Basement Tapes von Bob Dylan: Heraus aus den Katakomben Amerikas

Es gibt ein Foto des amerikanischen Star-Fotografen Richard Avedon, das Bob Dylan im New Yorker Central Park zeigt, kurz bevor er zum Entsetzen der Traditionalisten auf dem legendären Newport Festival von 1965 den Folk elektrifizierte. Die Schultern hochgezogen, die Haare toupiert, der Blick abweisend. Der Mann stand selber unter Strom.

Kaum zwei Jahre später präsentiert der Fotograf Elliott Landy einen seltsam geläuterten Dylan. Die Gesichtszüge weich wie der Flaum am Kinn, eine randlose Brille deutet eine introvertierte Intellektualität an. Die Unrast ist verschwunden, die Bilder zeigen einen, der mit sich im Reinen zu sein scheint. Rock’- n’Roll war gestern.

Elliott Landys Homestory über Bob Dylan und dessen Waldleben bei Woodstock ist die visuelle Inspektion einer Heimkehr. Ende 1966 war Dylan bei einem Motorradunfall schwer verletzt worden, die Zeit in Woodstock war eine der körperlichen Genesung und der künstlerischen Neuorientierung mit der Hilfe von ein paar Freunden. Bis zu seinem Unfall war Dylan mit Musikern der früheren Band von Ronnie Hawkins auf Tournee gewesen.

Rastlosigkeit und Männerbund

Die Geschichte des Pop speist sich seit jeher aus der Rastlosigkeit des Unterwegsseins, aber auch aus männerbündischen Zusammenkünften. Ab Februar 1967 mieteten Dylan und die Band, die fortan The Band hieß, in West Saugerties in der Nähe von Woodstock ein Haus an, das sie wegen des farbigen Anstrichs The Big Pink nannten, und zogen sich dorthin zum gemeinsamen Musizieren zurück. Was dabei herauskam, gilt heute in mehrfacher Hinsicht als Gründungsmythos.

Über hundert Songs wurden gespielt, neue geschrieben. Garth Hudson, der Multiinstrumentalist der Band, hatte eine improvisierte Aufnahmetechnik zusammengeliehen, mit der die Sessions eher dokumentiert als aufgenommen wurden. Und irgendwann gab es die Basement Tapes als Gerücht, eine Geschichte über Kopien, Raubkopien, Palimpseste, Überschreibungen und den ganzen texttheoretischen Kram. Was als musikalische Einkehr begonnen haben mochte, entfaltete eine anhaltende Sogwirkung und blieb doch Geheimnis. Daran vermochte auch eine 1975 von Columbia veröffentlichte und geglättete Kurzfassung der Hausmusik nichts ändern.

Ein Teil der Basement-Geschichte geht so, dass Dylan Demo-Bänder von einigen neuen Songs aufnahm, um diese anderen Musikern und Produzenten anzubieten. Manfred Mann kam so zu seinem Chart-Hit „Mighty Quinn (the Eskimo)“. Peter, Paul and Mary coverten „Too Much of Nothing“ und handelten sich Ärger mit Dylan ein, weil sie in ihrer Version den im Refrain vorkommenden Namen Vivien in Marion umwandelten und so eine Anspielung auf T.S. Elliots Langpoem „The Waste Land“ beschädigten. Zum am häufigsten von anderen Musikern aufgenommenen Stück wurde „I Shall Be Released“, hier griffen die Box Tops, die Tremeloes, aber auch Miriam Makeba und andere zu. Und wenn man Garth Hudsons zart-raues Orgelspiel auf „This Wheel’s On Fire“ hört, weiß man, dass es nur ein kurzer Weg war zu der stark ins Psychedelische tendierenden Erfolgsversion von Brian Auger, Julie Driscoll und Trinity.

Dabei waren die Zusammenkünfte in West Saugerties bereits eine manifeste Gegenbewegung zum zwischenzeitlich dominierenden psychedelischen Rock.

Bob Dylan, Robbie Robertson, Rick Danko, Garth Hudson, Levon Helm, Richard Manuel und ihre Gäste aber ließen sich auf nichts festlegen und wilderten kreuz und quer durch die Stilrichtungen. Einzige Vorgabe schien die experimentelle Suchbewegung zu sein. Mal konzentriert und arbeitsam, mal lässig und abschweifend. Die Band coverte Folk-Hits wie „Four Strong Winds“ des Duos Ian & Sylvia und machte auch vor traditionellen Gospels, Shantys, Straßen- und Zirkusliedern nicht Halt – ein hellwacher Blick ins gesellschaftliche Dunkel. Dazwischen tippte Dylan auf seiner Olivetti-Schreibmaschine immer wieder neue Songs, wozu er später einmal Neil Young gestand, er wisse auch nicht mehr, wer eigentlich der Typ war, der all diese vielen Dylan-Songs geschrieben habe.

Während die Pop-Avantgarde ihrer Zeit unter reichlicher Zufuhr von Drogen unterwegs war in fernen und gefährlich spirituellen Welten, sammelten Dylan und The Band das abgelagerte und umhertreibende Plankton der verborgenen Traditionen Amerikas ein. Die Basement Tapes gelten heute als Grundstein all dessen, was unter den Sammelbegriff „Americana“ fällt. Das ist leicht dahingesagt und verkennt die künstlerische Anstrengung und Gelassenheit, die notwendig waren, um beispielsweise die ideologischen Grenzen zum als reaktionär verpönten Country & Western zu überwinden. Was in den Kellern und Zimmern von West Saugerties gespeilt wurde, war nicht nur Rückbesinnung, sondern auch eine Befreiung des amerikanischen Liedguts.

Risiko des Scheiterns

Die Basement Tapes bieten hierzu eher rohes Studienmaterial als pures Hörvergnügen. Bei einigen Aufnahmen scheint mehr Anspruch auf technische Sauberkeit gelegt worden zu sein als bei anderen. Vielfach schrammelt es so vor sich hin. Das Abhören der Basement Tapes macht eben auch Arbeit. Wer jedoch in den letzten Jahren Konzerte von Dylan erlebt hat, der erkennt in allen Einspielungen das Grundprinzip einer performativen Kreativität, die das Risiko des Scheiterns nicht nur eingeht, sondern geradezu zur Voraussetzung hat.

Der Musikjournalist und Dylan-Experte Greil Marcus hat in seinem Buch über das 1965 aufgenommene „Like a Rolling Stone“ geschildert, wie der eine ganze Generation prägende Song nicht zuletzt das Ergebnis eines zufälligen, absichtsvoll planlosen Gelingens war. Der Werkstattcharakter der Basement Tapes ist unüberhörbar. Die Aufnahmen machen aber auch deutlich, dass das Prinzip der Never-Ending-Tour, das den bald 74-jährigen Dylan heute noch immer über die Bühnen dieser Welt ziehen lässt, eine Art Verstetigung jenes Basement-Gefühls von 1967 ist.

Bob Dylan and The Band: The Basement Tapes Complete. The Bootleg Series Vol. 11 (6 CDs+ Fotobuch, Columbia/Sony)