War so für Berlin geplant: Barbara Thumm in New York, vor der auf Baumwollstoff gedruckten Foto-Installation ihrer Künstlerin Carrie Mae Weems.
Foto: Privat

BerlinStell dir vor, du hast Geburtstag, und keiner darf kommen, um mit dir zu feiern. Rosen, Tulpen, Nelken schicken? Auch die Blumenläden haben zu. Und Glückwünsche nur per Telefon.

Geburtstag in der Corona-Krise: Die Galeristin Barbara Thumm sitzt mit dem aufgeklappten Laptop in ihrer Wohnung in Berlin-Mitte und verrät, jetzt gäbe es wenigstens Kuchen. Der Bäcker um die Ecke hat noch auf, und ihr Sohn ist ja da. Nach Feiern ist ihr eh nicht zumute. Über Anrufe und Gespräche per Skype freut sie sich. Doch sie sorgt sich gerade auch um die empfindlichen Papier-Installationen, die systematischen Zettel-Universen der früh verstorbenen Hamburgerin Anna Oppermann, die sich in ihrer Galerie an der Kreuzberger Markgrafenstraße befinden. Fragilste Konzeptkunst wie diese braucht gleichbleibende Temperatur, die muss penibel geregelt werden, obwohl die Schau schon seit zwei Wochen geschlossen ist. So wie alle Ausstellungen in der Stadt, im ganzen Land.

Wie hätte Barbara Thumm ahnen könne, dass der Titel der Ausstellung „Das Bild steht auf der Fensterbank“ dieser Tage derart real werden könnte. Kontaktsperre und Homeoffice haben tatsächlich auch für die eher kosmopolitische Galeristin ein Weltbild vom Küchenfenster aus zur Folge. Da erlebt sie die beklemmende Stille und Entschleunigung einer Metropole, die sonst nie ruht, die Vollbremsung einer urbanen Gesellschaft.

Schleunigst in 3D ins Internet

Sie hat, nach dem Schreck der Kontaktsperre, als erstes die Oppermann-Schau schleunigst ins Internet gestellt, sogar in 3D. Es wäre zu schade, wenn niemand sie sehen könnte. Sie will die Ausstellung in ihren Räumen bis in den Sommer hinein verlängern, denn gerade der Nachlass dieser außergewöhnlichen Künstlerin, den Barbara Thumm seit Jahren betreut und vor dem Vergessen bewahrt, repräsentiert ihr Galerie-Profil. Und das ist nicht Mainstream.

Vor 22 Jahren startete Barbara Thumm in Mitte, in einer kleinen Ladengalerie. Inzwischen zählt ihre unprätentiöse Ausstellungshalle in einem Kreuzberger Gewerbeareal zu den ersten Adressen, gerade für Kunst von Frauen. Die Galerie ist sehr angesehen, aber die Klientel, die die spekulative Blase des bis vor Kurzem noch völlig überhitzten Kunstmarktes mitgetragen und befördert hat, ist nicht ihre.

Das Inhaltliche steht für Barbara Thumm an erster Stelle. Gerade komplexe konzeptionelle Lebenswerke, mit Positionen feministischer Künstlerinnen aus aller Welt, wie der Amerikanerin Jo Baer, der Peruanerin Teresa Burga, der anarchischen Deutschen Anna Oppermann, der Britin Fiona Banner. Oder seit Kurzem auch der New Yorkerin Carrie Mae Weems.

Experimenteller Schauraum in Berlin

Barbara Thumm, aufgewachsen in Lübeck, studierte in London Kunst. „Dann war Schluss mit dem Malen. Ich wollte lieber Kunst vernetzen und vermitteln.“ Sie organisierte Ausstellungen, fand die Szene der Young British Artists spannend, die es Anfang der 90er-Jahre mit selbst inszenierten Ausstellungen zu internationalem Erfolg brachten. Und sie zog nach Berlin, gründete ihren experimentellen Schauraum. Ihr Motto: Zuerst die Künstler, dann der Markt. 1998 war noch die Zeit der Idealisten, die Berlin zu einem Magneten der zeitgenössischen Kunst machten. Man war arm, aber sexy. Und alles wollte nach Berlin.

„Reichlich naiv“ sei sie damals gewesen, sagt sie. Längst ist sie ein Profi geworden; die Galerie läuft gut, sie verdient, kann entdecken, investieren. Ihr Blick auf Kunst indes ist immer noch idealistisch „Mich interessiert der kreative Prozess der Werkentstehung, das Kommerzielle kommt anschließend“, sagt sie. Die Balance ist ihr bislang gelungen. „Von Berlin aus war es immer wichtig, über die Stadt hinaus sichtbar zu sein“, sagt sie. „Einen Teil seines Booms verdankt Berlin ja genau diesem Zwang: Wir mussten nach außen gehen, weil es hier lange keine richtige Sammlerschaft gab.“

So hat sich nach außen vermittelt, was in Berlin kulturell passiert. Auf einem immer globaleren und schwierigeren, zunehmend überreizten Markt, in dem auch immer mehr Spekulation eine Rolle spielte und die Preise mitunter ins Obszöne stiegen.

