Eines der ersten Bilder von der DDR, das der junge Bully Herbig sah, vielleicht überhaupt das erste, war ein Abenteuerfilm. Disney hatte den Film gemacht, und vermutlich hat er ihn gesehen wie einen Piratenfilm. Die DDR war das Meer, ein Ort des Abenteuers, voller Gefahren. Zwei Männer bauten an einem Ballon, der sie mit ihren Familien forttragen sollte, aus einer Gegend namens Thüringen in den Westen, zu ihm nach Bayern. In den spannendsten Momenten, das mag den kleinen Bully verwundert haben, sah man die Männer an einer Nähmaschine. Während die Frauen auf der Jagd nach Stoff das Land unsicher machen, sitzen die Männer in einem Keller und nähen, was das Zeug hält. Das Zeug muss halten, ihr Leben hängt davon ab. Wenn sie zu früh herunterkommen, landen sie mit ihren vier Kindern in den Fängen des Stasi – so hieß das in der Synchronisation. Als erwachsener Filmemacher war Michael Bully Herbig noch immer so fasziniert von der Geschichte, dass er beschloss: Den Film drehe ich einfach nochmal.

Herbigs erster Erwachsenenfilm

Während man in Berlin zuletzt diskutierte, die DDR-Mauer als makabres „Disneyland“ wieder aufzubauen, wie Kritiker das Kunstprojekt Dau nannten, kommt also der Regisseur von „Der Schuh des Manitu“ mit einem Quasi-Remake eines längst vergessenen Disney-Films. Das hat schon seine eigene Pointe. Was ist davon zu halten?

Die „Ballonflucht“ im Jahr 1979 war ein Medienereignis, jedenfalls im Westen. Disney biss an. Das Studio befand sich seinerzeit in einer Selbstfindungsphase, mehrere Erwachsenenfilme erfüllten die Funktion von Testballons eher schlecht als recht. Auch „Mit dem Wind nach Westen“, entstanden 1982 unter der Regie von Delbert Mann, ist kein Meisterwerk. Aber die seltsame Geschichte aus Ostdeutschland wurde darin sehr ernst genommen.

Besetzung und Ausstattung sind erstklassig. Von heute aus, also historisch betrachtet, wirkt der Disney- wie ein Defa-Film. Es gibt kaum Musik. Die Leute darin wägen pausenlos Argumente ab, für oder gegen ihr Handeln. Man kann sehen, was Herbig gereizt hat an dieser deutsch-amerikanischen Mischung als perfekter Stoff für seinen ersten eigenen Erwachsenenfilm – und vielleicht ja auch zur eigenen Selbstfindung.Die Unterschiede liegen vor allem im Anfang. Herbig gewichtet anders, gibt etwa den Fluchtmotiven der Familien – Gängelung, Bespitzelung, Einschränkung der Meinungsfreiheit – noch weniger Raum. Der Ballon, den Peter Strelzyk (Friedrich Mücke) und Günter Wetzel (David Kross) heimlich zusammenbauen, ist das ganze Ziel.

Ernst soll der Film schon sein, aber die in Wahrheit dramatischen Streitigkeiten zwischen Strelzyks und Wetzels werden so weit gedämpft, dass sie dem Plot nicht im Weg stehen. Die Story ist ja auch zu spannend: Ein erster, gescheiterter Versuch trägt die Strelzyks – Wetzel war wegen technischer Bedenken ausgestiegen – bis kurz vor den Todesstreifen. Erst die missglückte „Grenzverletzung“ bringt die Stasi auf den Plan. Entdeckung droht. Die Flucht mit einem insgesamt dritten Ballon ist unausweichlich. Die emsigen Konstrukteure in ihrem Keller nähen nicht nur gegen die Gesetze des Staats und der Physik, sondern auch noch gegen die Zeit.

Republikflucht, die Stasi, das aufmüpfige Individuum gegen eine alles kontrollierende Staatsmacht – die Gesetze des DDR-Historienfilms werden hier keineswegs umgeschrieben. Die Perspektive von Florian Henckel von Donnersmarcks „Das Leben der anderen“ wird ein wenig verschoben, vom Milieu der Künstler und Intellektuellen zu dem der Facharbeiter und verhinderten Tüftler. Strelzyk war Elektrotechniker, Wetzel wurde wegen der Republikflucht seines Vaters nicht zum Studium zugelassen. Bezeichnend für den Ton des Unternehmens ist die Aufspaltung der Stasi in einen lächerlichen Privilegienreiter (Ronald Kukulies), Nachbar der Strelzyks, und einen bedrohlichen Oberstleutnant mit Schnurrbart und Hubschrauber (Thomas Kretschmann).

Ein wenig Humor erlaubt sich der Komiker auch im Schrecken, wenn auch ohne hörbaren Dialekt – von einem Witz über, natürlich, Erich Honecker einmal abgesehen. Herbig, um Einfühlung sichtlich bemüht, fürchtete wohl eine Art Bullyparade auf Thüringisch. Schade ist das, sind doch insbesondere Karoline Schuch und Alicia von Rittberg, in den Frauenrollen zu sehen, der Mundart nachweislich mächtig. Was Dialekt, fein dosiert, bewirken kann, zeigen im Kino gerade „Gundermann“ oder – um auch über die Grenze zu schauen – das bayerische Drama „Wackersdorf“. Mit der Authentizität ist es in so mancher Hinsicht nicht weit her.

Wie eine ferne Kindheitserinnerung

Verträgt sich doch das klassische DDR-Grau schlecht mit den heutigen Sehgewohnheiten, die zu bedienen es letztlich gilt. Man könnte sich „Ballon“ ganz anders vorstellen, etwa mit dem Personal von „Weissensee“: Florian Lukas und Hannah Herzsprung basteln fiebrig an Fluchtmöglichkeiten, misstrauisch beäugt von MfS-Mann Jörg Hartmann, und das alles wirkt auch noch glaubwürdig.
Aber in aller Konsequenz hat Michael Herbig hier den Disney-Film gedreht, den er sich immer erträumt hat. Es ist der Checkpoint Charlie unter den DDR-Vergangenheitsfilmen – erzählt nicht viel über die DDR, aber muss man irgendwie gesehen haben.

Man kann da hineinkriechen wie in einen warmen Ballon, wie in eine sehr ferne Kindheitserinnerung, die behaglich ist und zugleich ein bisschen unheimlich. Der Ballon ist natürlich Herbigs großes Pfund, er strahlt in den schönsten Farben – zumindest im Textil war die DDR reinstes Technicolor – und macht, einmal aufgeblasen, diese kleine Geschichte „bigger than life“. Soll keiner sagen, das sei bloß heiße Luft!

Ballon Deutschland 2018. Regie: Michael Bully Herbig, Drehbuch: Kit Hopkins, Thilo Röscheisen, Michael Bully Herbig, Darsteller: Friedrich Mücke, Karoline Schuch, Alicia von Rittberg, David Kross, Ronald Kukulies, Thomas Kretschmann u.a. ; 120 Min., Farbe. FSK ab 12