Der Moderator Christian Ankowitsch (rechts) und der Justitiar Andreas Sourij beim Auslosen der Lese-Reihenfolge. 
Foto: ORF/Johannes Puch

BerlinHelga Schubert sagt einen ungehörigen Satz: „Für mich ist Corona eigentlich ganz gut.“ Bevor nun eine Empörungswelle über die Schriftstellerin im Risikogruppenalter schäumt, sei er in seinen Zusammenhang gebracht: Sie ist eingeladen, am diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teilzunehmen. Wegen der Pandemie muss sie dafür nicht nach Klagenfurt reisen.

Die Tage der deutschsprachigen Literatur finden seit 1977 in der Geburtsstadt Ingeborg Bachmanns am Wörthersee statt. Zuvor ausgewählte Autorinnen und Autoren lesen unveröffentlichte Texte von je einer halben Stunde Länge, eine weitere halbe Stunde lang diskutiert die Jury das Gehörte. Seit 1989 wird der Wettbewerb zwar von 3sat übertragen, doch für Teilnehmer, Juroren, Zuhörer ist er auch ein beliebter Sommerausflug: Zeit zum Kontakteknüpfen, Plaudern, Spazieren.

In diesem Jahr ist die Veranstaltung erst ganz abgesagt worden, dann aber in ein digitales Format umgebaut worden. Helga Schubert kann also in Neu Meteln in Mecklenburg bleiben, wo ihr pflegebedürftiger Mann rund um die Uhr ihre Hilfe braucht. Die Vorstellung, für mehrere Tage einen Ersatz finden zu müssen, trieb sie um, als ihr die Literaturkritikerin und Klagenfurt-Jurorin Insa Wilke vor Monaten andeutete, sie für den Wettstreit vorzuschlagen. Nun ist sie ihre Sorge als Betreuerin los und hat trotzdem ihren Auftritt als Schriftstellerin.

Als solche hat man sie jahrelang nicht wahrgenommen. Schubert, ausgebildete Psychologin und Psychotherapeutin, veröffentlichte seit 1975 Erzählungsbände wie „Lauter Leben“ und „Die Andersdenkende“, schrieb das Szenarium zum Defa-Film „Die Beunruhigung“ (1983), beschäftigte sich mit Denunziantinnen im Dritten Reich („Judasfrauen“). Ihre letzte eigenständige Buchveröffentlichung erschien 2003: „Die Welt da drinnen“, Ergebnis jahrelanger Recherche über Euthanasie in der Schweriner Nervenklinik.

Helga Schubert, geboren 1940 in Berlin. 
Foto: Johannes Helm/ORF/dpa

Geschrieben hat sie weiterhin. In der Galerie für die Bilder ihres Mannes Johannes Helm moderiert Helga Schubert Gespräche und liest eigene Texte. „Ich habe mein Publikum“, sagt sie, „130 Veranstaltungen hatten wir, mit meistens 70 Gästen.“ Sie sitzt mit dem Telefon im Garten. Im Video für den Wettbewerb auf https://bachmannpreis.orf.at/ wirkt ihr Haus einsam gelegen. Doch sagt sie: „Wir gehören hier zum Speckgürtel von Schwerin.“

Helga Schubert ist 80, die meisten anderen Teilnehmer sind nicht halb so alt wie sie. Vor vierzig Jahren aber, deshalb empfindet sie gerade 2020 als so besonders, war sie schon einmal eingeladen. Doch bekam sie (wie zum Beispiel auch Monika Maron, Joachim Walther oder Adolf Endler) von der DDR keine Ausreisegenehmigung. Sie schrieb damals den Veranstaltern, man habe ihr gesagt, die Veranstaltung ginge vom „Begriff einer einheitlichen deutschen Literatur aus, von dem man ja bei uns bekanntlich nicht ausgeht. Durch eine Teilnahme würden wir als DDR-Schrift­steller diese Konzeption stützen.“ Im verblichenen Staate wollte man eine eigene Literatur entwickeln.

In der frühen Zeit war es vier Autoren aus der DDR gestattet, nach Klagenfurt zu fahren: Rolf Schneider, Ulrich Plenzdorf, Helga Schütz und Jurek Becker. Dann war Schluss mit Ausreisegenehmigungen – bis 1987. Als Marcel Reich-Ranicki, berüchtigt als Antikommunist, den Juryvorsitz abgab, kamen zwei Juroren aus der DDR in die Runde, eine davon war Helga Schubert. Das hat kann man nachlesen in der Zeitschrift Sprache im technischen Zeitalter (Spr.i.t.Z.). Die aktuelle Ausgabe des vom Literarischen Colloquium Berlin herausgegebenen Magazins beschäftigt sich in einem hochinteressanten Schwerpunkt mit der Präsenz von Autoren aus der DDR in Klagenfurt. Der folgt einer Tagung, die Thomas Geiger vom LCB kuratierte und zusammen mit dem Österreichischen Kulturforum unter dem Titel „Klagenfurt Revisted“ veranstaltet wurde. Dort begegnete Insa Wilke zum ersten Mal Helga Schubert.

In der Spr.i.t.Z. wird ein Artikel aus der FAZ von damals zitiert, der die neuen Juroren lobt, den „preußisch korrekten Werner Liersch“ und die „liebenswürdig warmherzige Helga Schu­bert“. Na ja, sagt sie heute dazu, sie habe eben immer auf der Seite der Autoren gestanden. Dass viele Jurymitglieder das Forum nutzen, um sich selbst gut darzustellen, weiß jeder, der die Schnellkritik nach den Lesungen einmal am Bildschirm verfolgt hat.

Diesmal sitzen die sieben Juroren an ihren Wohnorten in Österreich, Deutschland und der Schweiz, zugeschaltet auf Monitoren sichtbar. Im Landesstudio des Österreichischen Rundfunks in Kärnten sind nur der Moderator Christian Ankowitsch und ein Justitiar. Der ORF versucht das Virtuelle so lebendig wie möglich wirken zu lassen und lässt die vorab aufgezeichneten Lesungen live schneiden und aus verschiedenen Blickwinkeln einspielen. Am Mittwochabend wurde die Veranstaltung bereits mit einem Vortrag der Preisträgerin von 2016, Sharon Dodua Otoo, eröffnet. Sie machte auf die Sprache als Mittel der Differenzierung aufmerksam, zeigte sich überzeugt, dass die deutschsprachige Literatur daran wachsen kann, wenn sie diversen Stimmen Raum gibt - auch den Menschen der afrikanischen Diaspora, zu denen sie sich zählt.

Außerdem wurde die Reihenfolge der Lesungen ausgelost. Die Hamburgerin Jasmin Ramadan beginnt am Donnerstag um 10 Uhr, Helga Schubert ist am Freitag um dieselbe Uhrzeit an der Reihe, als letzte Lesung ist am Sonnabend ab 13.30 Uhr die von 
Meral Kureyshi aus Bern zu hören. 3sat überträgt sie wie auch die Diskussionen und am Sonntagvormittag dann die Verkündung der Preisträger. Wer von den Gewinnern noch keinen Buchvertrag hatte, bekommt danach sicher einen. Denn dass der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb die Aufmerksamkeit von Lektoren und Agenten hat, das war schon immer so und wird im digitalen Jahrgang nicht anders sein.  

Anmerkung: Solange die Zeitschrift Sprache im technischen Zeitalter noch nicht im Buchhandel ist, kann man eine Bestellung vormerken unter geiger@lcb.de