Dieser Tage, im 25. Jahr der deutschen Einheit, ersteht es wieder in der kollektiven wie subjektiven Erinnerung: das kleine, graue, weltgeschichtlich kuriose, erst hoffnungsvolle, am Ende illusionslos untergegangene Land jenseits der Elbe. Die DDR.

Und da sind sie wieder, für die es wenig Vergleichbares gibt, Arbeiterfrauen im Ruhrpott vielleicht. Die aber so gar nicht grauen siebenarmigen Ost-Alltagsgöttinnen, in Betrieb zwischen Fichtelberg und Kap Arkona, waren jene multitaskenden Viertakt-Weiber in den Mühen der sozialistischen Eintakt-Ebenen, ohne die der Alltags-Rhythmus ins Stottern geraten wäre.

Fast illustriert Barbara Köppes Foto von 1988/89 einen sarkastischen DDR-Witz: Leerlauf? Langeweile? Kennt die DDR-Frau nicht. Sie hat in der Linken den Einkauf für die Familie, in der Rechten das Jüngste ihrer Kinder, über sich die Große Wäsche, hinter sich die Nachtschicht und vor sich die Qualifizierung. Und ab und an die feuchtfröhliche Brigadefeier.

Vielleicht hat Barbara Köppe ja auf diesen Moment gehofft, da alle Welt ein solches Foto sieht. Vielleicht aber auch nicht mehr. Eher, so schien es, hatte sie alles ins Archiv verbannt. Die aus Magdeburg stammende Berlinerin, geboren 1942, hörte 2007 einfach auf zu fotografieren. Da waren noch einige Selbst-Experimente: das eigene maskierte Gesicht, der eigene nackte Körper hinter zerkratzten Scheiben. Und Schluss. Warum den Bilderberg unserer bildüberfluteten Zeit noch höher machen?

Dabei steckt ihr Archiv voller Schätze: dokumentarischer, herb-poetischer, ungeschminkt vom DDR-Alltag erzählender, indes meist unveröffentlichter Fotostrecken. Vor allem über Frauen im VEB Kosmetik Kombinat. Den Zyklus von 1988/89 nannte Barbara Köppe „Frauen-Schönheit-Schicht.“ Jetzt, 2015, hängt er im Blickpunkt ihrer Schau. Kuratorin Ursula Röper kann sich diese Entdeckung ins Stammbuch schreiben. Sie macht mit der Schau des Freundeskreises Willy-Brandt Haus öffentlich, was fast unbekannt war, von einigen Abdrucken in der Neuen Berliner Illustrierten (NBI), der Wochenpost, im Sonntag und und in der FF Dabei seit den Sechzigern mal abgesehen.

Die widerständige Kraft des schwachen Geschlechts

Der Abstand eines Vierteljahrhunderts zwischen den meisten der Fotos – Arbeiterinnen, Jugendliche und 15 Porträt-Serien bekannter Schauspielerinnen, Tänzerinnen, Malerinnen, Schriftstellerinnen (man sieht auch ein Foto der Berliner Filmautorin Regine Sylvester mit Töchterchen in der Badewanne) – schafft auf einmal eine klischeefreie Perspektive auf die Frauen im Mauerland. Nämlich auf deren Lebenskunst.

Mit „Das (de)konstruierte Glück“ erweist sich Barbara Köppe als subtile Beobachterin, ehrliche Chronistin, als so empathische wie humorvolle Erzählerin dieser Lebensgeschichten. Im Januar 1968, ausgerechnet in dem Jahr, in dem die Natschalniks des Warschauer Paktes den Prager Frühling erdrosseln ließen, gab es in Berlin die World-Foto Schau „Wieviel Glück braucht der Mensch?“ Köppe schaffte es auf den NBI-Titel. Neben einer asiatischen Plakat-Schönheit zeigt sie die jungen Schauspieler Evelyn Opoczynski und Henry Hübchen. Der damalige TV-Chefideologe Karl Eduard von Schnitzler tönte zur Ausstellung: Glück sei einzig im Sozialismus möglich.

Wie man sehen kann, widersprach ihm die Fotografin. Ihre Bilder sagen etwas ganz anderes, allerdings ohne betrübte, frustrierte, aussichtslose Menschen zu zeigen. Schon gar nicht die Frauen. Sie verkörpern die widerständige Kraft des schwachen Geschlechts. Nun, den Chefredakteure der DDR-Presse unter Druck setzenden Funktionärs-Spruch: „So sehen unsere Menschen doch nicht aus!“ hat auch Barbara Köppe zur Genüge gehört. Und so war ihr klar, dass viele ihrer Fotos erst gar nicht gedruckt würden. Wie „Frauen-Schönheit-Schicht“. 200 Fotos umfasst die Serie über das DDR-weit 60 Fabriken zählende Kombinat: 8500 Beschäftigte, die den Kosmetikbedarf des Landes produzierten. 75 Prozent der Arbeiterinnen waren Frauen. Köppen fuhr mit ihrer Kamera nach Adlershof, Dresden, Miltitz, nach Rodleben, Wasungen, Oederan und Karl-Marx-Stadt.

Die Fotografin machte keine Aufnahmen von der Produktion, sondern von den Arbeitsbedingungen: Sie entwickelte für ihre Schwarz-Weiß-Bilder eine eigene Ästhetik und Stilistik: Kontraste ja, aber im Beiläufigen. Alles ist Prozess, ist Bewegung. Und nichts inszeniert, in Pose gerückt. Auch nicht die frontalen, in der Ausstellung nun zu eindrücklichen Tableaus gefügten Porträts: weibliche Biografien zwischen Kinn und Stirn, ältere und jüngere, müde und wache Gesichter, fragende, freundliche, skeptische Blicke. Lippen, lächelnd oder trotzig zusammengepresst.

Die Schicht-Arbeit für die Schönheitsindustrie war hart. Das zeigen Köppes Bilder unverblümt: Schwer waren die Fässer und Transportwagen, die Technik veraltet, die Bedingungen in den Werkhallen und Alchemistenküchen für die Cremes, Showers, Shampoons, Duftwässerchen und Haarfärbemittel alles andere als attraktiv. Die Böden waren glitschig, das ständige Beugen über die Wannen ging aufs Kreuz, die Chemikalien fraßen sich in Schuhe und Hände. Arbeitsschutz sieht anders aus. So durfte die Arbeitswelt im Sozialismus nicht aussehen. Jedenfalls nicht in der Presse. Köppes Fotografie aber war nicht die einer Feministin, sie kam „aus der Wahrheit der fünf Sinne“, wie es bei Käthe Kollwitz heißt.

Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 28. Bis 15. November. Di–So 12–18 Uhr. Eintritt frei (mit Ausweis). Katalog (Nicolai). Am 5. November, 17 Uhr, Podium mit Barbara Köppe und Kuratorin Ursula Röper.