Balbina mag klare Strukturen - in der Kleidung und im Gesang
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BerlinEin sehr romantischer Begriff prägt das neue Album der Berliner Sängerin Balbina: „Wandeerluuust, Wandeerluuust“ intoniert mit ulkiger Betonung ein Frauenchor den Refrain im gleichnamigen Titel, der mit einem wunderbar weich schwappenden R&B-Groove auch einer der Besten ist. 

Die Lust zu Wandern signalisiert nicht nur den Aufbruch in die Welt und das Abenteuer, sondern auch die Auseinandersetzung mit dem, was zurückbleibt. „Vor der Produktion des Albums“, sagt Balbina in Berlin im Interview, „befand ich mich in einer dunklen Phase meines Lebens. Um dem zu entkommen, habe ich mich aus der Realität rausgezoomt und beim Einschlafen an einsame Inseln oder an irgendwelche Ecken im Ural gedacht – die Wanderlust steht für diese Flucht, die mir real gegen die Dunkelheit und beim Umprogrammieren meiner Gedanken geholfen hat.“

„Punkt“ von Balbina: Ein Gegenmodell zu Udo Lindenbergs Nuscheligkeit

„Punkt“, so heißt nach einem Frühwerk unter dem Namen Bina ihr drittes Album als Balbina. Es steht im Zeichen dieser Neuorientierung – ein Abschluss, der sie zugleich weiter in das Terrain bringt, dessen Erkundung sie in den vergangenen fünf Jahren zu einer der prägnantesten Künstlerinnen im deutschsprachigen Pop werden ließ. Zunächst hat sie den Majorvertrag beendet, sozusagen den Polkadot hinter die Episode gesetzt, nach dem nun ihr eigenes Label benannt ist.

„Ich bin nicht gut in einer Struktur, in der ich ständig erklären muss, warum ich etwas mache. Die Kommunikation ist zu lang und umständlich. Jetzt sind wir zu dritt, und jeder macht alles.“ Sie hat auch bisher von der Komposition und dem Text zum Videoschnitt und dem Auftritt alles selbst gestaltet.

Künstlerisch zeigt sich die Konsequenz daher weniger als Bruch. Das Album beschreibt eine Reise, die sie von einer Fantasiewelt „Hinter der Welt“ bis zum abschließenden Entschluss „Machen.“ (mit Punkt) führt.  Ihr auffälligstes Stilmittel war dabei von Beginn an ein höchst eigenwilliger, auch skurriler Umgang mit der für den Popgebrauch recht unlockeren deutschen Sprache. Als sei es ein Gegenmodell zu Udo Lindenbergs nuschlig-lockerer Manier, betont sie eine besondere Kantigkeit.

Balbina hat Freude am Wortklauben

Dabei drehte und würfelte die gebürtige Polin ihre Worte und Wendungen, bis sie aus jeder Gepflogenheit entfremdet wirkten – und dadurch zu einer anderen Beweglichkeit finden. In „Weit weg“ geht es um die „Welt der vergessenen Dinge“, jenseits der Sprachfähigkeit: „Ich kam mit drei nach Moabit, und stand schnell im Kindergarten, wo ich die Sprache nicht verstand. Das ist ein Gefühl, das du nie ganz los wirst. Du kannst nicht einmal das Nicht-Verstehen artikulieren. Aber diese Fremdheit, die spüre ich auch heute noch oft in einer Umgebung, wo alle ständig aufs Smartphone schauen und kommunizieren.“

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Die manieristische Freude am Wortklauben komme jedoch auch von der Liebe zum Dadaismus, sagt sie. „In jedem Laut, jeder Silbe, jedem Wort steckt soviel Bedeutung aus Jahrhunderten emotionaler Interaktion, sozialem Gefüge, Umwelt, die wir nicht mehr wahrnehmen. Ich liebe es, wenn aus diesen wertvollen Zeichen und Lauten neue Dinge passieren, neue Zusammenhänge entstehen.“ Ihr Konzept zeigt sich noch im Bühnenoutfit, in opulent ausladenden, hochgeschlossen erstarrten Entwürfen, die entgegen der Popmutmaßung förmlich, fast steif wirken. „Es ist völlig okay, das steif zu finden“, lacht sie, zivil, aber in einem gleichsam stehenden weißen Oversize-Hoodie, „aber ich mag einfach klare Strukturen und Linien, Symmetrie und eine gewisse Strenge.“

„Punkt“: Die Texte wirken jetzt weniger verspielt

Von letzterer hat sich die 36-Jährige indes nun entfernt. Die Texte wirken etwas narrativer, vielleicht weniger verspielt. Zuvor noch bemerkt man jedoch die entspannteren Grooves, die den eben noch geraden Popdrive synkopieren – eine frühe Prägung im sogenannten Urbangenre, wie der R&B seit der Jahrtausendwende heißt. Als Bina fand sie eine erste Plattform im Umfeld von Marcus Staigers Kreuzberger Royal Bunker, zwischen Straßen- und Battlerappern, schweren – heute würde man sagen: toxischen – Jungs wie Frauenarzt oder Kool Savas und den klischeesprengenden Funkfüchsen oder K.I.Z.. Entgegen deren Ruf erinnert sie sich an die Auftritte nur mit Dankbarkeit: „Ich habe“, sagt sie, „nie mehr einen derartigen Support und Zusammenhalt erlebt wie in dieser Urbanszene.“

Den R&B-Touch hört man auch deutlicher, weil sie ihre Tracks nicht wie sonst skizziert und dann für die letztgültige Gestalt ins Studio getragen hat, wo sie etwa auf dem letzten Album „Fragen über Fragen“ mit teils orchestralen Arrangements erhoben wurden. Stattdessen arbeitete sie zu Hause an Keyboard, Mikro und Computer gründlich vor, bevor ihr langjähriger und seit Bina-Zeiten vertrauter Produzent Biztram die Songs im Studio veredelt und auf den Punkt gebracht hat. Dort hört man nun fast akrobatisch sprunghafte Wechsel von Tonhöhen und Stimmungslagen bis zu einem gelegentlich gerollten R, das man aus den Konzerten kennt.

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Sie habe „Nicht-Perfektion“ zugelassen, weil sie sich zuvor weniger um die Emotion in der Gesangsperformance gekümmert habe, sondern „darum, das geschriebene Raster zu illustrieren, um die perfekte Stelle oder Intonation einer Silbe, eines Wortes.“ Sie hat sogar (ohne gerollten Konsonanten!) das Rammstein-Stück „Sonne“ – „schon immer einer meiner Lieblingssongs“ – gecovert, und aus deren lichtlos hämmerndem Männertum mit sparsamem Clubklackern und Frauenchor eine ganz erstaunliche, strahlend helle Hymne geschaffen. Und sie singt erstmals auf Englisch, passagenweise, wechselhaft, unerwartet. Natürlich nimmt sie das Englisch nicht als Relaxans für das Sprachproblem. Wenn sie im narrativen Wendepunkt des Albums, dem Titelstück, groß schmettert: „I have to finish … this sentence. Full stop!“, ebnet sie nichts ein. Sie verstärkt die Verfremdung. Wie im Spiel gilt auch hier: Nach dem Satz ist vor dem Satz. Und der neue klingt selbstbewusst anders als der letzte. Aber ebenso so abenteuerlustig und schön.    

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