Die folgenreichste Nachricht des gestrigen Vormittags könnte Burkhard Spinnens Mitteilung sein, dass dies nach 14 Jahren seine letzte Runde als Jury-Vorsitzender des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preises war. Er sei weder rausgeschmissen worden noch krank, Rotation und Vielfalt aber gehörten zum Programm der Tage der deutschsprachigen Literatur. „Tschüss“, sagte er.

Nun ist es so, dass Burkhard Spinnen ein echter Bühnenkünstler ist (um nicht zu sagen eine rhetorisch bestens geschulte Rampensau). Die Art, in der er das gute, analyseorientierte Diskussionsniveau gemütlich böse zu unterlaufen pflegte, hatte oft Hand und Fuß. Neben gelungenen Späßen (und blöden) interessierte er sich für die gesellschaftliche Relevanz eines Textes. Im Gestrüpp der Details ist das kein Fehler.

Im 38. Wettbewerb war die Jury häufig sogar fidel. Der neue österreichische Juror Arno Dusini brachte zwar die Kategorie des Beleidigtseins zurück in die coole Runde, aber es gibt Zuschauer, die das vermisst hatten. Insgesamt waren die Kritiker um Worte weniger verlegen als die vorgetragenen Texte. Teils wurden diese überraschend wohlwollend behandelt. Denn die Lebhaftigkeit der Jury stand in einer Beziehung zu der Textschwäche der Runde 2014, als gälte es ein Vakuum zu füllen.

Wenige Geschichten, die über den Tellerrand alltäglicher Beziehungspleiten blickten, noch weniger Geschichte, die der selbstgestellten Anforderung formal gerecht wurden. Zu letzteren gehörten die Preisträger, bestimmt in zahlreichen Stichwahlrunden. Denn wie es dem Publikum schwer fallen musste, preiswürdige Favoriten zu erkennen, so gingen die Jurymeinungen weit auseinander.

Es war angesichts der zur Wahl stehenden Beiträge dann ein logisches Ergebnis: Der 52-jährige Tex Rubinowitz, in Wien lebender Niedersachse und als Cartoonist und Autor der prominenteste Bewerber, gewann den mit 25000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis. So dass das Publikum zwar nicht der Geburt eines Autors beiwohnte, aber doch einen fertigen, bei aller Schnoddrigkeit souverän erzählten und in einem eher antihumoristischen Jahrgang ausgesprochen lustigen Text gewürdigt sah.

„Guten Tag“ ist wie „Ich liebe dich“

„Wir waren niemals hier“ erzählt in Rückblende von einem Studenten, der sich völlig vergeblich in eine total neurotische litauische Schneekönigin verliebt. Liebe, Nähe, Sexualität, das wird jedem klar, bloß dem jungen Mann nicht, erweisen sich als Dinge der Unmöglichkeit. Das wird sagenhaft redselig – und doch „irgendwie verschlafen“, so Laudatorin Daniela Strigl – in Szene gesetzt. Die ewig ferne Geliebte, die längst bei dem jungen Mann wohnt, stellt ihm kleine Minnedienstaufgaben – den Diebstahl eines Brathuhns – und baut dabei ihre Unzugänglichkeit elegant aus. Seinem Vorwurf, sie tue nichts, kontert sie mit einem Koreanisch-Kurs. Nun kann sie „Anjong“ zu ihm sagen, „Guten Tag“, das solle er wie ein „Ich liebe dich“ verstehen. Mehr um die Ecke kann Liebe nicht gehen. Im pointenreichen Ton verbarg sich mehr tragisches Potenzial als bei manchem den hohen Ton suchenden Mitbewerber.

Der Berner Michael Fehr, 1982 geboren, gewann den mit 10.000 Euro dotierten Kelag-Preis. Fehr, in der Schweizer Spoken-Literature-Szene zu Hause, wurde mehr oder minder unverhohlen auch für seinen Auftritt ausgezeichnet. Er erst, fand etwa Meike Feßmann, gab seinem Text „Simeliberg (Auszüge)“ seine Poesie. Fehr, sehbehindert, hört seine Aufnahme der Worte über Kopfhörer, das leicht verzögerte Nachsprechen beim gemächlichen Hin- und Hergehen prägt die Performance reizvoll. Recht raffiniert aber auch das Spiel, das Fehr serviert, wenn die „Auszüge“ aus einer bodenständigen und doch windigen Schweizer Provinzgeschichte, in deren Mittelpunkt ein wackerer, bewaffneter Gemeindeverwalter und ein paar dubiose Schwarzuniformierte stehen, alles sagen, was zu sagen ist.

Erneut knapp kam als Dritter der Berliner Philosophie-Doktorand und literarische Debütant Senthuran Varatharajah, 1984 in Sri Lanka geboren, zum Zuge. Den mit 7500 Euro dotierten 3Sat-Preis erhielt er für einen Auszug aus dem entstehenden Roman „Vor der Zunahme der Zeichen“. Via Facebook erzählen sich ein Tamile und eine Albanerin, beide als Kinder nach Deutschland gekommen, voneinander. Beide mit seltsam ähnlichen Biografien belastet. Sie spricht im Alltagston, er im gehobenen Ton des Hegel-Studierenden. Die „platonischen Dialoge“, fand Laudatorin Feßmann, zeichne „große Zartheit in dieser durch und durch reflektierten Prosa“ aus.

Publikumspreis für „Muttertagsfiasko“

Gut aber auch, dass beim Ernst-Willner-Preis, seit diesem Jahr Mr. Heyn’s Ernst-Willner-Preis (nach der die 5000 Preis-Euro stiftenden Buchhandlung), die Berlinerin Katharina Gericke dran war. Neben der von Tex Rubinowitz hatte sie die ausgereifteste Arbeit eingereicht. Leicht, ja, kiezmäßig, o ja, und bald schon mit Schnauze vorgetragen, aber doch gewieft. Auch „Down down down“ erzählt vom Missglücken der Liebe, indem ein älteres Pärchen (lieben sie sich? einmal umarmen beide seinen Hund, immerhin) empathisch das Unglück eines jüngeren beobachtet, das in einem Aida-Dreieck steckt. Die Oper als eine Königin der Fallhöhe in jeder Beziehung ist hier wichtig. Enorm, dass Spinnen Gericke vorschlug und freimütig bekannte, mit Opern nichts anfangen zu können. Mit dem Publikumspreis (7000 Euro) wurde die ebenfalls andauernd in der engeren Wahl mitlaufende, von Hubert Winkels vorgeschlagene Gertraud Klemm mit ihrer wuchtigen, aber auch schön überkandidelten Suada über ein „Muttertagsfiasko“ (Hildegard Keller) gewürdigt.

Und wer soll nächstens den Kampf gegen das Klingeln von Handys während der Lesungen antreten? Man wird sehen. In dieser Woche erscheint jedenfalls bei Schöffling der neue Roman von Burkhard Spinnen.