Berlin - Der Abend beginnt einfach schön: fast unmerklich tritt Prodromos Tsinikoris in geringeltem Matrosenpulli auf und flüstert in klangvollem Griechisch ein Stück aus Homers „Odyssee“ in den Raum. Es ist die Rede des Telemachos, Sohn des seit Jahren verschollenen Odysseus, der vor das Volk in Ithaka tritt und beklagt, wie es zulassen kann, dass sich die gierigen Freier nun breit machen können bei ihm zu Haus, die Mutter bedrängen und sein Hab und Gut verprassen.

Eine Clique von Erbschleichern und Prassern hält alles im Griff, weshalb er nun aufbrechen will, seinen Vater zu suchen. Zwar betont er, dass seine Misere eine persönliche sei, dennoch wird immer klarer, dass hier nichts mehr nur persönlich ist, sondern ganz Ithaka trifft.

Der Wille zum Aufbruch also steht am Anfang der „Odyssee“, wenn auch ein halbherziger, letztlich sinnloser, denn Telemachos wird auf seinem kleinen Ausflug den Vater nicht finden. Dieser wird vielmehr selbst bald die Erzählung übernehmen und seine abenteuerliche Heimkehr in Gang setzen. Trotzdem passt die Telemachische Halbherzigkeit bestens als Einstieg in den doku-fiktiven Theaterabend, der sich dann im Ballhaus Naunynstraße zusammen braut.

Bleiben oder gehen?

Denn auf die kurze Homer-Lektüre folgen zart flimmernde Super-8-Filmbilder, die Prodromos’ eigene erste Schritte zeigen: 1982 bei seinem ersten Geburtstag im Kreis der Familie. Prodromos’ Geschichte und später die Geschichten von Despina, Giannis und Kostis erzählen, wie bei Telemachos, von unsicheren Söhnen und Töchtern.

Von jungen Leuten, die oft anders als ihre Vorgängergeneration, aus der in den 1960ern und 70ern zum Beispiel viele nach Deutschland kamen, nicht den großen Schritt einfach wagen, sondern die über Aufbruch viel sinnieren, auch viel Unsinniges.

„Bleiben oder Gehen?“ − an dieser Frage also wackelt der Abend „Telemachos – should I stay or should I go“ des Regieduos Prodromos Tsinikoris und Anestis Azas in Kinderschritten entlang, immer sich festhaltend an dem bewährten „Experten“-Muster des Recherche-Theaters von Rimini Protokoll. Wie dieses versucht es verschiedene Erzählebenen übereinander zu legen und Wirklichkeitsbilder durchzupausen, die Vielfalt und Analyse in eins sind:

Das homerische Epos und die Lebensberichte der sieben krisengeplagten Griechen von heute, Filmschmalz mit Kirk Douglas als Hollywood-Odysseus und Video-Umfragen auf den Straßen Berlins und Athens, in denen Prodromos wissen will, ob er Griechenland nun verlassen oder bleiben soll. Vor allem diese in ihrer stumpfen Abstraktheit völlig sinnlos bleibende Frage aber zerstäubt die sonst so erhellenden Kurzschließungen antiker und gegenwärtiger Mythenrhetorik und „Opfer!“-Mantras in platteste Oberflächlichkeit.

Am stärksten ist der Abend, wenn er die Migranten-Erzählungen verschiedener Generationen einfach gegeneinander blendet und damit ganz von selbst komplexe Bilder entstehen. Leider aber wird zu viel Halbdurchdachtes verschmort. Immerhin dürfen am Ende alle den Eintopf, der auch ganz echt nebenbei gekocht wird, auslöffeln.

Telemachos, 17., 26.-29. Jan., 20 Uhr, Ballhaus Naunynstraße, Tel.: 75 45 37 25