"Bastard" : Dämonische Kinder

Der namenlose Junge mit den tiefschwarzen Haaren und dem melancholischen Gesicht steht im Kinderzimmer, das nicht seins ist. Er steht da mit der Mutter von Nicolas, der entführt wurde. „Du hast keine Ahnung, wer ich bin“, sagt er zu ihr, als er anfängt, mit dem Kuschelhasen von Nicolas zu spielen.

Das ist einer von vielen Momenten in „Bastard“, in denen sich ein Abgrund unter dem Zuschauer auftut. Dieser Film zeigt Kinder der Nacht, traurige Sprösslinge der Verwahrlosung, ganz gleich in welchem Milieu. Kinder, die dank kompletter Verkabelung nicht mehr erreichbar sind, weder von der Schule noch von den Eltern noch von ihresgleichen. Einer von ihnen, der Namenlose (Markus Krojer), hochbegabt und isoliert, entführt einen Schulkameraden, sperrt ihn ein, dreht zur Gaudi seiner Mitschüler Videos davon, gibt alles zu und sagt dennoch nicht, wo Nicolas ist.

Er kündigt sogar an: Nicolas wird einen Tag vor meinem 14. Geburtstag – also vor Erreichen der Strafmündigkeit – tot sein, und ihr könnt mir gar nichts.

Wer im Internet „Mobbing in der Schule“ eingibt, dem stürzen Ratgeber, Ratschläge, Kurse, Therapien nur so entgegen. Die Fülle des Angebots ist hier nicht anders als bei Diät- oder Erziehungs-Ratgebern der sicherste Indikator dafür, dass nichts davon hilft. Unterm Gedröhn der Konsumpropaganda werden die Gehirne so gewaschen, dass jeder nur noch die eigenen Bedürfnisse versteht.

"Ist das jetzt meine Schuld?"

Wir Erwachsene sind kaum weniger infantil als unser Nachwuchs. Ihm eigenständig gegenüberzutreten, ist uns kaum möglich, uns wirklich für ihn zu interessieren auch nicht. Wenn wir mit unseren Hochbegabten renommieren, protzen wir vor allem mit unserem eigenen Erbgut – und hoffen zugleich, die Kinder mögen unsere unsäglichen Schulen intellektuell überleben.

„Und das ist jetzt alles meine Schuld?“ fragt die Mutter des Namenlosen (Sibylle Canonica) trotzig. Noch so ein Abgrund-Moment. Mit gleichgültiger Miene hören die Eltern, was die Polizeipsychologin (Martina Gedeck) ihnen über ihren Sohn erzählt. Ohne dass es um „Schuld“ gegangen wäre, wird jegliche Verantwortung von vornherein abgelehnt. Oder wegen tatsächlich unerträglicher Schuldgefühle verdrängt. Eindrucksvoller kann man die Verbindung zu seinem Kind nicht kappen.

Der Autor und Regisseur Carsten Unger legt mit dem Anfang seines 2011 bei den Hofer Filmtagen vorgestellten Films den Finger auf einen Nervenpunkt dieser Gesellschaft. Die einzelnen Szenen setzen in lockerer dramaturgischer Verbindung ein Mosaik zusammen, dessen Einzelheiten sich zum grausigen Gesamtbild ergänzen.

Neben dem Namenlosen und fasziniert von ihm geht Mathilda (Antonia Lingemann) durch den Film, die Tochter einer alleinerziehenden Hartz-IV-Empfängerin. Mathilda will das Geheimnis des Namenlosen teilen, doch sie weiß keinen anderen Ausdruck für ihre Zuneigung als Erpressung und keinen anderen Sinn für Liebe als Sex.

Dass Mathildas Mutter offenbar jeden Morgen betrunken und vollgepisst im Wohnungsflur liegt und dann von ihrer Tochter gewaschen werden muss, gehört wie das superkalte Reichtumsambiente bei den Eltern des Namenlosen zu jenen Übertreibungen, die der Film eigentlich nicht nötig hat.

Angeberische Bildgestaltung

Die in ihrem Blaustich, ihren Nahaufnahmen und engen Perspektiven reichlich angeberische Bildgestaltung kennt man mittlerweile aus jedem „Tatort“; sie droht nicht selten, das Gezeigte mit zu viel Ausdruck zu isolieren und zu verkitschen.

Aber all das zeigt indes schon an, welchen erzählerischen Weg Unger leider im Folgenden einschlägt. Statt den gesellschaftlichen Ursachen der so eindringlich beobachteten emotionalen Vereisung nachzuspüren, geht es alsbald nur noch um individuell-psychologische Probleme.

Und wieder wie im „Tatort“ bezieht auch die Polizeipsychologin ihre Motivation aus dem Privaten, statt einfach ihre Arbeit zu tun. Die Unheimlichkeit atmosphärischen Unheils weicht einem handfesten Krimiplot mit frühkindlichen seelischen Verletzungen, die aufgeklärt werden wollen. Diese Verletzungen sind durchaus originell und grauenerregend erfunden, aber zu speziell, um größere Erwartungen nicht zu enttäuschen.

Die emotionale Kraft indes, mit der wir an die Kinder gebunden werden, indem ihr Schicksal unsere Teilnahme, ihre Taten unseren Abscheu erregen, macht „Bastard“ trotz aller Einwände gegen die Gestaltung zu einem sehr beeindruckenden Film.

Bastard. Buch & Regie: Carsten Unger, Kamera: Lars Petersen, Darsteller: Martina Gedeck, Markus Krojer, Hanns Zischler, Thomas Thieme u.a.; 121 Minuten, Farbe. FSK ab 12.