Soll man sich ein Bildnis von Johann Sebastian Bach machen oder ihn doch als den Meister musikalischer Abstraktion verehren? Im Bachhaus Eisenach hat man gerade beide Möglichkeiten: Zum einen ist dort noch bis November eine Ausstellung zu Bachs Zahlensymbolik zu sehen.

Zum anderen ist, nachdem bereits im März ein wieder aufgefundenes Bach-Porträt in Pastell angekauft wurde, die größte Sammlung von Bach-Bildnissen um ein weiteres Exemplar erweitert worden: Das Ölbild zeigt denselben Ausschnitt eines Mannes mit umgekehrtem Notenblatt in der Hand wie das berühmteste aller Bach-Porträts von Elias Gottlieb Haußmann.

Das neu angeschaffte Bild diente ab 1798 als Vorlage für die Kupferstiche der frühen Bach-Verehrung, ging dann verloren und ist erst 1985 wieder aufgetaucht. Ob das Bild eine Kopie des Haußmann-Bildes ist oder doch zu Lebzeiten des Komponisten entstand, ist ungewiss; der Name, der auf einem der Kupferstiche als der des Malers genannt wird, kann auf Vater oder Sohn Goebel hinweisen, der Sohn wurde erst ein Jahr nach Bachs Tod geboren.

Unsere private Vermutung: Das Bild ist erst nach Bachs Tod gemalt worden, denn Bach hält ein Notenblatt mit den Noten seines Namens in der Hand: B-A-C-H. Dass Bach die Buchstaben seines Namens zu Noten machen konnte, war zwar zu Lebzeiten bekannt, aber kompositorisch umgesetzt hat Bach diese Tatsache erst in der Kunst der Fuge, die nach seinem Tod erschien. Auf dem vermutlichen Vorbild von Elias Haußmann hält Bach dagegen einen Kanon in der Hand, der es in sich hat und zahlensymbolisch mit den Knöpfen seines Rockes korrespondiert.

Jawohl: mit den Knöpfen. Es sind 14 Stück, und 14 ist die Summe der Buchstaben seines Nachnamens, wenn man A mit 1, B mit 2 und so fort chiffriert; 14 gilt als die Bach-Zahl schlechthin. Der Kanon, den Bach dem Betrachter entgegenhält, stammt aus den wiederum 14 Kanons, die Bach über den Bass der Goldberg-Variationen schrieb. Dieser Bass stammt von Georg Friedrich Händel, und wenn man den Kanon auflöst, umfasst er 60 Noten, was wiederum zahlenalphabetisch „G. F. Haendel“ entspricht.

Namen, Töne, Knöpfe: Die Zahlensymbolik oder gar Zahlenmystik Bachs ist ein weites Feld, in dem Sinn sehr plötzlich in Spitzfindigkeit und Unsinn umschlagen kann. Seit der Bach-Forscher Friedrich Smend anhand des Haußmann-Porträts teils Interessantes herauszählte, teils kombinatorisch über die Stränge schlug, ist dieser spekulative bis esoterische Aspekt von Bachs Musik akribisch durchsucht worden. Das schönste Beispiel ist die Ansicht, dass Bach in den Moll-Kanons der Goldberg-Variationen sogar sein Todesdatum vorhergesagt haben soll – da hat ein Musikwissenschaftlicher offenbar genau gewusst, wonach er sucht.

Insofern wirkt es zunächst fast ein bisschen altbacken und naiv, wenn Jörg Hansen, der Leiter des Bachhauses in Eisenach, diesem Thema noch einmal eine Ausstellung widmet. Doch Hansen ist ein kritischer und intensiver Bach-Forscher, der in der Ausstellung mit Ironie Erkenntnis von Spökenkiekerei zu trennen versteht.

Modernes Ausstellungsdesign schließlich nimmt dem Thema seine Kompliziertheit: So kann man anhand von verschiebbaren Schablonen tatsächlich nachvollziehen, wie Bach eine Melodie mit sich selbst kombiniert, indem er sie rückwärts oder mit umgekehrten Intervallen oder einfach zeitlich versetzt zusammenfügt. Launige Filme, in der Animation am Rande des Respektlos-Läppischen, würfeln Noten, Zahlen und Buchstaben ebenfalls bunt durcheinander und veranschaulichen, was Bach alles in seine Stücke hineingeheimnist hat.

Dass Bach sich dergleichen nicht ausgedacht hat, bezeugen ältere Dokumente zur Verschlüsselung von Buchstaben in Zahlen und überhaupt die Bedeutung von Zahlen im Barock. Interessant wäre auch die Rezeptionsgeschichte der Zahlenmystik, die Frage, warum dergleichen in der Bach-Exegese in der Nachkriegszeit derart einschlug – und heute keine Rolle mehr spielt. Bach ging aus dem Rausch der Nazi-Zeit als unbezweifelbare Größe hervor, und dergleichen „objektive“ Geltung ließ sich durch Zahlen noch „objektiver“ untermauern – um auf derart „objektivem“ Fundament um so steiler ins Irrationale übersteigert zu werden.

Denn was man zählt – Töne, Takte, Stimmen, Sätze – und wie man damit rechnet, ist vollkommen offen; und irgendeinen Sinn ergibt jede Zahl. Mittels eines Computerprogramms hat der Musikwissenschaftler Matthias Wendt Bachs Werk schon vor 20 Jahren nach der 13 durchsuchen lassen – und hat haufenweise Belege gefunden für eine theologisch und für Bach eher sperrige Zahl. Am Bachhaus nimmt man nun eine entspannte Haltung dazu ein. Gewisse Dinge sind nicht vom Tisch zu wischen. Augenzwinkernd findet die Ausstellung im Jahr von Bachs 329. Geburtstag statt – Quersumme 14.

Bachhaus Eisenach, täglich geöffnet von 10-18 Uhr. www.bachhaus.de