Basteln: Heute mit: Carmen-Maja Antoni

Über Glück wird derzeit viel geredet. In Fernsehen, Presse, Büchern, die dann dank des Themas gleich zum Bestseller mutieren. Jeder scheint es zu suchen, kaum einer zu finden. Es lässt sich nicht festhalten und eine allgemeingültige Formel gibt es nicht. Mein Vorhaben, Glück hier mit gut 4000 Zeichen zu beschreiben, ist also von vornherein zum Scheitern verurteilt. Aber in der einen Stunde, die die Schauspielerin Carmen-Maja Antoni zum Basteln in mein Atelier kam, war ich glücklich. Vielleicht ist es einfach nur wichtig zu wissen, wo man es findet.

Das Theater ist so ein Ort der Glückseligkeit, zumindest für manche und wohl auch nur für gewisse Zeiten. Immerhin steht man da auf Brettern, die die Welt bedeuten, und die Möglichkeit, mittels Katharsis etwas über sich und die Welt zu begreifen, liegt sehr nah.

Die große Brecht-Interpretin Antoni wüsste darüber ganze Arien zu singen. Seit bald 60 Jahren steht sie auf der Bühne, erfolgreich vor und nach der Wende. Darüber hat sie ein feines Buch geschrieben „Im Leben gibt es keine Proben.“ Und tatsächlich ist ihre Geschichte voll mit Erlebtem, dem wundersamen Zusammenspiel aus Leben und Arbeit und dem Leben für die Arbeit. Als Schauspieler ist man auch Diener. Man dient einer Rolle, die einem andere geben. Man füllt sie mit etwas Eigenem und Unverwechselbarem, was die Antoni bestimmt wie kaum eine Andere beherrscht. Und man dient dem Publikum. Sie hat es in all dem Ringen um eine Figur nie aus dem Auge verloren. Dafür wird sie geliebt. Auch ich bin Fan. Seit gut einem Jahr sind wir zum Basteln verabredet.

Nach der Lektüre ihres Buchs scheint mir völlig klar, was sie für die Bastel-Serie gestalten könnte. Ein Bild soll sie malen, das die Rolle ihres Lebens symbolisiert. Das ihr die Möglichkeit gibt, ganz frei, ohne Vorgaben, eine Figur zu schaffen, wie sie es sich vorstellt. Ohne Regie, Rollenfach und Regeln. Weil sie doch oft genug für einen bestimmten Typ herhalten muss, die Mutter Courage eben oder die gewitzte, schrullige TV-Schwestern an der Seite von Horst Krause. Ihr Vater war Kunstmaler. Sie selbst, offenbart sie in ihrem Buch, greift hin und wieder heimlich zum Pinsel. Ich bin von meiner Idee restlos überzeugt.

Dann kommt die Antoni etwas zu spät zu mir in den vierten Stock geschnauft. Sie schimpft, dass ich so was mit einer alten Frau nicht machen dürfe; die Bahn fuhr nicht, und wenn sie gewusst hätte, dass ich keinen Aufzug habe, hätte sie abgesagt. Dass ich etwas Gemaltes wolle, wo sie davon ausgegangen ist, dass wir ein Vogelhäuschen basteln, setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Sie malt nur, wenn es sie überkommt und sie etwas damit zu erzählen hat. Sonst lässt man es lieber.

Mit Fingermalfarben zum Glück

Ich gerate leicht ins Schwitzen. Eilfertig biete ich ihr an, sie könne ruhig auch ein Vogelhäuschen bauen. Schließlich wollte ich ihr Freiheit verschaffen. Keinen Zwang. Das ist doch schlecht für die Kunst. Freiheit! Davon versteht die Antoni was, nachdem sie unlängst ihren festen Vertrag beim Theater gekündigt hat, um endlich freier über ihre Zeit und Projekte zu entscheiden. Nur noch das tun, was sie wirklich will. Genau das war es doch, was ich ihr vorgeschlagen habe! Oder nicht? Ein Vogelhäuschen basteln, pah, ist das künstlerische Freiheit? Was kann man damit erzählen?

Das sind so Gedanken, die mir in den überladenen Kopf schießen, während die Antoni einfach das tut, was sie so großartig beherrscht. Sie folgt ihrem Impuls, trinkt einen Schluck schwarzen Kaffee, setzt sich an den viel zu hohen Tisch. Sie fragt nach Fingerfarben und lässt sich nicht lang erklären, dass man dazu auch Aquarellfarben nehmen könnte. Wie selbstverständlich taucht sie ihren Zeigefinger ins Wasser und tupft kleine ausdrucksstarke Abdrücke aufs Papier. Anschließend versieht sie jeden Fleck mit wenigen Strichen mit einem Gesicht. Nein: mit Mimik. Denn jedes einzelne spielt sie instinktiv mit. Dabei bleibt sie ganz vertieft, amüsiert.

Das ist eine ganz besondere Art von Glück. Dass eine große Schauspielerin zwar nicht sich selbst malt, aber ihr Publikum, in dem sie sich spiegelt. Und überhaupt: dass sie malt, obwohl sie erst gar nicht malen wollte. Ein bisschen wie dialektisches Theater.