Basteln mit Promis: Christian Schwochow formt das Theater der Welt

Der Anruf seiner Agentin ereilte mich auf dem Weg von einer Beerdigung. Ein Filmmoment. Friedhof, Tränen, das große Gefühl von Unwirklichkeit und dann das ganz reale Handybimmeln, eine fröhliche Stimme am anderen Ende, die mir einen Basteltermin mit dem Filmregisseur Christian Schwochow vorschlug. Natürlich konnte die Agentin nicht wissen, wo sie mich gerade erreichte, und ich hätte auch nicht ans Telefon gehen müssen. Aber vielleicht war es auch ein Wink von Oben: Das Leben geht weiter?!

Ich hatte ihn schon vor einer Weile angefragt, nachdem ich seinen Film „Bornholmer Straße“ gesehen und dann auch noch gelesen hatte, dass er die Geschichte von „meiner“ Paula Modersohn Becker verfilmt. Doch da dieser Film erst im Herbst herauskommen würde − und man ja nie weiß, was noch alles geschieht − haben wir uns auf sein aktuelles Werk verständigt. Den TV-Zweiteiler „Die Pfeiler der Macht“ nach dem Roman von Ken Follett. Dazu würde er gern etwas erzählen und auch basteln. Ehrlich.

Ich hatte Mühe beim Durchlesen des Wälzers. Nicht wegen des Stoffes, sondern wegen mir, siehe oben. Nun war der Termin aber fixiert, und ich freute mich auf die Ablenkung vom aktuellen Leben. Ich machte es mir mit dem Laptop und einer Schachtel Pralinen gemütlich, um vorab den Film um die viktorianische Saga vom Aufstieg und Fall einer großen Finanzdynastie zu begutachten. Wozu mir dann beim Basteln bestimmt ein paar spritzige Sätze und Fragen einfallen würden. Quasi ein Selbstläufer, dachte ich, weil das Thema mit dem Geld, das haute mich emotional gerade nicht um. So waren meine Gefühle vor der Sichtung. Aber... Ich mache es kurz: diese drei Stunden über habe ich immer wieder geheult. Und gelacht. Wieder geheult. Und am Ende war die Pralinenschachtel leer.

"Theater der Welt" basteln

Die weibliche Hauptfigur Maisie ist nämlich eine waschechte tragische Heldin, ein bisschen Madame Bovary, ein wenig Anna Karenina. Und spätestens, als ihr erstes Kind stirbt und der Geliebte ab nach Amerika geht, war ich mit meinen Nerven durch. Zusätzlich war ich von der temporeichen Regiearbeit echt beeindruckt. Die denkbar schlechtesten Voraussetzungen also, um professionell und sachlich kühl bei der Sache zu bleiben.

Beim Basteltermin stand ich mit der leergefutterten Schachtel und einem Haufen gelesener Magazine vor Christian Schwochow und fragte mich, ob die Idee, ihn daraus ein „Theater der Welt“ basteln zu lassen, wirklich gut wäre. Weil mir diese Schachtel für all die Eindrücke und Emotionen, die ich gerade selbst zu verwalten und die ich durch die Filme hinzugewonnen hatte, plötzlich viel zu klein schien. Als wäre die Schachtel zu einer Art Büchse der Pandora geworden. Zugegebenermaßen kein einfacher Stoff für eine Bastelsession. Ich wusste nur eins: Ich will ein Happy End! Herr Schwochow, der von seinen Schauspielern immer als perfekt vorbereitet beschrieben wird, würde dem Gefühlswust bestimmt die nötige Ordnung und vor allem Leichtigkeit geben.

Und tatsächlich brachte Christian Plätzchen mit. Er ließ sich im Sessel nieder und begann damit, die bilderreichen Seiten durchzublättern, passende Fotos und Zitate herauszureißen, hie und da etwas zu seinen zahlreichen Filmprojekten zu erzählen, auch von „Paula“ und von „Zschäpe“, dem Film, der im Frühjahr herauskommen wird und der ihn auch nach dem Dreh emotional beschäftigt habe. Und weinen, ja, das würde er auch sehr oft in Filmen. Während er feststellte, dass es echt schön sei, so zu sitzen, Bilder auszuschneiden, laut nachzudenken und über dies und das zu reden, fertigte er mit großem Geschick dieses pralle Lebenstheatermodell. Vorne eine frei bewegliche Zündschachtelcouch, die man je nach Laune versetzen und zur Not auch anzünden könnte. Oder vielleicht war es symbolisch nur der zündende Funke, der mir in meiner Trauer gefehlt hatte? Im Hintergrund natürlich ein Sarg. Weil, das sagte er noch zum Schluss, das Sterben zum Leben und auch zur Filmkunst dazu gehören würde.

Bilder von dieser und weiteren Bastel-Sessions mit prominenten Kulturschaffenden unter www.berliner-zeitung.de/basteln

Die Pfeiler der Macht: Teil 1: 25.Jan., Teil 2: 27. Jan., jeweils 20.15Uhr im ZDF.