London - Als ein Elektronikkonzern im vergangenen Jahr von den britischen Bürgern wissen wollte, welches ihnen das liebste Kunstwerk der Insel sei, mussten sich Giganten der Malerei wie John Constable, JMW Turner oder David Hockney mit hinteren Plätzen begnügen. Ein doch eher simples Motive hatte ihnen den Rang abgelaufen: ein Mädchen, das einen herzförmigen Ballon steigen lässt, beziehungsweise seinen Arm nach dem davonfliegenden Ballon ausstreckt.

Jenes „Balloon Girl“ hatte der Street-Art-Künstler Banksy – seine Identität ist bis heute ungeklärt – zum ersten Mal 2002 an die Wand eines Ladens im Osten Londons gesprüht. Von dort aus verbreitete sich das Motiv auf Kalenderblättern, Kunstdrucken und millionenfach im Netz. Justin Bieber hat sich das Ballonmädchen als Tattoo auf den linken Unterarm stechen lassen.

Käufer zahlt  1,2 Millionen Euro

Als jetzt das Londoner Auktionshaus Sotheby’s eine 2006 auf Leinwand gesprühte Version des „Balloon Girl“ versteigert, im Rahmen des Künstlers, kommt das letzte Los der Veranstaltung per Telefon. Es übersteigt die Schätzsumme um das Dreifache: 1,2 Millionen Euro ist dem Käufer ein echter Banksy wert.

Kaum ist der Hammer gefallen, fängt der vergoldete und verschnörkelte Rahmen an zu fiepen, ähnlich dem Alarmgeräusch, wenn sich eine Schranke senkt. Die Leinwand fährt aus der unteren Leiste des Rahmens, ungefähr bis zur Hälfte, das Mädchen ist in dünne Streifen zerschreddert worden. Erst herrscht Fassungslosigkeit unter den Besuchern und Sotheby’s-Mitarbeitern, dann Gelächter, schon werden die Smartphones gezückt, um den historischen Moment festzuhalten: Eine künstlerische Eulenspiegelei ersten Ranges.

Kurz darauf taucht auf Banksys Instagram-Account ein Foto der Szene auf, versehen mit dem Kommentar „going, going, gone“, – in Deutschland heißt es bekanntlich „zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten“, im Englischen suggeriert die Doppelbedeutung das plötzliche Verschwinden des versteigerten Gegenstandes. Später postet Banksy noch ein Video von einer vermummten Person, die einen Bilderrahmen mit Schneidwerkzeugen zusammensetzt: „Vor ein paar Jahren baute ich heimlich einen Schredder in ein Gemälde“, verrät der eingeblendete Text. „Falls es jemals versteigert werden sollte.“

Bei Sotheby’s gibt man sich gelassen. „Wir sind gebanksyd worden“, verkündet Alex Branczik, Leiter der Abteilung für zeitgenössische Kunst in Europa. Das klingt nicht verärgert, eher schon enthusiastisch. Schon wird spekuliert , dass das Auktionshaus in den Streich eingeweiht gewesen sei. Anderer Berichte zufolge soll Banksy selbst vor Ort gewesen sein, angeblich gab es eine Rangelei zwischen Sicherheitskräften und einem mysteriösen Mann mit Sonnenbrille und Hut.

Banksys „Drang zu zerstören“

Immer wieder hat der ehemalige Graffiti-Sprayer aus Bristol in der Vergangenheit seine Verachtung für den Kunstmarkt und kommerzialisierte Museen zum Ausdruck gebracht. Seine Aktion kommentierte er mit dem Picasso-Zitat „Der Drang zu zerstören, ist auch ein kreativer Drang.“

Schaden dürfte keiner entstanden sein: Joey Syer, Mitgründer der Internetplattform MyArtBroker.com, schätzt, dass öffentliche Häckseln habe den Preis des Kunstwerks noch erhöht: „Bei der nächsten Auktion könnte das Werk für mehr als 2,2 Millionen Euro unter den Hammer kommen. Letztlich ist Banksy Teil der Aufmerksamkeitsökonomie, die er kritisiert. Sein Streich hat eine tragische Komponente: Mit jeder Verweigerungsgeste steigert der Künstler seinen Wert.