Jugendliche Ballett-Tänzerinnen. 
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BerlinAm 17. Februar erreichte die beiden Leiter der Staatlichen Ballettschule Berlin die Nachricht von Bildungssenatorin Sandra Scheeres, SPD, dass sie ab sofort von ihrer Arbeit suspendiert sind. Schulleiter Ralf Stabel und der künstlerische Leiter Gregor Seyffert, seit 13 und 17 Jahren als Professoren am Haus, dürfen die Schule nicht mehr betreten. Ihre Türschilder sind demontiert, die Namen von der Website gelöscht. Ende März wurde die Stelle des Schulleiters neu ausgeschrieben.

Donnerwetter, wenn solche Geschütze aufgefahren werden, was für Vergehen müssen da im Raum stehen! Eine mit Preisen verwöhnte Schule, die sich international hohes Ansehen verschafft hat, die weltweit auf Wettbewerben präsent ist, ihre Absolventen stets an hochklassige europäische Compagnien und Opernhäuser vermittelt, lässt ja wohl keine Senatorin ohne Not enthaupten. Sie wusste sich mit der Vorzeigeschule oft zu schmücken. Wenn sie diese plötzlich einer Flut von Negativ-Schlagzeilen ausliefert, muss es dramatische Gründe geben. Denkt man jedenfalls.

Die Vorwürfe klingen zunächst allgemein. Die Leitung soll Fällen von Mobbing, Bodyshaming, Essstörungen und Depressionen nicht ausreichend nachgegangen sein, berichtet die Berliner Zeitung nach der Freistellung der Leitung. Nun kämpfen Ballettschulen in der ganzen Welt permanent gegen genau diese Probleme. In Berlin werden Zehn- bis 19-Jährige für Spitzentanz oder Artistik ausgebildet, die härtesten künstlerischen Berufe schlechthin. Sie loten als Hochleistungssportler mit extremer Disziplin täglich ihre Grenzen neu aus, sind Ausnahmetalente, dabei Konkurrenten. Nur wenige kommen ans Ziel. Hier tanzen Heranwachsende aller Kulturkreise, Religionen, Geschlechter und Altersklassen zusammen. Konflikte sind der Normalfall.

Der Rufmord und die Verfasserinnen des Dossiers

Schauen wir die Vorwürfe genauer an. Sie gelangen am 9. Januar als 46-Seiten-Dossier über „Intransparenz, Führungslosigkeit und einseitige Leistungsorientierung“ in die Bildungsverwaltung. Verfasst haben es drei oder vier Autorinnen, die früher mit der Schule zu tun hatten oder noch haben und in der Öffentlichkeit Wert legen auf Anonymität. Das Dossier ist Auslöser des Skandals. In der Präambel fordert es die Senatorin auf, Missstände abzustellen, ohne die Schulleitung einzubeziehen. Dann wird minutiös aufgelistet: zu wenige Schulkonferenzen, Vernachlässigung von Frauenförderplan, Gremienarbeit, Notengebung, fehlende Beratungsangebote. Die Autorinnen gehen so weit, nach dem Korruptionsbeauftragten zu rufen, weil der Schulleiter auf Einladung Kubas für vier Tage zu den Tagen des Tanzes in Havanna weilte. Alle Absätze beginnen mit: „Uns ist bekannt, dass ...“, beruhen also auf Hörensagen.

Doch die meisten der genannten Vorwürfe obliegen der Kontrolle der Schulaufsicht, die bringen keine Schulleitung zum Sturz. Dann aber zitiert das Dossier zehn ehemalige Schülerinnen und Schüler, die von ihren Problemen berichten. Sie klagen über Benachteiligung bei der Besetzung, schlechte Noten, Mobbing, sexistische Kommentare. Ein Junge behauptet, er habe fünf oder acht Suizidversuche begangen – in der Auflistung widerspricht er sich –, die keinen interessiert hätten. Alle sieben Lehrkräfte, die die Berliner Zeitung dazu befragte, halten selbst einen solchen Versuch für undenkbar, weil sie davon erfahren hätten.

Nun zum Kernvorwurf, einem handfesten Rufmord am künstlerischen Leiter. Eine Absolventin von 2012 belastet Gregor Seyffert massiv mit einer Behauptung, die sich als unwahr erweist. Das ergaben die Recherche der Berliner Zeitung sowie der Staatsanwaltschaft, die eine entsprechende Anzeige der Dossier-Verfasserinnen von 2019 abschmetterte. Darum wird die falsche Behauptung hier nicht zitiert. Aber die Verleumdung, offenbar lanciert, um privat Rache zu nehmen, machte in der Politik bereits die Runde.

