Es dröhnt, knirscht, rumst. Ohrenbetäubend laut. Gleißende Scheinwerfer gehen plötzlich mit lautem Klacken an und wieder aus, leuchten mit Suchbewegung die Bühne ab. Nebel wabert, aber niemand ist zu sehen. „Barbarians“, das neue Stück des in London lebenden israelischen Choreografen Hofesh Shechter, beginnt wie ein Hollywood-Thriller. Auf einmal stehen sechs ganz in weiß gekleidete Menschen auf der Bühne, wie geklont bewegen sie sich gleichförmig, sind im nächsten Moment wie vom Erdboden verschluckt, im nächsten Lichtstrahl wieder da. Unter Barockmusik mischen sich dröhnende Maschinenklänge, eine metallische Frauenstimme flüstert den Tanzenden aus dem Off Botschaften zu. „You are not alone.“ „We are not alone!“, brüllt die Gruppe als miltärisches Corps und schlägt sich an die Brust.

Urgewalt Tanz

Für Hofesh Shechter ist Tanz eine Urgewalt. Biografisch haben ihn die Volkstänze beeinflusst, die er in seiner Kindheit in Jerusalem lernte. Ihn fasziniere der Tanz, der aus Stammes-Kontexten, aus zeremoniellen Zusammenhängen entstanden sei, hat er einmal gesagt. Die Trance-Zustände, das Primitive, Alte, Urtümliche. Tanz als Ritual, das Menschen zusammen bringt, Gemeinschaft entstehen lässt. Harmlos findet Shechter diesen Vorgang allerdings nicht. 2010 brach sein erstes großes Stück „Political Mother“ wie ein Unwetter mit Hochalarmstufe über die zeitgenössische Tanzszene hinein.

Shechter, früher Mitglied einer Rockband, ließ für das Stück die Sitze aus den Theatern montieren und zwang die Zuschauer zum Stehen; düsterer Live-Rock dröhnte ohrenbetäubend durch den Saal; bis zum Zusammenbruch zelebrierten die Tänzer eine geisterhafte, hoch artifizielle und gleichzeitig rohe Mischung aus zeitgenössisch gebrochenem, jüdischem Volkstanz. „Wo Zwang ist, ist auch Volkstanz“, hieß es auf einem Plakat. Mit diesem einem Stück wurde Hofesh Shechter zum Superstar der Tanzszene. Ein Garant für das ganz große Event bei jedem Festival. Mit seiner Arbeit „Sun“ gastierte Shechter bereits bei der letzten Ausgabe der Foreign Affairs im Haus der Berliner Festspiele.

Von der „Barbarians“-Trilogie, die er in diesem Jahr zeigt, ist der letzte Teil sogar eine Uraufführung. Es ist ein Coup, nicht nur für dieses Festival, das sich mit einer Shechter-Premiere schmücken darf. Dieses letzte Drittel rettet rückwirkend auch den gesamten Abend. Und das aus einem sehr schlichten Grund: Weil es einfach nur ein wenig anders ist als der Rest.

Erfolg, vor allem ein schneller und dann auch noch ein so gewaltiger Erfolg, wie ihn Hofesh Shechter erlebte, ist ein ziemlicher Fluch. Er gibt zu wenig Raum für Experimente. So klug, so reflektiert Hofesh Shechter auch sein mag – er ist dem nicht entgangen. So genialisch die Szenerien auch wirken, die er entwirft – die Stücke ähneln sich zu sehr und erzeugen Überdruss.

Mit jeweils etwas anderen Ingredienzien wird strukturell das immer gleiche choreografische Prinzip der Brüche und der Überwältigungsästhetik zelebriert. Dieses Mal ironisch gebrochen durch die Stimme aus dem Off, die nach Hofesh ruft und mit ihm einen absurden Disput beginnt. Wozu das alles? Was macht er da? Er weiß es selbst nicht, sagt stotternd und nachdenklich der Choreograf. Er suche Unschuld. Aber, und darum geht es in jedem Moment der Shechterschen Tänze, sie ist nirgends zu finden – und das muss bei Shechter immer sofort kenntlich gemacht werden und der Tanz in etwas anderes kippen. Aber so lässt sich nichts durchhalten. In „Political Mother“ war das als Arbeitsweise genial. Inzwischen aber ist das Ganze zwar perfektioniert, gleichzeitig aber inhaltlich ausgequetscht bis zum letzten Tropfen, degeneriert zur bloßen Masche.

Stammesrituale

Und dann ist da auf einmal dieser letzte Teil der Trilogie, „Two Completly Different Angles of the Same Fucking Thing“. Ein Mann, eine Frau, keine Gruppe, kein Kollektiv, keine Stammesrituale. Stattdessen Verführung, Anziehung, das alte Ding. Tänzerischer Dialog anstelle von synchronisierten Abläufen. Wow, sind diese beiden Tänzer, Winifred Burnet-Smith und Bruno Guillore, gut! Er in bayrischer Lederhose. Beide wiegen zu weichen Jazzklängen ihre Hüften. Darunter ein dunkles Rumoren in der Musik.

Wenn ein jüdischer Choreograf, der sich mit Macht und Schuld auseinandersetzt, in Deutschland eine Uraufführung herausbringt und einem Mann Lederhosen anzieht, schwingt als Assoziation unwillkürlich der Holocaust mit. Aber Shechter lässt das nur von Ferne anklingen. Bald kommen die anderen Tänzer auf die Bühne, eingegliedert im synchronen Tanz.