Von weitem sieht er aus wie ein Mann, der nur mal eben Zigaretten holen geht. Mišel Matičević überquert die Straße vor einem Café am Savignyplatz in Charlottenburg. Jeans, weißes T-Shirt, Pilotensonnenbrille. Er wohnt in der Gegend, es ist der alte Berliner Westen, das Café gehört zum Mobiliar der Nachbarschaft, unverändert seit Jahren und gänzlich unaufgeregt. Mišel Matičević hat einen festen Händedruck, seine Stimme klingt dunkel und substantiell, so einer muss nicht laut werden, um sich Respekt zu verschaffen. Oder gerät da schon etwas durcheinander? Matičević spielt manchmal durchaus furchteinflößende Männer und lässt sie verführerisch schillern. Wie die Figur, die er in „Babylon Berlin“ verkörpert – den König des Nachtlebens im Berlin der 20er-Jahre. Ein Mann, der von allen nur „der Armenier“ genannt wird. Matičević hat als Schauspieler eine besondere, körperliche und sensible Art, seine Figuren zum Leben zu erwecken.

Die Dreharbeiten zu den ersten beiden Staffeln von „Babylon Berlin“ liegen schon eine Weile zurück, die dritte Staffel steht an. Bevor Matičević erzählt, steckt er sich erst einmal eine Zigarette an, zum Glück kann man noch draußen sitzen. Es folgen einige Cappuccinos und noch ein paar Zigaretten, am Ende übernimmt er die Rechnung. Mišel Matičević gehört zu den Männern, die darauf bestehen.

Darf ich Ihnen ein Kompliment machen? In „Babylon Berlin“ sind Sie der am besten angezogene Mann der gesamten Serie.

Das kann man nicht sagen. Wir sehen alle dermaßen gut aus, wir haben alle ganz tolle Klamotten an.

Trotzdem, der Mantel mit Pelzbesatz sticht schon heraus, und offensichtlich durften Sie sich auch ganz normal die Haare waschen. Andere Schauspieler mussten Kernseife benutzen, damit ihre Haare authentisch verfilzt aussehen. Die hygienischen Verhältnisse im Berlin der 20er-Jahre wurden beim Drehen berücksichtigt.

Ja, und Zähneputzen war damals vielen auch nicht immer so möglich. Ich gebe Ihnen recht: Es gibt Szenen, in denen ich einen Smoking trage, und da sehe ich schon, ohne eingebildet zu sein, verdammt gut aus. Ich hatte vorher noch nie einen Smoking an und dachte bei der Kostümprobe: Boah, das sieht echt gut aus. Aber ich glaube, in einem Smoking sieht jeder gut aus, könnte man öfter mal anziehen. Ich würde nur ein anderes Hemd tragen. Eines, das ein bisschen weicher ist, das gibt es ja heute alles. Die Hemden, die ich in „Babylon Berlin“ trage, waren sehr unbequem. Aber, Gott, wie gut waren die Männer damals angezogen! Sie sehen selber, ich komme hier mit kaputten Jeans und einem weißen T-Shirt an.

Kleidung ist doch nie zufällig. Sie haben sich doch bestimmt vorher überlegt, was Sie heute zu diesem Interview anziehen.

Das ist bei mir nicht so. Ich bin froh, dass ich meinen Agenten habe, der mir mit den Klamotten ein bisschen hilft, er weiß besser als ich, was man bei Veranstaltungen so anzieht. Ich habe erst vor ein paar Jahren Anzug, Hemd und Krawatte schätzen gelernt. Früher ist mir das auf den Nerv gegangen, heute finde ich das Binden einer Krawatte extrem sexy und männlich. Das habe ich mir beigebracht, das muss dann schon sein. Früher hat mich das gestört, es war mir einfach lästig. Ich bin zwar heute noch gerne in Jeans, T-Shirt und am besten barfuß unterwegs, aber sich für eine Veranstaltung herzurichten, macht mir mittlerweile sogar Spaß.

Sie sind in den 70er-Jahren in Gropiusstadt aufgewachsen. Ein Ort, der durch die elende Kindheit der drogensüchtigen Christiane F. bekannt wurde.

Das war diese Zeit, Christiane F. war aber ein paar Jahre älter als ich, ich kannte sie nicht. Es sind Hochhaussiedlungen. Viele Gastarbeiter haben da gelebt, Familien wie wir. Meine Eltern kamen aus dem ehemaligen Jugoslawien, es gab eine arabische Familie, es gab Griechen, Türken, Italiener, es war alles vermischt in unserem Block, eine Bonzengegend war das nicht. Es gab ein Kino, Panorama hieß es, und da war ich oft. Ich kann mich noch an das Plakat eines Films erinnern, der zu den ersten gehörte, die mir prägend im Gedächtnis geblieben sind: „Dawn of the Dead“, einer der ersten Zombiefilme, das muss 1978 oder 1979 gewesen sein. Regisseur war George A. Romero. Das Plakat kennen Sie bestimmt auch, diesen Zombie mit dem abgeschnittenen Kopf. Ich habe es sogar als T-Shirt zu Hause.

