Berlin - Vermutlich ist sogar in Berlin ein Thema in Familien mit Schulkindern noch präsenter als der Lehrkräftemangel und die Sanierungsbedürftigkeit von Bildungseinrichtungen: nämlich die Sitzordnung. Eigene Erfahrungen lassen einen sofort glauben, dass es einen schicksalhaften Einfluss auf den persönlichen Lebensweg und die Karriere haben kann, wo und neben wem man zu sitzen kommt. Es muss sich nicht gleich eine Ehe oder eine Verbrecherkarriere anbahnen, aber es ist unzweifelhaft, dass man von seinem Sitznachbarn beeinflusst wird.

Die Leipziger Psychologin Julia Rohrer kann dies mit einer amerikanisch-ungarischen Studie nun auch belegen, wie die Universität mitteilt. 3000 acht- bis 17-jährige Kinder und Jugendliche wurden zufällig nebeneinander platziert und durften sich ein Semester lang nicht auseinandersetzen. Vermieden wurde so der Drang bei den Kindern, sich zu jemandem zu setzen, der einem, was etwa soziale Herkunft, Leistung und Lernbereitschaft angeht, ähnelt. Nach dem halben Jahr wurde festgestellt, dass 21 Prozent der Sitznachbarn einander als beste Freunde bezeichnen, und zwar auch bei Kindern mit unterschiedlichen Hintergründen, wenn auch etwas seltener. 

Die Forscher sehen eine Chance darin, durch Sitzpläne die Heterogenität von Freundschaften zu erhöhen und vielleicht sogar die Schwächeren zu stärken. Oft genug festigen sich im noch unschuldigen Alter die Vorurteile der Gesellschaft, indem sich Gleich immer wieder zu Gleich gesellt. Dennoch: Vorsicht! Die Sitzordnung ist ein komplexes Gebilde, die ordnende Hand kann hier viel auch zerstören und Menschen auf Abwege bringen. Um die Verantwortung für die Fügungen des Schicksals den dafür zuständigen Mächten zu überlassen und sie hierbei vielleicht sogar ein wenig zu unterstützen, empfiehlt sich ein rotierender Sitzplan. Über Feindschaften, die im Zuge des Experiments entstanden sind, macht die Studie nämlich keine Angaben.