Wäre es nicht schön, wenn wir alt wären?“ fragt Barbra Streisand im Film „Cherie Bitter“ ihren Filmpartner Robert Redford, „Alles wäre einfach und unkompliziert, so wie damals, als wir jung waren.“ Die Antwort des Mannes ihrer Träume fällt etwas einsilbig aus. „Katie, es war niemals unkompliziert.“

Eigentlich konnte eine Frau mit so viel Talent ja gar nicht übersehen werden. Dennoch gab es da in den Augen ihrer Mutter etwas, das ihre Bühnenambitionen bremste, und diesen vermeintlichen Makel trug Barbara Joan mitten in ihrem schönen Gesicht. Doch die Zeiten hatten sich geändert, seit sich in Hollywood sogar ein Johnny Weissmuller für seinen Filmvertrag unter das Messer legen musste. Mit dem Ende des Studiosystems um 1960 kamen plötzlich auch weniger stromlinienförmige Stars zum Zuge. Und Barbra Streisand hatte immer den richtigen Riecher.

„Funny Girl“, ihr phänomenaler Durchbruch mit der ersten Hauptrolle im Jahre 1968, wirkt heute wie ein Brückenschlag zwischen dem klassischen Kino und dem modernen. Inszeniert von William Wyler, werden darin die wilden Zwanziger wie ein Modell der revolutionären Sechzigerjahre präsentiert. Die junge Barbra Streisand schien in der Rolle der aus ärmlichen jüdischen Verhältnissen stammenden Entertainerin Fanny Brice ein Modell für ihre eigene Karriere gefunden zu haben. Auch Streisand war am 24. April 1942 in eine bescheidene New Yorker Familie hinein geborenen worden. Ihre Eltern waren aus Österreich geflohene Juden: der Vater ein Grundschullehrer, der starb als seine Tochter fünfzehn Monate alt war, die Mutter eine Schulsekretärin. Schon mit dreizehn Jahren machte sich das Talent der Tochter Luft mit einem Demoband, auf dem sie den Standard „You’ll Never Know“ sang.

Hypnotisierende blaue Augen

Dieser frühe Durchsetzungswille sollte Streisands Rollenbild bestimmen. Hier war ein Mädchen, das in jedem Filmbild ausstrahlte, was traditionell von den „leading men“ der Leinwand erwartet wird: Die Fähigkeit, durch bloße Ausstrahlung zu vermitteln, dass man erreichen kann, was man sich vornimmt.

Doch wie sich diese Gewissheit vermittelte in Filmen wie „Hello Dolly“, „Cherrie Bitter“, „Is was, Doc“, „A Star is Born“ oder in Vincente Minnellis verkanntem Spätwerk „Einst kommt der Tag“, das macht ihr niemand nach, denn es gehört eine ganz spezifische Mischung dazu: Hypnotisierende blaue Augen; eine scheinbar schlaksige Körpersprache, die sich in tänzerische Energie verwandeln kann. Und eine Stimme, die kraftvoll und sanft in einem ist. Akustisch wirkt ihre Ausstrahlung so hoch dosiert, dass man nicht zu viel Streisand auf einmal hören sollte. Aber immer wieder. „The Way We Were“, und ab und zu: „A Woman in Love“.

In der Bestenliste noch vor den Beatles

Fünfzehn Jahre warb sie für ihr Herzensprojekt, das Musical „Yentl“, das schließlich für fünf Oscars nominiert wurde. Die Geschichte einer Frau, die sich als Junge verkleidet, um eine Talmud-Schule zu besuchen, bewegte Spielberg zu einem außergewöhnlichen Kompliment: „Ich wünschte ich wüsste, wie man ihren Film verbessern könnte. Aber ich habe keinen besseren gesehen seit Citizen Kane“. Sie selbst gewann den Oscar 1969 für „Funny Girl“ und 1977 als Songautorin von „A Star is Born“. Als Musikerin kann sie auf eine der längsten Karrieren überhaupt zurückblicken: In der ewigen Hitparade der bestverkauften Künstler rangiert sie auf Nummer zwei, hinter Elvis und vor den Beatles.

„Beneidet mich nicht“, kommentierte sie diese Erfolge, „Ich habe meine eigenen Wehwehchen.“ Die Bitte nach einer Selbsteinschätzung erfüllte sie mit einer Aufzählung von Gegensätzen: „Ich bin einfach, kompliziert, großzügig, selbstsüchtig, unattraktiv, schön, faul und ehrgeizig.“ Diese Eigenschaften addieren sich zu einer Menschlichkeit, für die Barbra Streisand nahezu von jedem geliebt wird: Von Männern, die eigentlich auf ganz andere Frauen stehen, von Männern, die eigentlich auf Männer stehen, und von unendlich vielen Frauen sowieso.

Mit einer feiert sie zusammen Geburtstag: Shirley MacLaine (78), die ursprünglich als Besetzung von „Funny Girl“ vorgesehen war. Auch ihr Glückwünsche fürs grandiose Anderssein.