Vor 14 Jahren erwarb der Siemens-Konzern das Magnus-Haus am Kupfergraben mit seinem idyllischen Garten. Ein Grundstück, das sich schon in Stadtplänen des frühen 18. Jahrhunderts nachweisen lässt und seither unverändert mit seinem reizvollen, durch einen lange schon verschwundenen Kanal verursachten Knick an der Dorotheenstraße die Stadt schmückt.

Schon 2001 fragte sich mancher, was Siemens mit dem Grundstück anfangen will. Im Haus befand sich das Büro von Alt-Bundespräsident Richard von Weizäcker und die Deutsche Physikalische Gesellschaft hat ein Nutzungsrecht. Als Siemens dieses bis mindestens 2024 mietfrei garantierte, dachte man erfreut: Offenbar gehört Siemens zu den Mäzenen, wie man gerne mehr in Deutschland hätte. Der Konzern begründete nämlich den Kauf damit, dass sich im Magnus-Haus einst Werner von Siemens und sein künftiger Kompagnon Johann Georg Halske begegnet seien.

Nicht genehmigungsfähig

Von diesem historischen Selbstbewusstsein ist außer Rhetorik nichts geblieben. Der Konzern will im Garten seine Hauptstadtrepräsentanz bauen. Als das Projekt in den Planungsbehörden vorgestellt wurde, waren sich die Beamten einig: Nicht genehmigungsfähig.

Das Gartengelände ist der letzte Zeuge einer einst reichen spätbarocken Gartenkultur, die am damaligen Stadtrand Berlins blühte. Das Haus entstand um 1770 und ist eines der wenigen Wohnpalais, die sogar die DDR halbwegs gut überstanden haben. Seit Jahrzehnten sind Haus und Garten in die Berliner Denkmalliste eingetragen und zudem Teil der besonders geschützten „Pufferzone“ um das Weltkulturerbe Museumsinsel.

Der Konzern hielt dagegen: Das Haus könne wegen des Mieters nicht genutzt werden, also müsse eine Alternative her. Die Fläche, auf der man bauen wolle, sei doch nur ein Parkplatz. Auch solle das neue Gebäude niedriger sein als das Magnus-Haus. Die Pläne des Berliner Architekten Jan Kleihues zeigen allerdings, dass der Neubau deutlich über die Firstkante des Altbaus hinaus ragt. Als letztes Argument fiel Siemens ein, der Neubau solle die modernistische Fassade des Centrum Hungaricum verschönend verstellen. Dieses aber ist ohne jede Beeinträchtigung historischer Situationen entstanden und im Vergleich zu Kleihues Berliner Rasterschema-Entwurf ein anregendes Schmuckstück.

Dass das Projekt nicht gleich in der Verwaltung beerdigt wurde, lag an Klaus Wowereit. Er hat die Pläne von Siemens im Mai 2013 mit einem Brief an Senatsbaudirektorin Regula Lüscher versehen, das Projekt solle „unterstützend begleitet“ werden. Lüscher widerstand dem informellen Befehl nicht, ebenso wenig der Baustadtrat von Mitte, Carsten Spallek. Obwohl ihnen alle Beamten und Gremien zur Seite gestanden hätten, von den Denkmalschützern über Stadt- und Grünplaner bis zum Landesdenkmalrat. Und obwohl dieses Projekt mit dem Gleichheitsgrundsatz bricht: Nie bekäme ein normaler Bauherr einen solchen Bau an dieser Stelle genehmigt.

Es ist absurd: Ausgerechnet jene SPD, die die Berliner „Altstadt“ nickelig nachbauen will, und jene CDU, die für den Schlossfassadennachbau kämpfte, wollen dies Zeugnis bürgerlichen Berliner Barocks beschädigen lassen. Die Pressestelle der Senatsbauverwaltung legitimiert das so: „Die Belange der Denkmalpflege wurden in allen Bauvorbescheidsphasen abgehandelt, sie wurden zur Kenntnis genommen und bei der politischen Entscheidung zugunsten des Bauvorhabens als nachrangige Interessen gegenüber anderen und überwiegenden öffentlichen Interessen eingestuft.“ Welche Vertreter „öffentlicher Interessen“ außer Siemens und Klaus Wowereit waren also dafür? Wir haben niemanden gefunden.

Wurde wenigstens die Unesco gefragt? Immerhin steht Deutschland seit dem Skandal um die Dresdner Waldschlösschenbrücke unter besonderer Beobachtung. Antwort der Pressestelle: Die Senatsbauverwaltung wisse nicht, ob die Unesco das Projekt zur Kenntnis genommen habe. Der Neubau läge auch nicht in der Kernzone des Welterbes. Genau deswegen aber gibt es eine Pufferzone, aus der alle Bauaktivitäten nach Paris gemeldet werden sollen. Die Unesco ist nicht gegen Neubauten in der Umgebung von Welterbestätten, wie der von David Chipperfield geplante Galerienbau neben dem Gorki-Theater zeigt. Aber sie sollen die historische Struktur respektieren.

Anrainer halten still

Warum also protestieren die Anrainer nicht? 2001 empörte sich die Deutsche Physikalische Gesellschaft noch. Jetzt hofft sie wohl auf die Verlängerung des Nutzungsrechts und hält still. Und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Hüterin der Museumsinsel? Fehlanzeige! Siemens sitzt mit im „Kuratorium Preußischer Kulturbesitz“, als strategischer Partner. Will heißen, die Preußen-Stiftung erwartet sich viele Millionen Euro etwa für das Humboldt-Forum. Proteste gegen einen Neubau sind da wenig hilfreich. Außerdem sitzt die Preußen-Stiftung im Glashaus mit dem jeder Denkmalpflegemethodik widersprechenden Radikalumbau des Pergamonmuseums. Betreut wird auch dieser vom Architekten Kleihues. Berlin ist klein.

Für die Verbauung des Magnus-Gartens gibt es keine akzeptable Rechtfertigung. Sinnvoller wird sie auch nicht durch die von Lüscher ausgehandelte Regelung, dass ein Wettbewerb stattfinden soll. Egal, wie der Entwurf aussieht: Es gibt schlichtweg Grundstücke, die bebaut man nicht. Einfach deswegen, weil es sich nicht gehört, einen der wenigen halbwegs erhaltenen Orte der bürgerlichen und der Wissenschaftsgeschichte Berlins zu vandalisieren. Siemens sollte dieses üble Bauprojekt zurückziehen und Berlin mit einem schönen Garten beglücken.