhalb Jahren meldete Kiepenheuer und Witsch, Kutschers heutiger Verlag, Interesse an.

„Lesen Sie mal, das wird Ihnen gefallen.“

„Der nasse Fisch“ erschien 2007, der nächste Band im Jahr darauf. Sechs sind es inzwischen, die letzten drei landeten gleich weit oben in den Bestsellerlisten.
„Meine Bücher sind klassische Buchhandelstitel“, sagt Volker Kutscher. Die Fangemeinde wuchs durch Empfehlung, durch Buchhändler, die ihren Kunden einen Gereon-Rath-Band in die Hand drückten und sagten: „Lesen Sie mal, das wird Ihnen gefallen.“

Die sagten, das eigentlich Spannende seien nicht die Kriminalfälle, sondern, dass man Buch für Buch wie nebenbei versteht, wie aus der Stadt des exaltierten Nachtlebens, das auch Kommissar Rath gelegentlich frequentiert, die Hauptstadt der beginnenden Hitler-Diktatur wurde, wie sich der Alltag schleichend veränderte.

Man kann den Weg der Hauptfiguren buchstäblich verfolgen, jede Straße, jede U-Bahn-Station gibt oder gab es, auch Vergnügungsorte wie das Tanzlokal Moka Efti sind historisch und manche Personen, zum Beispiel Bernhard Weiß, Jude und bis 1932 Polizeivizepräsident, auf den im 1933 spielenden Band „Märzgefallene“ eine Hetzjagd in Charlottenburg veranstaltet wird.

Volker Kutscher recherchiert gründlich, in seinem Arbeitszimmer hängt ein Berliner Stadtplan aus den 30er-Jahren, vor jedem neuen Roman liest er gründlich Zeitung, das Berliner Tageblatt oder die Vossische Zeitung, die wurde allerdings 1934 eingestellt. Lebensmittel-Preise, Witze, Ausdrücke der Zeit, all das notiert er sich.

Eine enorme Vorarbeit, die sich die Filmregisseure zunutze machen konnten und die fraglos dazu beiträgt, dass man sich im wiedererstandenen Berlin der Fernsehserie auch dann noch gefangen fühlt, wenn man schon längst wieder durch das heutige Berlin spaziert. Auch Volker Kutscher gefällt, „dass man ganz drin“ ist in der Welt von „Babylon Berlin“.

Mit einem Faible für die Halbwelt

Die Fernsehserie ist, das bringt das Medium mit sich, auch da konkret, wo das Buch nur andeutet. Die Hauptfiguren, deren Aussehen Kutscher nie detailliert beschreibt, haben jetzt Gesichter. Gereon Rath, Kutschers Kommissar mit dem Faible für die Halbwelt, ein blasses, erschöpftes, seine Freundin Charlotte ein herausfordernd hübsches, mit keckem Blick. Außerdem kommt Charlotte, anders als im Buch, aus einem proletarischen Milieu.

Zu erzählen, wie sie mehr erreichen und dabei ihre Würde nicht verlieren will, ist eine der Freiheiten, die sich die Regisseure genommen haben. Für ihn ist das sehr in Ordnung, sagt Kutscher. Es gibt die Serie, und es gibt seine Bücher.

Er möchte, muss das trennen, zumal er noch drei Gereon-Rath-Bände schreiben wird, bis 1938 Schluss ist. Ihm wäre wichtig, dass weitere „Babylon Berlin“-Staffeln folgen, sagt er, wenigstens bis 1933. Weil es auch ihm ja nicht darum ging, einen Moment abzubilden, sondern eine Entwicklung.

Bei ihm ist die Welt schon dunkler geworden für Gereon Rath und Charlotte Ritter, sie hat ihren Traum aufgegeben, Polizistin zu werden, Anwältin kann sie unter den Nazis auch nicht mehr werden. Es sei kein schönes Gefühl, seine Figuren in diese immer schlimmer werdende Welt zu schicken, sagt Volker Kutscher. Aber er schreibt weiter. Gerade an Band sieben.