Ito (Tansel Akzeybek) und Lydia (Vera-Lotte Boecker) mit Tanzensemble
Foto: Iko Freese

Berlin Jaromír Weinbergers Operette „Frühlingsstürme“ beginnt mit einer kurzen, reizenden Orchester-Einleitung: Entspannt klingen Melodien und Rhythmen auf, die der Musik seiner tschechischen Heimat entstammen könnten, charmant bis drollig im Ausdruck, gänzend orchestral arrangiert. Aber so geht es nicht weiter. Was dann kommt, sind komplizierte, auf den Foxtrott-Leisten gespannte Schlager in eigentümlicher stilistischer Zwischenlage. 

„Anspruchsvolle Unterhaltung“ könnte man das nennen. Aber auch das greift die Angelegenheit nicht wirklich, zumal die am Sonnabend in der Komischen Oper vorgestellte Produktion zwischen anspruchsvoller und anspruchsloser Unterhaltung ziemlich rasch hin- und herschleudert. Weinberger konnte mit seiner Oper „Schwanda der Dudelsackpfeifer“ 1927 einen sensationellen Erfolg verbuchen, das Stück wurde häufiger aufgeführt als „Die Zauberflöte“ oder „Carmen“. Dass ein im großen Genre gefeierter Komponist zur Operette wechselt, erinnert an die Arbeit eines Schriftstellers vom Range William Faulkners in der Filmindustrie: Er kann damit unmöglich so recht glücklich gewesen sein. Manches klingt, als simulierte ein in komplexem Denken geschulter Komponist – Weinberger war Schüler von Max Reger – den Einfältigen.

Stück vergessen, Partitur verloren - jetzt wiederentdeckt 

„Frühlingsstürme“ wurde im Admiralspalast zehn Tage vor Hitlers fatalem Triumph uraufgeführt, vierzig Tage später abgesetzt, denn Weinberger war Jude. Das Stück wurde vergessen, die Partitur – von Weinberger selbst für ein großes Orchester gesetzt – ging verloren. Das alles prädestiniert es zur Wiederentdeckung an der Komischen Oper samt Inszenierung vom Chef des Hauses, Barrie Kosky, der seinen Vorgänger Andreas Homoki gleich noch mit einer „Schwanda“-Inszenierung beauftragt hat, die Ende März vorgestellt werden wird.

„Frühlingsstürme“ spielt im russisch-japanischen Krieg Anfang des 20. Jahrhunderts. Der russische General Katschalow und sein vermeintlicher chinesischer Diener lieben dieselbe Frau, Lydia Pawlowa. Der chinesische Diener ist in Wirklichkeit der japanische Spion Ito, und Lydia liebt ihn auch. Indem sie sich dem General nähert, stachelt sie Itos Eifersucht an, aber in Wirklichkeit will sie ihm damit helfen – aber der General geht durchaus auch taktisch vor und gibt ihr falsche Informationen.

Barrie Kosky über "Frühlingsstürme" (in englisch) 

Quelle: Komische Oper über YouTube

Stefan Kurt spielt diese Sprechrolle fantasievoll und auch in der Verzweiflung komödiantisch, lässt seinen Sängerkollegen auf der Bühne dabei darstellerisch immer Raum. Auf dieser Ebene ist das Stück fast fatalistisch, weil jeder jedem etwas vormacht, was auch die Gefühlswahrheiten angreift. Als komisches Element hat der Librettist Gustav Beer einen Berliner Journalisten erfunden, der die Tochter des Generals umgarnt, was der natürlich nicht will. Dass der Journalist sich zunächst als Koch ausgibt und danach noch alle möglichen Rollen annimmt, verfolgt das Verstellungs- und Spionage-Thema auch auf der lustigen Seite weiter – Alma Sadé und Dominik Köninger überzeugen mit schier unermüdlicher Albernheit und treffen sprechend wie singend den geforderten Boulevard-Ton.

Im Prinzip kein schlechtes Stück und sein Ausgang durchaus rührend: Am Ende sind zwei falsche Paare entstanden und Ito kann Lydia nur noch sein trauriges „Du wärst die Frau für mich gewesen“ hinterhersingen – bis dahin hat man sich an die sehr jungenhafte, so gar nicht schmelzende Stimme von Tansel Akzeybek gewöhnt und ihre Textverständlichkeit und Sauberkeit schätzen gelernt. In der Ausführung seines Textes ist Gustav Beer jedoch keineswegs alles gelungen. „So wie sich der Falter im Flammenbereich/ die Flügel verbrennt, ja so geht es auch euch“, singt Lydia – der poetische Abstand zu Marlene Dietrichs Vergleich von Männern mit Motten im „Blauen Engel“ ist enorm. Allerdings muss man sagen, dass Vera-Lotte Boecker wesentlich schöner singt, mit mühelos erreichter und trotz großer Klarheit des Timbres nie scharfen Höhe.

Gestisches Interview mit dem musikalischen Leiter Jorda de Souza, Fragen: Barrie Kosky. 

Quelle: Komische Oper

Zweieinhalb Stunden reine Spielzeit sind für eine Komödie überreichlich. Kosky inszeniert die einzelnen Szenen ohne interpretatorische Verstiegenheiten überaus lebendig und mit einer durchaus akzeptablen Überdosis Blödelei – aber gegen Ende wird man dennoch ungeduldig, das Timing des Ganzen scheint nicht durchweg gelungen. Kosky und sein Bühnenbildner Klaus Grünberg stellen eine Holzkiste auf die Bühne, die sich für die verschiedenen Szenerien – Feldlager, Salon, Hotel – öffnet. Das Tanzensemble des Hauses wurde von Otto Pichler zu fernsehballettartigem Synchron-Beinschwingen trainiert. Die musikalische Leitung der von Norbert Biermann rekonstruierten Partitur liegt in den Händen von Jordan de Souza, der die zuweilen durch das Orchester wehenden Frühlingsstürme zwar faszinierend wispernd lässt, aber den Operettentonfall doch eher mühsam realisiert.

Jaromír Weinberger: Frühlingsstürme. Operette in drei Akten (1933) Weitere Vorstellungen: 29. 1.; 8., 13., 23. 2., Komische Oper, Behrenstr. 55-57