Es ist ein selten guter Tag für das El Royale: Das einst schmucke, inzwischen vergilbte Hotel, das mit einem Flügel in Kalifornien und mit dem anderen in Nevada liegt, hat immerhin vier Gäste. Ehemals war der Komplex ein Hotspot für die Reichen und Schönen auf halbem Weg zwischen L.A. und Vegas. Aber jetzt, Ende der Sechzigerjahre, gammeln hier die Sandwiches im Snack-Automaten grünlich vor sich hin und nur noch der junge Miles (Lewis Pullman) wacht über das Hotel. 

Die unerwarteten, in kurzer Folge eintreffenden Gäste scheint das aber nicht zu stören. Nicht den redseligen Staubsaugervertreter Sullivan (Jon Hamm) oder die stille Afro-Amerikanerin Darlene (Cynthia Erivo), den etwas verhuschten Pfarrer Flynn (Jeff Bridges) und schon gar nicht das rotzige Hippie-Mädchen (Dakota Johnson), das sich mit „Fuck you!“ im Gästebuch einträgt. Ein merkwürdiger Ort, eine bunte Menschen-Mischung.

Rückblenden und Seitenblicke

Der Regisseur und Autor Drew Goddard stellt beide, Hotel wie Besucher, Schritt für Schritt und in Kapiteln vor, natürlich ist hier nichts, wie es scheint. Der Vertreter ist FBI-Agent und findet in seinem Wunsch-Zimmer, der kitschigen Flitterwochen-Suite, zahllose Abhörgeräte − Wanzen seiner Behörde, aber auch die von jemand anderem.

Das Hippie-Mädchen fesselt ein geknebeltes Mädchen, das sie aus dem Kofferraum holt, an einen Stuhl. Der Pfarrer legt in seinem Zimmer die Dielen frei und gräbt unter dem Boden nach etwas, das ein Ganove im Film-Prolog unter dem Hotel versteckt hat. Mit Rückblenden und Seitenblicken skizziert „Bad Times at the El Royale“ dabei, was alle Figuren mit sich herumtragen: Einen schief gelaufenen Coup von einst, eine schwierige, gewalttätige Jugend, eine stockende Karriere, den Vietnam-Krieg.

Darlene, eine tolle Soul-Sängerin, plagen die Erinnerungen an den widerlichen britischen Musik-Produzenten, der sie sexuell bedrängt hat; er könne sie ja aus der mies bezahlten zweiten Reihe holen und zum Superstar machen, wenn sie nur „mitspiele“. Das bewaffnete Hippie-Mädchen wiederum, Emily, ist keine Entführerin: Das gefesselte Mädchen ist ihre Schwester Ruth, die sie nur zu ihrem eigenen Schutz ruhiggestellt hat, man versteht bald warum. Goddards Film wird wenig später recht gewalttätig.

Alles sehr hübsch, aber etwas zu viel

Lange zieht „Bad Times at the El Royale“ beachtlichen Reiz aus der nostalgischen Kulisse, seinen erzählerischen Wendungen, seinem sozialkritischen Unterton; gestalterisch kann man dem Film nichts vorwerfen, die Musik – hübsche Soul- und Pop-Songs wie auch der Score von Michael Giacchino – gibt der Geschichte Spannung und einen ironischen Zug. 

Auch die eigenwilligen Figuren, teils gewohnt (Bridges, Hamm), teils überraschend (Johnson und, ganz großartig, Cynthia Erivo) überzeugend gespielt, fesseln einen. Später kommt noch Chris Hemsworth dazu, der seinen Billy Lee mit düsterer Komik als Hippie-Sektenführer irgendwo zwischen Jim Morrison und Charles Manson spielt.

Das ist alles sehr hübsch. Aber irgendwann auch etwas viel, in der Länge wie in der Konstruktion der Handlung. Goddard kommt aus dem Umfeld von J.J. Abrams, war Autor bei „Alias“, „Lost“ und „Cloverfield“: Wie schon sein Regie-Debüt „Cabin in the Woods“ (2012) ist auch „Bad Times at the El Royale“ ein allzu durchdachtes Spiel mit Kino-Konventionen, eine Versuchsanordnung. Der Autor Goddard hätte einen konzentrierteren Regisseur gebraucht, der Regisseur Goddard einen strengeren Produzenten. 

Erst spannend, dann erschöpfend

Doch alle drei Positionen hat er hier selbst übernommen. Und „Bad Times at the El Royale“ verliert im letzten Drittel zusehends an Kitzel und Dringlichkeit, weil sich der Filmemacher offenbar von keiner Idee und keinem Bild trennen wollte. Vielleicht hat die TV-Arbeit oder sein Hang zu Comics – er war Berater bei „Deadpool 2“ und soll demnächst „X-Force“ drehen − Drew Goddard erzählerisch verdorben. Man fragt sich, was seine Bezugspunkte, Tarantino und die Coen-Brüder, aus Prämisse und Plot gemacht hätten.

Was hier bleibt, ist so was wie „Lost im Hotel“, eine zunächst spannende, später erschöpfende Mystery-Geschichte. Wie bei einer filmischen Matrjoschka legt Goddard Überraschungen frei, aber irgendwann wird das Unerwartete hier dann doch seltsam gewohnt.

Bad Times at the El Royale, USA 2018. Regie & Drehbuch: Drew Goddard, Kamera: Seamus McGarvey, Darsteller: Jeff Bridges, Cynthia Erivo, Dakota Johnson, Lewis Pullman, Jon Hamm, Chris Hemsworth u. a.; Farbe, 143 Minuten.