Basteln mit Paula Lambert: Ein Liebesobjekt aus Pizzakarton

Also ich rede wahnsinnig gern über Sex. Sex und Kunst haben für mich viel gemeinsam. Man sollte die inneren Zensoren abschalten, damit es gut wird, ein bisschen was von der Sache verstehen und ein geeignetes Gegenüber haben. Stundenlang könnte ich mir darüber Gedanken machen, zumal ich gerade in einer Midlife-Crisis stecke und einen pubertierenden Sohn habe, der darüber nun gar nicht reden will.

Und schon haben wir den Schlamassel. Wir leben in einer übersexualisierten Zeit, die alles über Eros und Co zu zeigen scheint. Aber wie unterstützt man am besten sein eigenes Kind, das nicht gern darüber spricht, besonders nicht mit seiner Mutter? Und das neulich mit bitterer Miene eine Banane und ein Kondom verlangte, um sie − wie vom Lehrer aufgegeben − in den Sexualkundeunterricht mitzunehmen?

Was ist guter Sex?

Ich schreibe die Journalistin/Kolumnistin für „die schönste Nebensache der Welt“, Paula Lambert, an; die soll helfen. Gerade plant sie mit „Jugend gegen Aids“ eine Aufklärungskampagne, die heikle Themen vielleicht mal mit etwas mehr sinnlichem Humor zu packen weiß. Meine erste Begegnung mit Paula lief über ihr Buch „Keine Angst, ich will nur Sex“, das ich meiner besten Freundin schenkte. Es sollte eine zwanglose Aufmunterung sein. Meine Freundin aber verließ ihren Partner. Der wiederum gab wohl mir die Schuld daran. Trotzdem. Vielleicht hatte Paula etwas angestoßen, was meine Freundin zu einem erfüllteren Menschen werden ließ. Mit dem Glück kenne ich mich seit dem „Basteln“ auch ein wenig aus. Basteln macht glücklich. Und Sex ja auch. Aber was ist denn guter Sex?

Eine Welt voller Qualitätsurteile. Was ist ein tolles Buch? Ein gelungenes Bild? Was macht ein Essen besonders? Warum ist ein Staubsauger besser als der andere? Klar kann man dafür Bewertungspunkte vergeben. Aber welche Kriterien soll man anwenden, wenn es um Gefühle geht?

Oder um einen Bereich, über den schon alles gesagt zu sein scheint. Wo es aber immer noch nicht normal ist, dass sich Menschen gleichen Geschlechts lieben und das auch amtlich machen wollen? Kann doch eigentlich nicht so schwierig sein?!

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Paula Lambert kommt eine Stunde zu spät, dafür geduscht und bester Laune in mein Atelier. Sie hatte angedeutet, dass sie zum Basteln quasi „keine Hände“ und durch ihre eingeschränkte Sehfähigkeit wohl auch sonst nicht für die Kunst geeignet sei. Dennoch ruft sie gleich voller Enthusiasmus, dass sie gern ein blaues Pferd malen wolle. Einen Augenblick lang überlege ich, ob es nicht doch gewitztere Themen gibt, als Paula schon den gigantischen Pizzakarton entdeckt (Pizza macht Jungs immer froh) und zwei Zeitschriften. Daraus könne man doch ein hervorragendes Schaubild kleben. Eins, das alles sage, ohne zu viel erklären zu müssen. Und das schnell gemacht sei, da Paula selbst Kinder hat und mit ihnen heute noch auf ein Sommerfest muss.

Während Paula eine Discokugel ausschneidet, liest sie sich schon mal in einem Artikel über Ryan Gosling fest, kommt ins Plaudern über Spitzenmänner und die Vorteile von Olivenöl bei Scheidentrockenheit. Wir reden viel, über ihre TV-Sendungen, fiese Kommentare über zu viel Hüftspeck und die Schwierigkeit, einen Film über wahre Selbstliebe finanziert zu bekommen (darüber schreibt sie ihr nächstes Buch). Dann pappt sie eine Riesentoastbrotscheibe in die Bildmitte und erzählt von der Beschwerde einer Leserin ihres vorletzten Ratgebers („Keine Angst. Der will nur spielen.“). Dass die danach partout keinen Mann gefunden habe und daher das Buch nichts tauge.

Essen macht glücklich

Kurzum, Paula ist schlau und unterhaltsam, vor allem wie sie in jedem vierten Satz über ihr Bastelwerk klagt. Mit dem ist sie erst einverstanden, als sie dicke rote Farbe verteilt und „mit Liebe!“ drauf- schreiben darf. Mit dem Hinweis, dass Jonathan Meese seine Bilder auch nicht interpretiere, entschwindet sie in den sonnigen Nachmittag.

Meine Jungs zu Hause beachten das fröhliche Diagramm kaum. Erst als die Rückseite vom Pizzakarton wieder zum Vorschein tritt, werden sie gesprächig. Mama, was gibt es heute zum Abendessen? Ja, auch Essen macht glücklich.

Weitere Bastel-Sessions mit prominenten Kulturschaffenden unter www.berliner-zeitung.de/basteln