Was ist Geld? Ein Stück Papier mit einer Zahl drauf. Viel Geld ist eine Notiz auf dem Kontoauszug und sehr viel Geld eine Kurve auf der Börsen-App. Für Geld wird geliebt, gemordet und gearbeitet. Wenn man Geld übrig hat, bringt man es auf die Bank.

Aber die Bank ist nur eine Fiktion. Die Bank, das sind Menschen, die das, was wir Geld nennen, als Einsatz für ein Spiel verwenden, dessen Regeln nur sie verstehen. Von diesem Spiel mit Derivaten, Bonds und Products erzählt auf imponierende Weise die deutsche Thrillerserie „Bad Banks“.

Die Geschichte beginnt mit dem, wovor sich die Welt mehr fürchtet als vor Atomraketen aus Nordkorea – einem Finanzcrash. Aufruhr im Frankfurter Bankenviertel, Schlangen an den Geldautomaten und im Fernsehen der zynische Politikerappell: „Lassen Sie Ihr Geld auf der Bank. Ihr Geld ist sicher.“ Von wegen.

Durch dieses apokalyptische Szenario stiefelt eine junge Frau, die im schwarzen Kapuzenpulli eher wie eine Occupy-Aktivistin aussieht als eine Investmentbankerin. Die sie aber ist. Sie heißt Jana Liekam (Paula Beer) und hat das System, dem sie mit ihrem Hirn und sogar mit dem Herzen gedient hat, fast im Alleingang gestürzt. Als sie noch einmal in den Großraum ihrer Bank zurückkehrt, der jetzt verwaist und verwüstet ist, trifft sie ihren früheren Chef Gabriel Fenger (Barry Atsma), der sie anbrüllt: „Wofür Jana? Wofür!“

Informationen als Dopingmittel

Das ist die Frage, der die von Christian Schwochow inszenierte Serie in fünf Stunden Laufzeit nachspürt. Alles beginnt in Luxemburg, acht Wochen zuvor. Die Bankerin Jana, Mitte zwanzig, 160.000 Euro auf dem Konto, kriegt einen Tobsuchtsanfall, als sie entlassen wird. Sie war in ihren Geschäften besser als der Sohn des Chefs, was nie eine gute Arbeitsgrundlage ist.

Noch am Abend ihres Rausschmisses bietet ihr eine Spitzenmanagerin des Hauses an, sie ein bisschen unter ihre Fittiche zu nehmen. Christelle Leblanc (Desirée Nosbusch) hat die Begabung der jungen Frau erkannt und würde sie gern eine Weile bei der Frankfurter Konkurrenz parken, bis sich wieder was ergibt.

Zum Dank wären ein paar Information hier und da schön. Informationen sind das Dopingmittel im Investmentbanking, das hat Jana Liekam schnell begriffen. In ihrem Job als Strukturiererin, den sie wie Extremsport betreibt, trainiert sie strukturiertes Denken täglich – wie einen Muskel. Sie nimmt den Deal an und spielt für ihre Mentorin den Spitzel.

Grandioses Comeback für Nosbusch

Desirée Nosbusch und Paula Beer entwickeln aus dem Agreement ein Duell von bestechender Perfidie. Die ehrgeizige Elevin hier, die intrigante Eminenz dort. Wie sie sich umschmeicheln und manipulieren, gleichermaßen Spielerinnen und Figuren in einer Partie, die ihnen immer mehr entgleitet.

Für Desirée Nosbusch hatte das deutsche Fernsehen lange nichts zu tun, umso bemerkenswerter ist jetzt ihr Comeback: Sie spricht sechs Sprachen fließend, führt ein eigenes Unternehmen, diese Weltläufigkeit findet man nicht beim Casting.

Was bei ihr als nonchalante Fiesheit durchgeht, wirkt bei dem Niederländer Barry Atsma in der männlichen Hauptrolle mitunter zu forciert. Wenn er seine Leute mit Kampfansagen drillt, kommt er einem wie ein Schauspieler vor, der einen Schauspieler spielt, der in einem Bankenfilm mitmacht.

Eine Serie braucht Identifikation, eine Figur, der man bedingungslos über alle Höhen und Tiefen folgt. Und sei es ein Investmentbanker. Oder eben eine Bankerin. Fenger schrammt zu dicht am Klischee entlang, aber auch Jana Liekam als kühle Karrieristin hält einen als Zuschauer seltsam auf Distanz.

Die Herausforderung bei diesem Sujet liegt darin, Prozesse, die sich in den Gehirnen der Banker und den virtuellen Räumen des Bankings abspielen, in dramatische Geschichten zu übertragen. Das nun wieder funktioniert über weite Strecken erstaunlich gut.

