Die deutsche Autorin Helga Schubert . 
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BerlinAm Sonntagmittag stehen die Preisträger des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 2020 fest. Helga Schubert, die mit 40 Jahren Verspätung antreten konnte, Laura Freudenthaler und Egon Christian Leitner haben gewiss Chancen auf die eine oder andere Auszeichnung. So gut gearbeitet sind ihre Texte, so positiv wurden sie in den vergangenen drei Tagen besprochen. Aus der Runde der 14 Autorinnen und Autoren stellt die Jury eine Shortlist von sieben Finalisten zusammen, die am Sonntag ab 11 Uhr abschließend diskutiert wird. Eine Bilanz lässt jetzt schon ziehen: Es ist ein sehr erfolgreicher Jahrgang.

Und das liegt am Format. Es war ein Wagnis, das sonst live und vor Publikum im ORF-Theater von Klagenfurt durchgeführte Wettlesen in den digitalen Raum zu verlegen. Die 44. Tage der deutschsprachigen Literatur hatten ein ästhetisch und technologisch durchdachtes und – mit winzigen Ausnahmen – funktionierendes Konzept.

Vielleicht ist ein Literaturwettbewerb einfach gut geeignet für eine Online-Fassung. Man muss beim Vergleich nicht nur an die witzigen Clips verzweifelter Moderatoren und verwirrter Sprecher vom Online-Bundesparteitag der Grünen denken. Auch die Verleihung des Deutschen Filmpreises mit Zuschaltungen von überallher hatte nicht die Festlichkeit der sonstigen Galas. Und das Theatertreffen in Berlin konnte nicht nur nicht alle eingeladenen Inszenierungen als Stream zeigen, die Aufführung eines Theaterstücks braucht für seine Wirkung den realen Raum.

Für den ersten guten Eindruck vom Bachmann-Wettbewerb sorgten die Lesungen selbst: Die Schriftsteller trugen ihre Texte an Orten ihrer Wahl vor, sie mussten zwar komplett 30 Minuten lesen, wie unter den Live-Bedingungen sonst, kleine Verhaspler und Pausen eingeschlossen. Doch der Prüfungsstress, den die Wettbewerbslesung für einige von ihnen sonst bedeutet hätte, fiel weg (bedauerlicherweise auch die Reise an den Wörthersee, stimmt). Übertragen wurden ihre Auftritte durch eine Schnitttechnik und Kameraführung, die von der Totale ins Detail und zur Seitenansicht wechselte, zwischendurch war auch das Studio zu sehen mit der lesenden Person auf dem Bildschirm. So ließ sich eine halbe Stunde viel besser durchhören und -schauen als bei vielen der Zoom- oder Streaming-Lesungen, die in den vergangenen Wochen probiert worden sind.

Die aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zugeschalteten Juroren Insa Wilke, Nora Gomringer, Brigitte Schwens-Harrant, Hubert Winkels, Klaus Kastberger, Phillip Tingler und Michael Wiederstein sprachen im Wechsel, ordentlich von Christian Ankowitsch moderiert. Sie konnten sich nicht ins Wort fallen, wie sie es vor Ort vielleicht getan hätten, sie fochten dennoch Streit aus. Also gewann das Publikum Erkenntnisse über unterschiedliche literaturkritische Verfahren, lernte die jeweiligen Texte besser kennen und wurde auch noch gut unterhalten. Und das alles kann man auch noch später anschauen.