Was passiert, wenn so ein Papier die Senatorin erreicht? Wochenlang nichts. Dabei klingt es auf den ersten Blick, also ohne Gegenrecherche, durchaus gruselig. Doch das Dossier geht auch an Journalisten und Bildungspolitiker. Ende Januar berichtet der RBB von hartem Drill, 13-Stunden-Tagen, Magersucht: Jahrelang sollen Schülerinnen gelitten haben. Sechs Wochen nach Auftauchen des Dossiers steht die Senatorin so unter Druck, dass sie die Schulleitung suspendiert.

Die Reaktion der Schüler und Schülerinnen

Derweil scheuchen die Skandal-Berichte Ballett-Schülerinnen auf, sie schicken Briefe an Zeitungen: „Wir sind sehr glücklich mit unseren Lehrern. Die sogenannte ,Kultur der Angst' herrscht unter uns und den Lehrern nicht.“ Dann schreiben Dutzende Schüler und ganze Klassen Gedanken zu ihrer Ausbildung auf, eine Mitarbeiterin der Schule bündelt 120 Seiten Statements und schickt sie der Schulaufsicht. Beim Lesen dieser Schüler-Statements glaubt man sich in eine andere Schule versetzt. Die meisten von ihnen schreiben im Ton flirrender Begeisterung, dankbar für die einzigartige Chance, sich hier ihrem Bühnentraum zu nähern. Lehrer werden liebevoll angehimmelt, von Fairness, Hilfe, Forderung und Respekt ist die Rede.

Was zunächst aussieht wie ein gezielter Gegenentwurf zu den zehn Stimmen im Dossier, erweist sich im Detail als hochdifferenzierter und glaubwürdiger Einblick in den Unterricht und die radikal unterschiedliche Wahrnehmung der Schüler. Sie nennen in ihren Statements nicht nur die Absender beim Namen, sondern auch die Lehrer – und zwar nicht nur all die Lieblinge, sondern auch zwei Problemlehrer. In deren Unterricht, berichten die Schüler, gebe es großen Druck und verbale Demütigungen.

Vor allem erfährt man, wie das ursprüngliche Skandal-Dossier überhaupt zustande kam. Ein Absolvent schreibt, wie er letztes Jahr von einer der Verfasserinnen aufgefordert wird, gezielt Negatives über die Schule zu berichten. Er zitiert aus einer Audio-Datei. Die Anruferin erklärt ihm, dass sie Material sammele, damit „Gregor Seyffert von der Schule verschwindet“. Der Absolvent brauche keine Angst zu haben, sein Name werde anonym bleiben. Nur wenn er das wünsche, könne man ja mit so einem „guten Skandal“ auch Publicity machen. Er werde eine Audionachricht bekommen, „wie so etwas ablaufe“.

Andere bestätigen die Indoktrination. Eine Absolventin – die Namen liegen der Berliner Zeitung vor – schreibt, sie habe nichts gegen die Leitung, nur gegen bestimmte Lehrer. Sie erfährt, dass mit der neuen Leitung auch neue Ballettpädagogen kämen. Mehr muss man über Ziel, Glaubwürdigkeit und Wahrheitsgehalt dieses Dossiers nicht wissen. An dieser Stelle der Recherche wird klar, worum es den Urhebern geht – um eine skandalisierte Absetzung der Leitung, um eine persönliche Abrechnung.

Die Schulspitze und ihre Kritiker

Was ist das für eine Leitung, die hier 17 Jahre höchstes Ansehen genießt und dann gestürzt wird? Gregor Seyffert, 53, gefeierter, mit Preisen überhäufter Tänzer und Choreograf, übernahm die als starr geltende Ballettschule 2003. Er modernisierte sie zusammen mit Ralf Stabel, 55, promovierter Tanz- und Theaterwissenschaftler mit Professuren an der Palucca- und der Ernst-Busch-Hochschule, Buch- und Filmautor, ein Intellektueller. Stabel vernetzte das Haus international und führte neue Abschlüsse ein: Absolventen verlassen die Schule heute als Bühnentänzer, mit Fachabitur oder dem Bachelor of Arts. Das stärkt ihre Position ungemein, wenn sie nach ihrem kurzen Berufsleben andere Wege suchen müssen. Außerdem schufen Stabel und Seyffert 2017 das erste Landesjugendballett für mehr Auftrittsmöglichkeiten, es gab schon Vorstellungen in Mexiko, Peking, New York, St. Petersburg.