Eine Rezession in der Kunst - und neue Wege

Und nun die Corona-Krise. Die Geschäftswelt steht still. Auch die der Kunst? „Ja, ich mache mir große Sorgen“, gesteht Barbara Thumm. „Wir bekommen es wohl mit einer Rezession zu tun, mit der jetzt keiner gerechnet hat. Gleichzeitig  denke ich intensiv nach über neue Wege. Wer kann jetzt schon einschätzen, in welcher Realität wir uns alle befinden? Worauf soll man sich konzentrieren? Bei allem, was man denkt und plant, denkt und plant man zugleich das Gegenteil mit: Was wäre, wenn …“

Sie weiß, ihren vielen Galeristen-Kollegen geht es nicht anders. „Wir telefonieren viel. Und sind dankbar für die großzügigen Direkthilfen der Bundesregierung. Die bringt Rettung fürs Erste.“ Dann müsse man weitersehen. Nun sei viel Zeit, über die Rolle eines Galeristen nachzudenken, meint sie. Über die Kernarbeit und die Möglichkeiten öffentlicher Wirkung. Fürs Gallery Weekend Anfang Mai hatte sie die erste Schau der New Yorker Fotokünstlerin Carrie Mae Weems vorbereitet, einer in den USA sehr bekannten Afroamerikanerin und Aktivistin der schwarzen Frauenbewegung. Es wäre deren erster Auftritt in Berlin gewesen. Barbara Thumm hat erst mal alles storniert, etwa den Transport der Fotoinstallationen. Der Übersee-Flug wäre gerade ohnehin nicht möglich. Die Schlussfolgerung der Galeristin?: „Nerven behalten. Jetzt ist kein Aktionismus angesagt, sondern Besinnung.“

Eine Hoffnung teilt sie mit der ganzen hiesigen Kunstszene: Die Chance, nachzuholen, im September, zur Art Week, während der auch das verschobene Gallery Weekend stattfinden soll. Nur wenige Tage danach beginnt die ebenfalls verschobene internationale Messe Art Basel. Barbara Thumm ist ein wenig skeptisch: Ob die internationalen Sammler erst nach Berlin kommen werden, um gleich darauf nach Basel weiterzufliegen, dem renommierteren Kunstort? Ja, es geht für die Masse an Galerien in Berlin um die schiere Existenz. Schon vor Corona haben etliche, auch namhafte, aufgegeben: Zak Branica, sogar der Global Player Blain/Southern. Der Boom schwächte sich ab, die Ausgaben waren größer als die Einnahmen.

Raus aus dem Hamsterrad

„Unser Ruhm unter den Kunstmetropolen entstand ja eigentlich aus dem Mangel an Sammlern“, resümiert Barbara Thumm. „Wir waren immer gezwungen, in die Welt zu gehen, auf die internationalen Messen. Das war stets eine teure Sache, eine finanzielle Daumenschraube, aber unabdingbar, um mitzuhalten. Ein Hamsterrad. Im Umkehrschluss kam der ökonomische Erfolg auch von außen, und wir bekamen diesen internationalen Ruf.“

Sie rechnet für sich auf: In den letzten Jahren sei ihr Reiseradius wegen der Messen immer größer geworden, geradezu aberwitzig. An den ökologischen Fußabdruck wegen der Vielfliegerei mag sie gar nicht denken. Sie schlussfolgert: „Das geht so nicht mehr weiter. Wir Galeristen müssen uns nach Corona eigentlich neu und nachhaltig erfinden.“

Vier Mitarbeiter hat Barbara Thumm, zwei davon bleiben in der Krise fest angestellt. Aber zwei gehen aufs Amt; den April kann sie sie ihnen noch voll bezahlen, mehr schafft sie nicht. Sobald alles wieder anlaufen darf, kehren die beiden zurück, das ist ausgemacht. „Wir halten zusammen. Jetzt heißt es, durchzustehen und trotzdem da zu sein.“

Mit den Künstlern Solidarität zeigen

Und ja, es könne so sein, das bisherige Sammler-Investoren Kunst demnächst als Luxus sehen und andere Prioritäten setzen. Allerdings sieht sie auch eine Käuferschaft, die vom Preisverfall profitiert, dann in der Rezession auf dem Kunstmarkt richtig shoppen geht. Wo Verlierer sind, gibt es auch Gewinner. Galeristenkollegen, erzählt Barbara Thumm, berichteten bereits von Offerten per Mail, den Galerien ihre Kunst für 30 Prozent Rabatt abzukaufen.

Aber sie sagt auch, dass es zu früh für Aussagen sei. „Die Geschichte besagt, dass Krisenjahre auch immer wieder Gründerjahre waren. Man muss sich dem stellen, sich verändern, sich auf weniger zentrieren. Und sich Neuem öffnen.“ Die Galerie müsse ein Utopie-Ort bleiben, sagt sie, und erzählt, wie sie in dieser Situation, in der es ihr finanziell noch besser geht als vielen, zu helfen versucht. Den Künstlern der Galerie stellt sie online virtuelle Räume zur Verfügung, in denen sie ihre Kunst präsentieren können. Zudem hat sie Kuratoren eingeladen, ebenfalls virtuelle Ausstellungen mit je vier Künstlern zu schaffen. Auch mit solchen, die in Berlin noch gar keine Galerie haben und gerade jetzt eine Chance gebrauchen können.

Es geht um Solidarität in der viel gerühmten Kunststadt Berlin. Und nicht ums „Rette sich, wer kann“. Aus Barbara Thumm spricht die pragmatische Idealistin. Und die glaubt fest daran, dass die Pandemie „die Liebe zur Kunst und die Notwendigkeit, der Kunst als Lebens-Mittel“ nicht kaputtmachen wird. Ihre optimistische Prognose: „Nach Corona gibt es einen Hunger nach Bildern. Dann sind die Galerien und Museen wieder voll.“

Auf 3D-Tour durch die Anna-Oppermann-Schau der Galerie Thumm kann man sich begeben unter: https://www.artland.com/exhibitions/das-bild-steht-auf-der-fensterbank