Ja, ich erinnere mich, aber ich wäre da nie reingegangen. Und Sie waren ja noch ein Kind, sieben oder acht Jahre alt. War das kein Problem an der Kinokasse?

Ich bin oft alleine ins Kino gegangen. Ich habe alles angeguckt: die Bud-Spencer-Filme, Zeichentrickfilme wie „Bernard und Bianca“, „Aristocats“, die Louis-de-Funès- Filme.

Tagsüber, statt Schule?

Nee, nur am Wochenende. Da war ich noch ein guter Schüler, ich habe nicht geschwänzt. Aber ich bin im Kino großgeworden, das kann man schon sagen. Wenn die Vorstellungen voll waren, saß ich auf der Treppe, das wäre heute gar nicht mehr möglich. Als wir nach Spandau gezogen sind, Anfang der 80er-Jahre, habe ich im Kino Savoy „American Werewolf“ gesehen, mit elf oder zwölf, der Film war sicher erst ab sechzehn. Dem Typen an der Kasse war das scheißegal. Nach „American Werewolf“ hatte ich allerdings echt Alpträume. Für heutige Verhältnisse ist der Film nicht schlimm, aber mich haben manche Szenen daraus verfolgt.

Als Sie aufwuchsen, sprach man im damaligen Westdeutschland noch von „Ausländern“ und „Gastarbeitern“. Haben Sie sich als Kind und Jugendlicher herabgesetzt gefühlt?

Ich habe mir in den 70er-Jahren von Lehrern oft anhören müssen, dass ich nur Gast bin in diesem Land. Da war ich in der Grundschule. Ich war kein Engel, aber auch die deutschen Kinder haben Scheiße gebaut. Nur haben die dann keinen Ärger bekommen. Bei mir hieß es oft: Ach, das Gastarbeiterkind. Ein Lehrer hat mir sogar im Sportunterricht mal eine geknallt. Herr Kleene. Ich weiß den Namen heute noch. Der Mann ist mittlerweile bestimmt tot, Friede seiner Asche. Ich habe das damals meiner Mutter erzählt, die hat in der Schule einen Aufstand gemacht, das war der Hammer! Meine Eltern haben sich auch viel anhören müssen. Dreckige Ausländer, so was. Das prägt auch. Nur komisch war, dass die meisten „dreckigen Ausländer“ nach Deutschland geholt wurden, um den Dreck der Deutschen wegzumachen.

Waren Sie wütend?

Ich weiß es nicht mehr so richtig. Ich glaube, dass wir schon um Anerkennung gekämpft haben, wir Gastarbeiterkinder. Heute sagt man ja „Migrant“. Ich mag dieses Wort überhaupt nicht. Ich bin Gastarbeiterkind. Punkt. Da würde ich auch nicht diskutieren. Meine Eltern wurden im damaligen Jugoslawien angeworben.

In Kroatien.

Ja, das durfte man aber damals nicht sagen, es hieß Jugoslawien. Die Unterschiede wurden immer unter dem Deckel gehalten. Wenn wir als Kinder in den Ferien unten waren, und wenn die Verwandtschaft erwähnte, dass wir Kroatisch sprechen, konnte ich das nicht einordnen. Ich habe nicht verstanden, was das ist, kroatisch. Ich dachte: Wir sind doch Jugoslawen. Wir waren nicht nationalistisch.

Aber Sie können sich bekreuzigen – wie die kroatischen Fußballspieler nach einem Tor. Gerade eben zum Beispiel, als Sie über den Lehrer gesprochen haben, der sie geohrfeigt hat.

Natürlich, auf katholische Art, die Orthodoxen machen es anders, die machen es von rechts nach links. Wir sind Katholiken, und wir sind Vizeweltmeister, Sie dürfen mich also mit „Sir“ ansprechen.

War die Niederlage im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft keine Schmach für Kroatien?

Nein, die waren alle sehr stolz. Es ist so ein kleines Land, und daraus kristallisiert sich so eine tolle Mannschaft heraus. Wir können wirklich gut Fußball spielen.

Sie auch?

Als Kind und Jugendlicher ja. Ich muss auch gestehen, ich bin seit Jahren ein Fan des American Football, ich freue mich jedes Jahr, wenn die Saison wieder losgeht.

Da hängen Sie dann vor dem Fernseher?

Naja, dieses Jahr drehe ich noch zwei Monate lang – einen Kinofilm, ausgerechnet, wenn die Saison anfängt. Aber ich freue mich wahnsinnig auf diesen Dreh.

Was ist das für ein Film?

Der Film heißt „Exil“, ich spiele die Hauptrolle, meine Ehefrau im Film ist Sandra Hüller, Regie führt Visar Morina. Er kommt aus dem Kosovo, lebt aber schon lange in Deutschland. Eine tolle Geschichte – mehr darf ich nicht sagen.