Weibliche Chefs sind nicht nur im männerdominierten Vatikan eine Seltenheit, aber dort noch mehr als anderswo. Umso bemerkenswerter ist die Beförderung der italienischen Kunsthistorikerin Barbara Jatta, über die Papst Franziskus jetzt entschieden hat. Ab 1. Januar erhält die 54 Jahre alte Römerin einen der prestigeträchtigsten Posten der internationalen Kunstwelt. Sie wird Direktorin der Vatikanischen Museen – als erste Frau in der mehr als 500 Jahre langen Geschichte der päpstlichen Kunstsammlungen, die zu den größten der Welt gehören.

Mehr als 800 Mitarbeiter und eine riesige Schatzkammer, mit alleine 70.000 ausgestellten Objekten aus der ganzen Welt, Afrika, Ozeanien, Asien, den Amerikas, aus Alt-Ägypten, der griechischen und römischen Antike, Byzanz und dem westlichen Mittelalter, der Renaissance, dem Barock und der Moderne werden ihr dann unterstellt sein. Allein die öffentlich zugänglichen Säle und Flure im Päpstlichen Palast und in den angrenzenden Galerien sind bei einem Rundgang sieben Kilometer lang. Auch die Sixtinische Kapelle gehört dazu, mit dem weltberühmten Deckenfresko und dem Jüngsten Gericht Michelangelos. Zudem sind die Vatikanischen Museen mit ihren sechs Millionen Besuchen im Jahr und Einnahmen von rund 100 Millionen Euro pro Jahr für Eintrittsgelder, Souvenirs aller Arten, Urheber- und Filmrechte eine wichtige Finanzquelle des Kirchenstaats.

Barbara Jatta studierte an der römischen Universität „La Sapienza“ Kunstgeschichte. 1987 erwarb sie als Archivarin an der Vatikanischen Schule für Paläographie, Diplomatik und Archivistik ein weiteres Diplom. 1991 promovierte Jatta in Kunstgeschichte, spezialisierte sich dann auf Grafik- und Druckgeschichte. 1994 übernahm die Mutter von drei Kindern zudem eine Lehrtätigkeit für Denkmalpflege an der Universität von Neapel. Zwei Jahre später wurde sie für die Vatikanischen Museen tätig, wurde 2010 Leiterin des Graphikkabinettes in der Biblioteca Apostolica Vaticana. Dort beschäftigte sie sich besonders mit der Restaurierung der einzigartigen Sammlung .

In den vergangenen Jahren war sie aber vor allem mit der Vorbereitung einer Ausstellung beschäftigt, für die derzeit die Moskauer vor der Tretjakow-Galerie Schlange stehen. Für „Roma Aeterna“ wurden so viele Meisterwerke der Vatikanischen Pinakothek wie nie zuvor ins Ausland verliehen. Zu Russland hat Jatta auch eine persönliche Beziehung, die sie in Interviews immer wieder betont: Ihre Großmutter war Russin – eine Malerin, die einen römischen Kunsthistoriker heiratete.

Dass Jatta den bisherigen Direktor der Vatikanischen Museen, Antonio Paolucci, ablösen würde, galt als offenes Geheimnis, seit sie im jüngst vergangenen Sommer zu dessen Vizechefin ernannt worden war. Es ist der bisherige Höhepunkt einer Bilderbuchkarriere, die geradezu strategisch so gut wie alle Bereiche abdeckt, die für Leitungsposten in internationalen Museen heute gefordert werden,Es ist zudem bekannt, dass Papst Franziskus Frauen in Vatikan und Kirche mehr Einfluss geben will – auch wenn die meisten theologischen Leitungspositionen Geistlichen vorbehalten bleiben.

Der heute 77 Jahre alte italienische Ex-Kulturminister Paolucci dagegen war vor zehn Jahren von Benedikt XVI. in den Vatikan geholt worden. Er musste vor allem den enormen Anstieg der Besucherzahlen in den Museen um 40 Prozent managen. Aus konservatorischen Gründen dachte Paolucci deswegen sogar über einen „Numerus Clausus“ für die Sixtinische Kapelle nach, so wie schon seit langem der Zugang zur von Giotto ausgemalten Capella di Arena in Padua streng limitiert ist.

Mit Papst Franziskus gab es aber offenkundig Meinungsverschiedenheiten deswegen. 2015 sagte dieser in einem Interview, Museen dürften keine verstaubte Sammlung von Vergangenem nur für Auserwählte und Kluge sein. Sie müssten den Menschen von heute etwas sagen, beginnend bei den Ärmsten und Schlichtesten, und sich für neue Kunstformen und Künstler aus aller Welt öffnen. Paolucci dagegen entgegnete öffentlich: „Nein, Museen sind nicht verstaubt“. Ein Michelangelo sei immer modern und habe auch heute etwas zu sagen.

Papst Franziskus lud zwar schon einmal 150 Obdachlose zu einer Führung durch die Vatikanischen Museen ein. Selbst aber war er in fast vier Jahren Amtszeit kein einziges Mal offiziell in „seinen“ Museen. Vielleicht wird er diesen Besuch nachholen, wenn nun Barbara Jatta übernimmt. Wie diese den Umgang der Vatikanischen Museen mit den Sammlungen und ihren Besuchern verändern wird, darauf darf man gespannt sein.