Basteln: Heute mit: Meike Droste

Das Leben ist ungerecht. Ich meine nicht nur ein bisschen, sondern so generell. Sie zum Beispiel: lesen in Ruhe eine Kolumne, während andere schuften müssen, Holz hacken oder Steuererklärungen prüfen. Oder Sie lesen das hier eben nicht, weil Sie sich − ohne überhaupt zu wissen, was hier drin steht − keine Zeit nehmen! Ungerecht! Oder Sie lesen dies und ärgern sich schon bei den ersten Worten über einen derart ausgestellten Pessimismus, wo es den Kolumnenschreibern doch gut gehen müsste. Schreiben rum und kriegen auch noch Geld dafür. Ja, aber zu wenig! Und das verletzt schon wieder mein Ungerechtigkeitsgefühl.

Oft habe ich behauptet, dass Basteln hilft: bei Kummer, schlechtem Wetter, Ideenlosigkeit. Und was ist, wenn man selbst beim Basteln ideenlos ist? Heute weiß ich nichts. Ich habe mir einen Supergast ins Atelier eingeladen. Eine Frau, mit der ich am liebsten einfach nur Kaffee trinken und Kekse essen möchte. Ein bisschen quatschen vielleicht. Ab und zu verklärt in den Hinterhofhimmel blicken, während die Bauarbeiter gegenüber bei ihrem Tagwerk schwitzen, ihre schlechte Laune zelebrieren, sich in schwarzen Gedanken suhlen. Das wär’s.

Jammertal der Vergeblichkeit

Meike Droste kommt, eine meiner Lieblingsschauspielerinnen, deretwegen ich sogar eine Serie gucke, die ich sonst nie angesehen hätte. „Mord mit Aussicht“, hört sich ja nicht gerade sexy an und spielt auch noch in einem Provinzkaff namens Hengasch. Meike Droste verkörpert die Polizistin Bärbel Schmied mit hingebungsvoller Schlichtheit. Im Team mit Bjarne Mädel und Caroline Peters hat sie es zu einem absoluten Quotengaranten gebracht. Ein gutes Gefühl, wenn mir mal was gefällt, was auch eine gute Quote hatte. Oft ist es ja genau anders herum. Was mir gefällt, verschwindet meist ins Spätabendprogramm und ist dann auch schnell weg vom Fenster. Ungerecht.

Ahnen Sie die Misere, der ich mich kurz vor Ankunft von Meike Droste ausgeliefert sehe? Das düstere, nicht enden wollende Jammertal der Vergeblichkeit, wohinein alle jungfräuliche Kreativität verschwindet, sobald man sie nur ein klitzekleines bisschen hinterfragt. Husch, fort ihr Zweifel.

Ich habe gerade mal keine Idee, na und? Besser mal schnell Kaffee kochen. Aufräumen. Saubermachen. Dann klingelt Meike Droste auch schon. Vor Jahren habe ich sie als heilige Johanna der Schlachthöfe bewundert. Ähnlich eingewickelt in verschiedene Schals steht sie vor mir, ähnlich kraftvoll ihre Umarmung. Was also haben wir denn nun vor? Als ich ihr vorschlage, Kaffee zu trinken, muss sie lachen. Ihr Mann ist Künstler, auch ihr Bruder, sie kennt das. Diese große Suche nach dem richtigen Motiv, das sich um so mehr verkriecht, je intensiver man ihm auflauert. Schon wieder: ungerecht.

Ernst vor dem leeren Blatt

Schlagartig fällt es mir ein, natürlich! Meike Droste muss etwas zum Thema Gerechtigkeit schaffen. Die einstige Johanna wendet sofort ein, dass das nach Waldorfschule klingt. Was sie aber gar nicht negativ, zumal ihr Sohn dort eingeschult wurde. Insofern widmet sie sich mit großer Ernsthaftigkeit dem leeren Blatt vor sich. Ob sie eine Justitia malen wird? Was würde ich denn malen? Ist die Aufgabenstellung zu abstrakt? Oder auch zu platt?

Kaffee will Droste auch nicht. Lieber ein Glas Wasser. Wir reden viel über den Schauspielerinnenberuf. Dass man bei diesem Thema rasch auf all die Ungerechtigkeiten zu sprechen kommt, für welche Rolle man besetzt wird und für welche nicht. Weil man zu dick ist oder zu alt. Derweil verstreicht die Zeit und ich frage mich, ob nicht dieses unberührte Papier zumindest rein konzeptionell genau das Thema widerspiegeln könnte, als Droste einen kleinen Fleck darauf entdeckt.

„Das ist ungerecht!“, schreit sie auf und beschließt, einfach ein Himmel-und-Hölle-Spiel zu bauen. Diese Schnipp-Schnapp-Bastelei sei die perfekte Umsetzung des Themas, schimpft sie fröhlich, während sie eine Flammenhölle auf die falsche Seite des Papiers malt. Überhaupt: wie geht die Falterei noch mal? Ist das Papier nicht zu dick? Und warum verschwimmt das Wortspiel mitsamt dem Filzer unter dem Aquarell? Lauter Ungerechtigkeiten, aber das Ergebnis ist schön.

Bildstrecken zur Bastelserie unter: www.berliner-zeitung.de/basteln