"Barroco Tropical": An der Hundeleine zur Erkenntnis

Wenn der Ich-Erzähler − ein Schriftsteller und Filmemacher − noch ziemlich am Anfang dieses Romans seine „Nebendarsteller“ in kurzen Porträts präsentiert, spätestens dann wird dem Leser klar, was es mit diesem an Üppigkeit und Überschwang gemahnenden Romantitel auf sich hat: „Barroco tropical“. Die zwergwüchsigen Zwillingsbrüder, die als Modemacher in Europa Karriere machen; der Ex-General, der sich als Diamanten- und Immobilienhändler zum „Sozial-Kapitalisten“ erklärt, weil es schließlich in Angola eine vernünftige Bourgeoisie brauche, um an Sozialismus denken zu können; die agoraphobische Künstlerin und Architektin, die in Luanda Soldatenskulpturen aus Schokolade (natürlich zum Aufessen) arrangiert und einen gigantisch-futuristischen Termitenbau als Wohnhaus entwirft, dessen Untergeschosse wie eine Parallelwelt von Obdachlosen und Junkies beherrscht werden; der ehemalige Minenräum-Spezialist, der sein bei einem Einsatz zerfetztes Gesicht hinter einer Mickey-Mouse-Maske verbirgt; die brasilianische Schamanin, die als Achtzigjährige nach Angola kommt, weil sie einen jungen Schwarzen heiraten will; schließlich der Wunderheiler, der seine Patienten an Autowracks kettet und sie mit schwarzen Federn füttert − ach, jede Figur, jede Lebensgeschichte ein Roman für sich, und ein wahrhaft potentes Erzählen kann es sich leisten, mit soviel Freude an der Verschwendung solche Geschichten mal eben ganz knapp in die Gegend zu streuen!

Und es ist nicht so, dass mit den Hauptdarstellern bis dahin nichts passiert wäre: Eine ehemalige Miss Angola und spätere Fernsehtalkerin, die sich im direkten Dialog mit Gott wähnte, stürzt plötzlich vom Himmel. Eine Sängerin, ein Superstar in der portugiesischsprachigen Welt, ist leidenschaftlich, aber letztlich unglücklich in den Ich-Erzähler verliebt, auch sie wird stürzen (später), allerdings vom Hochhausdach, nicht aus einem leeren Himmel. Und der Ich-Erzähler, dieser eigentlich die Welt mit souveränem Urteil und literarischer Kenntnis sortierende Intellektuelle, wird (auch das später) an einer Hundeleine auf den Weg der Erkenntnis gezerrt werden.

Was all diese (und etliche weitere) Figuren eint, ist eine vielstimmig erkundete Intrige. Neben die Leidenschaften, die jüngere Geschichte Angolas, seine stürmische Gegenwart und politische Intrigen, stellt sie ein weiteres Element: den afrikanischen Mystizismus, der in Luanda nicht nur „tagtäglich eine neue Kirche“ entstehen lässt, wie es einmal heißt, sondern sich auch speist aus einem reichen Vorrat an überlieferten Mythen und Legenden um Heiler und Hexen, düstere Rituale und schauerliche Vorkommnisse, die bis ins Aktuelle reichen.

Ein „schwarzer Engel“, ein „Vogelmensch“, der in der Lage ist, Krankheiten zu heilen und das Leben zu verlängern, der womöglich in komatösem Zustand irgendwo versteckt gehalten wird, gibt dieser Geschichte ihren narrativen Impuls, ohne dass auch allzu klar wäre, was konkret wohl geschehen könnte, wenn der Engel denn tatsächlich einmal gefunden wäre. Aber das ist nicht wirklich wichtig. Ohnehin liest man diesen „schwarzen Engel“ als metaphorische Gestalt, auf die sich in einem geschundenen, zwischen Öl-Boom und Niedergang rotierenden Land die Glückssehnsüchte projizieren lassen.

José Eduardo Agualusa ist ein Virtuose der Verzweigungen. Wie er seine Gestalten nicht nur auf die rationellste Weise konturiert, sondern ihnen auch Verbindungswege, Begegnungs- und Beziehungsplattformen inszeniert, das ist von einer geradezu atemberaubenden Meisterschaft. Allein die schwarzen Federn (von jenem komatösen Engel? Tatsächlich? Oder immerhin möglich?), die immer wieder durch diesen Roman schweben, eignen sich ebenso als irisierende Levitationselemente wie als praktische Folterwerkzeuge, wenn sie Opfern in den Mund gestopft werden.

Zwischen Schrecken und Verzückung agiert dieser Text, zwischen furioser Dynamik und der traditionsbeladenen Schwere einer immergleichen Wiederkehr, zwischen Luxuszelle und Armutshölle, zwischen afrikanischer Erzähllust und europäischem Formbewusstsein. Im Roman werden Texte von J. M. Coetzee und Gabriel García Márquez erwähnt − ein Autor von diesem Rang muss in der Tat keine Komplexe haben.