Basteln: Heute mit: Manuel Möglich

Der junge Mann mit dem unbestechlichen Namen Manuel Möglich könnte auch einem Szenemagazin entstiegen sein. Einer von den angesagten Leuten mit Bedhair-Look und Dreitagebart. Natürlich blitzen bei ihm die Tattoos kreativ bunt auf den athletischen Armen. Dabei ist Manuel Möglich ein ganz seriöser Fernsehjournalist, zumindest so etwas in der Art.

Mit seiner Dokumentationsfilmreihe „Wild Germany“ hat er sich jetzt zu Recht die vierte Staffel erarbeitet, letztes Jahr gab’s dafür den Deutschen Fernsehpreis. Was ganz locker daherkommt, überrascht mit bisher unbeackerten Themen wie Bugchasing (so nennt man es, wenn Menschen sich absichtlich mit Aids infizieren) und Dogging (hierbei handelt es sich um Sex in der Öffentlichkeit). Es ging auch schon um Illegalität in Deutschland oder um Sicherheitsverwahrung. Das Besondere daran ist, dass der Interviewer Empathie und „Überforderung“ zulässt. Einmal lässt er, weil es ihm vor Entsetzen die Sprache verschlagen hat, einen inhaftierten Triebtäter einfach stehen. Da sagen seine blauen Augen oft mehr als Worte.

Nun. Wir haben ihn also für die Serie angefragt und waren nicht sicher, ob ihm dieses Experiment Abenteuer genug sein würde. Er könne nicht malen, so die Antwort. Aber er wolle es versuchen. Ich solle mir was für ihn ausdenken.
Am Vorabend ruft er an und will wissen, was ihn in etwa erwartet. Ist es zu plump, ihn nach einem Entwurf für ein Tattoo zu fragen? Mein Hintergedanke: Da ich selbst keines habe und auch nicht vorhabe, mir eins stechen zu lassen, könnte er sich für ein Motiv ins Zeug legen und versuchen, mich zu überreden. Prompt hätten wir eine Diskussion.

Werkzeuge: Metallic 3-D-Liner und Papier

Mein Mann blickt mir beim Entwickeln der Idee über die Schulter, sieht das stylische Foto von Möglich und findet die Idee plötzlich nicht mehr so gut. Doch darauf kann ich keine Rücksicht nehmen.

Im Atelier am Folgetag präsentiere ich also die Werkzeuge: Metallic 3-D-Liner und Papier, Aquarellfarben (man merkt, dass ich von Tattoos keine Ahnung habe) und schließlich auch eine Holzschnittplatte mit scharfem Hohleisen. Das wird es sein! Obwohl Manuel Möglich vorgibt, nur einmal in der Schule mit Linoleum ganz ähnlich und wenig erfolgreich hantiert zu haben, ist er sofort bei der Sache.

Aber vorher soll er mir noch seinen Körper zeigen, also seine Körperbilder oder sie zumindest beschreiben. Er betont, dass sie eher klassisch seien und keine große Geschichte dahinter stecke. Stimmt: den Anker meint man schon gesehen zu haben, auch einen Totenkopf (mexikanisch); am Innenarm, gleich in Herznähe ein Bildnis der Mutter in jungen Jahren. Ist das noch klassisch? Und wie fand sie das wohl? Inzwischen super. Ich überlege, wie ich das auf der spurenlosen, beschützenswerten Haut meines Nachwuchses fände und beschließe, diesen ganzen Themenkomplex vorerst auf Eis zu legen. Ich habe ja noch ein paar Jahre, bis meine Kinder flügge und möglicherweise stechlustig werden. Vielleicht ist bis dahin die Mode wieder verschwunden. Wenn nicht, dann aber bitte kein Bildnis von mir. Ein Anker wäre ganz nett.

Endlich weiß Möglich, was er in die inzwischen schwarz grundierte Holzplatte ritzen wird. Ein Messer! Warum denn ausgerechnet ein Messer? Das passe gut auf einen Trizeps, sagt er. Außerdem stelle das für einen talentfreien Künstler keine zu hohen Anforderungen. Auf Papier skizziert er zwei Modelle, wobei das eine mehr nach Butter- und das andere nach Brotmesser aussieht. Ich ermutige ihn und sage, dass so ein Buttermesser auf dem Oberarm irgendwie auch eine eigene Geschichte erzähle. Da lacht er und legt etwas mehr Martialität in die Vorzeichnung auf dem Holz. Jetzt schaue es mehr nach Fleischermesser aus, sagt er, und ich weiß nicht, ob das ästhetisch anstrebenswerter ist. Aber ich kenne das: Jungs brauchen Waffen, das fängt beim Taschenmesser an, das sich jeder Kerl ab fünf wünscht. Anders als bei einer Tätowiernadel stechen sie sich damit immerhin nicht absichtlich.

In dieser Serie bittet Susanne Schirdewahn Kulturschaffende aller Couleur etwas zu basteln oder zu malen und bespricht mit ihnen das Ergebnis.