Es ist ein ruhiger Abend, aber es gibt auch eine Plapperattacke. „Kannst du mir folgen?“, fragt Sonja mit letzter Puste den Interviewer, der ihr eigentlich eine einfache Frage gestellt hatte. Der Film- und Theaterregisseur Hakan Savas Mican wollte lediglich wissen, wo sie ihre Kindheit verbracht hat. Woraufhin die Schauspielerin Eva Bay minutenlang die Stationen und Konstellationen aufzählt: Mal in Deutschland bei einer Tagesmutter, die sie betreute, weil ihre Eltern „arbeiten mussten, also wollten/mussten“. Mal in Thessaloniki, mal bei der Oma auf dem Dorf in Griechenland, dann, als die Oma starb, wieder in Deutschland, aber nur kurz, dann Gymnasium wieder in Griechenland, mal mit den Geschwistern, mal mit den anderen, mal ohne. „Ist ja auch viel Hin-und-her.“

Sonja ist vor kurzem selbst Mutter geworden, mit vierzig. Sie habe zwanzig Jahre lang überlegt, ob sie Kinder will. Und nun gibt es dieses Gefühl, dass sie alles richtig machen muss, dass sie ihrem Lukas, der gerade mit dem Vater am Hafen spielt, alles geben kann, was er braucht. „Ich meine emotional“, sagt sie, weil das der Unterschied ist zu dem, was ihre Eltern mit „den Kindern alles geben, was sie brauchen“ meinen. Und dann weint sie, jetzt nicht die Schauspielerin, sondern die echte Sonja, ihre Stimme wird eingespielt. So wie das Möwengeschrei und das Wasserplatschen. So wie die Videobilder vom Hafen, die gegen die vier Wände im Ballhaus Naunynstraße geworfen werden, sodass die Zuschauer sich von Wasser umgeben fühlen. Dazu kommt schleppend-schiefschönes Klingklang von dem am Flügel und verschiedenen elektronischen Geräten sitzenden Musiker Enik.

Der dokumentarische autobiografische Abend − eine intelligent austarierte Mischung aus Theater, Hörspielfeature, Film, Meditation und Konzert − heißt „On my way home“. Es geht um „Kofferkinder“, auch „Sommerkinder“ oder „Pendelkinder“ genannt. Kinder, deren Eltern in den 1960er/70er Jahren vor allem aus der Türkei nach Deutschland gingen. Kinder, die bei Verwandten zurück gelassen wurden, die ihren Eltern fremd wurden, sie nur im Urlaub zu sehen kriegten, die Abschiede und Trennungen aushalten, phasenweise in der Fremde leben mussten, die sich heute um ihre Kindheit betrogen und gleichzeitig zum Dank verpflichtet fühlen, weil sich ihre Eltern aus einer hoffnungslosen materiellen Situation heraus für Bildung und Wohlstand aufopferten, ihnen die Möglichkeit zum Aufstieg erschufteten.

In tastenden, oft kargen, aber dringlichen Interviews mit Freunden, denen es ähnlich geht, und mit der eigenen Familie, kann man das „Kofferkind“ Hakan Savas Mican bei seiner reflektierten Suche begleiten und sich anschließen. Er und sein Dramaturg, der Ballhaus-Co-Intendant Tuncay Kulaoglu, finden einen guten Weg zwischen authentischer Selbstenthüllung und einer haltenden Form, die die Gedanken und Gefühle sortieren hilft. Der Weg aus der Not könnte über die Klarheit führen. Es ist ein steiniger Weg, und weit ist es vermutlich auch noch.

On my way home. 4., 5., 8., 9.9., 20 Uhr im Ballhaus Naunynstr., Tel.: 75453725