In der Philharmonie lässt sich die andere Seite des Saales beobachten wie im Hochgebirge ein gegenüberliegender Felshang. In beiden Fällen werden die Ferngläser angelegt, wenn sich ein überraschendes Objekt zeigt, ein Gamsbock etwa; oder, weil in der Philharmonie weniger Bergwild unterwegs ist, eine gefeierte Person. Im Karfreitagskonzert der Staatskapelle platzierte sich der bekannte Sänger Plácido Domingo zum zweiten Teil auf dem Chorpodium hinter dem Orchester, um sich Richard Strauss’ „Heldenleben“ anzuhören, nachdem er im ersten Teil mitgewirkt hatte. Um den Sänger eine Traube von Menschen. „Ist das nicht seine Frau? Und dort sein Sohn?“, wurde hinter Ferngläsern gewispert. Als sicher darf gelten, dass vor Domingo die Partitur des „Heldenlebens“ lag. Man konnte es daran erkennen, dass der Tenor ein wenig mitdirigierte, Notenseiten wendete und den jungen Mann rechts neben sich auf bestimmte Stellen hinwies.

Vielleicht kann Domingo nicht mit Musik in Berührung kommen, ohne als ganzer Mensch von ihr mitgerissen zu werden, ohne durch Bewegung ihren gestischen Gehalt verdeutlichen zu müssen. Das zeigt einen grundsympathischen Zug des großen Tenors, dessen Anwesenheit wie eine heitere Sonne über dem Konzert der Staatskapelle unter Daniel Barenboim strahlte. Wer hätte gedacht, dass Regers „Requiem“ mit Domingo mehr ist als eine Trauermusik, deren Emotionalität im abenteuerlichen Wechsel der Harmonien nach und nach ins Leere läuft. Der Tenor übernimmt in dieser Vertonung eines Gedichtes von Friedrich Hebbel die Stimme des Mahners: „Seele, vergiss nicht die Toten!“ Domingo singt das wenige, was er zu singen hat, wie man ihn kennt: intensiv, innerlich vibrierend, inbrünstig. Und während der Tenor dies also von Herzen singt – und es auch gestisch mit dem Raufen seiner Hände vor der Brust verdeutlicht – lässt er Mittelmeerlicht aufgehen über Regers mitteldeutschem Tonsatz-Gestrüpp. Damit legt er eine neue, überraschend emotionale Seite an diesem Komponisten frei – und die liegt jenseits aller Verpanzerung in üppigem Tonsatz und wuchernder Harmonik. Das spricht direkt zum Hörerherzen. Ach, hätte Reger doch nur Domingo kennenlernen dürfen! Vielleicht wären seine Werke dann um ein paar Tonnen leichter geraten.

Seufzender Tonschritt

Mit dem 1915 entstanden sogenannten „Hebbel-Requiem“, das Reger dem „Andenken der im Krieg gefallenen Helden“ widmete, schlug das Programm dieses Konzerts der Staatsopern-Festtage einen Bogen sowohl zur Karfreitagsthematik als auch zum Weltkriegsgedenken. Wenn Regers Stück bei Barenboim die „maurerische Trauermusik“ vorausgeht, die Mozart für seine Wiener Freimaurer-Loge geschrieben hat, führt das vor allem vor, wie ähnlich sich trotz Stilwechseln das musikalische Trauervokabular geblieben ist. In beiden Stücken dominiert die fallende Sekunde als seufzender Tonschritt, beide Stücke zitieren Kirchen-Choräle, beide Stücke enden in vorsichtig verheißungsvollem Dur. Geradezu avantgardistische Wege beschreitet Mozart hingegen in der Instrumentation: gleich drei Bassethörner fügt er dem Holzbläsersatz hinzu, außerdem ein Kontrafagott. Es näselt und schnurrt, als sei der Klang dieser Musik schon verblichen, vergilbt, nur noch eine Erinnerung.

Mit ein wenig Fantasie lässt sich wohl selbst das „Heldenleben“ mit dem Karfreitag in Verbindung bringen: Schließlich hat auch der Held in Strauss’ Tondichtung zu leiden – unter dem Gemäkel seiner Kritiker, unter seiner anstrengenden Frau. Barenboim gab sich Mühe, das Stück nicht allzu protzig wirken zu lassen. Von Beginn an setzt er auf Eleganz, gliedert das Anfangsthema sorgfältig, federt die Phrasen sanft ab. Im Verlauf der Aufführung hat dieser Stil aber auch seine Tücken: Ein ums andere Mal geht bei Barenboims spontaner Gestaltung der Puls verloren, man verirrt sich im Riesenwerk; unausgearbeitet bleibt, welche Schichten dieser üppigen Partitur nun wichtig sind und welche nicht. Am Ende geht wohl auch die Staatskapelle nach anstrengenden Festtagen ein wenig auf der Felge, ein ausgefranster Bläserakkord beendet den Abend. Der Beifall ist groß, auf dem Chorpodium strahlt Plácido Domingo.