An ihrem neuen Arbeitsplatz bei der Deutschen Global Invest in Frankfurt am Main landet Jana Liekam in einem Trupp von blutjungen Bankern, die den Schimpfnamen Finanzjongleure als Ehrentitel verstehen. Jeder von ihnen folgt im Rausch des Geldes seiner eigenen Sucht. Es geht um Wohlstand, Sex, Status, Adrenalin, Befriedigung.

Es geht aber immer auch um den Wert, mit dem ihre Position in der modernen Arbeitswelt und damit ihr Leben bemessen wird. Hier weist die Serie über die Finanzwelt hinaus. Bin ich die Nummer 1 im betrieblichen Ranking oder komme ich nicht vor.

So unterschiedlich ihre Charaktere und Motivationen sind, es eint sie die Gier nach Erfolg. Spürbar durch die tägliche Bilanz oder die Anerkennung des Chefs. Falls es sie denn mal gibt: „Wenn du gelobt werden willst, werde doch Krankenschwester“, raunzt Gabriel Fenger seine Untergebene einmal an. „Verdienst du nur weniger.“

Anschluss an die internationale Spitze

Mit „Bad Banks“ schließt Christian Schwochow zur internationalen Serienspitze auf. Der Anstoß zu dem Projekt, das konzeptionell und visuell einen Innovationsschub für das deutsche Fernsehen bedeutet, kam von der Produzentin Lisa Blumenberg, die schon seit der Finanzkrise vor zehn Jahren die Idee mit sich herumtrug.

Sie zog dann den Autor Oliver Kienle hinzu, der mit ihr die Figuren entwickelte. Später übernahm der Regisseur Schwochow, der mit Filmen wie „Novemberkind“ und „Paula“ im Kino erfolgreich war und für die ARD unter anderem den Dreiteiler „Der Turm“ inszeniert hat.

Ein Jahr Recherche

Christian Schwochow kommt vom Journalismus und so hat er vor den Dreharbeiten erstmal ein Jahr lang recherchiert, er hat mit mehr als fünfzig Bankern gesprochen. Da gab es die, die ihren Beruf lieben und die, die ihn hassen. „Darunter waren die interessantesten Leute, die ich je getroffen habe“, sagt er. „Sie müssen offen und neugierig sein, politische und gesellschaftliche Zusammenhänge kennen, weil alles Einfluss auf die Märkte hat.“

Er hat es sogar geschafft, inkognito den sogenannten Trading Floor zu beobachten, das ist der Raum, in dem die Tagesgeschäfte abgewickelt werden. Normalerweise kommt man da nach der Bankenkrise nicht mehr so leicht rein. Heute sei das nicht mehr der große Affenzirkus, sagt Christian Schwochow.

Da werde nicht mehr so viel rumgeschrien und telefoniert, wie man das aus Filmen wie „Wallstreet“ kennt. Vieles funktioniere über Chats und Mails. So sind sie in ihrer Inszenierung schon ein bisschen über die Realität hinausgeschossen. Es ist ja kein Dokumentarfilm.

Der Bankbetrieb brodelt hier wie ein Schnellkochtopf, immer unter Druck, immer kurz vor dem Knall. Das balanciert manchmal hart am Rand der Kolportage, stürzt aber nie ab, weil der Regisseur im letzten Moment den Schritt zur Seite macht.

Das dramaturgische Konzept der Serie erlaubt es ihm, das hohe Tempo zu variieren und sich auch mal entfernteren Handlungsgeflechten zu widmen, wie der Leipziger Großbaustelle, wo der Bürgermeister (Jörg Schüttauf) auf eine Finanzspritze wartet, um seine Kräne wieder kreisen zu lassen.

Diesen ja nur scheinbaren Nebenschauplätzen hätte die Geschichte ruhig noch mehr Zeit und Aufmerksamkeit widmen können, wie auch den Nebenfiguren und den privaten Hintergründen. Vieles bleibt unscharf, wird bestenfalls angerissen, dabei ist eine kaputte Liebesbeziehung oder eine skurrile Beamtenexistenz bisweilen spannender als noch ein weiteres neues Finanzprodukt.

Das Ende von „Bad Banks“ wirkt wie ein Versprechen. Es gibt Serien, die sich erst in der zweiten Staffel voll entfalten. Die wird hoffentlich recht bald in Auftrag gegeben.

„Bad Banks“ wird am 1., 2. und 3. 3.  jeweils ab 20.15 Uhr auf Arte gezeigt; am 3., 4. und 5. 3. dann im ZDF. Schon jetzt sind alle sechs Folgen in der Mediathek von ZDF und Arte abrufbar.