So viel Engagement und Erfolg wurde den beiden wohl letztlich zum Verhängnis. Reisen und Proben bringen Unruhe, Unterricht muss umgestellt werden. Was haben Mathe- oder Deutschlehrer davon? Sie müssen ohnehin laufend Stunden nachholen, wenn morgens fünf Schüler später kommen, weil sie abends „Dornröschen“ tanzen. Eine Gruppe von Pädagogen stellte schon im November 2019 viele Abläufe an der Schule infrage, berichtete von Überlastung der Kinder. Die Schüler dagegen sind verrückt nach Auftritten, nichts spornt sie mehr an. Es geht um 28 Auftritte im Jahr, viel weniger als international üblich.

Diese Unwuchten gibt hier es schon immer, weil Hochleistungssport und Schule unter ein Dach gefrachtet wurden und dabei Schulregeln gelten. Tänzerinnen brauchen Auftritte wie Schwimmerinnen Wettkämpfe, aber im Leistungssport läuft die Schule separat. Deshalb wurde das Landesjugendballett gegründet, weil „Bühnenerfahrung der entscheidende Schlüssel ist für einen erfolgreichen Berufseinstieg“, wie Scheeres 2017 dazu richtig bemerkte. Im Januar 2020 stellte ein Beratungsunternehmen fest, dass die Strukturen dem Anspruch des Hauses nicht genügen, dass Geld und Personal fehlen. Was allein die Gastspiele an Zeit kosteten für Organisation und Vertragsfragen will man gar nicht wissen. Aber die Senatorin hätte es wissen müssen, wenn sie so ein Projekt genehmigt.

Die Reaktion der Senatorin Scheeres

In dieser Schule gibt es fraglos ein ernstes Kommunikationsproblem, wenn ein Kollegium plötzlich so auseinanderfliegt. Wenn sich eine Gruppe von Beschwerdeführern formiert. Wenn nach einer Vollversammlung Ende Januar ein Schülersprecher-Brief an die Politik geht. Ein Brief, verfasst im Namen der Schüler, aber ohne deren Wissen, zudem exakt im politisch korrekten Stil des ursprünglichen Skandal-Dossiers. Zuletzt schließlich trugen etliche Schüler – vor allem ehemalige – ihre Probleme in einer Clearingstelle vor, die die Bildungsverwaltung nach der Suspendierung der Schulleitung ins Leben gerufen hat.

Aber wo bleibt in diesem Konflikt eigentlich die Verantwortung der Bildungsverwaltung? Interessierte sie sich für die Probleme der hochsensiblen Eliteschule? So wie jetzt, wenn sie plötzlich gründliche Wirtschaftsprüfer schickt? Ging die Schulaufsicht den Meldungen der Schulleitung zu Problemen mit einzelnen Lehrern überhaupt nach?

Statt die schaurigen Dossier-Vorwürfe sofort aufzuklären, ließ sich die Senatorin fast sechs Wochen treiben von diesem unseriösen Papier, das schäumende Reaktionen unter Bildungspolitikern und Journalisten provozierte. Ließ Verleumdungen freien Lauf. Bis heute, drei Monate nach Eintreffen des Dossiers, wurden die beiden Schulleiter nicht einmal angehört. Der einzige Termin, zu dem sie wenige Stunden vor der Suspendierung per Mail eingeladen waren, kam so kurzfristig, dass sie ihn nicht wahrnehmen konnten. Ihre Bitte um eine Verschiebung der Anhörung blieb ohne Antwort. Die Freistellung, so die Verwaltung, erfolge auch in Abwesenheit.

Sandra Scheeres lässt also die Spitzenkräfte fallen, um sich selbst aus der Schusslinie der Kritik zu nehmen. Staatssekretärin Beate Stoffers sagt, das Jugendschutzgesetz liefere ihr genügend Rechtfertigung für die Freistellung. Sie kündigt eine Prüfung der Vorgänge bis Mai an.  

Das werden wieder teure Abfindungen oder Prozesse für das Land. Schon raunt der RBB von einem Ende des Leistungsprinzips und einer Umwandlung der Ballettschule in eine Schule für Tanz und Bewegung. Das Skandal-Dossier hat seine Wirkung getan.