Das Bauhaus war sicher die einflussreichste Kunstschule des 20. Jahrhunderts. Aber wie hat diese Schule eigentlich gewirkt? Indem sie selbst zum Modell wurde, als Lebensgemeinschaft von Lehrern und Lernenden, als Anspruch auf ein „Gesamtkunstwerk“ vom Holzbaukasten bis zum ausgeführten Teppich- und Stoffentwurf oder auch der den Raum umfassenden Tanzbewegung. Wie breit dieser Anspruch war, zeigt jedes Museum zur modernen Kunst. Wie er aber aktualisiert werden kann, dass erlebt man im neusten Film zum Bauhaus, mit Interviews, einigen historischen Einsprengseln und dem mutigen Ausgriff bis in die aktuellsten Wohnprobleme der europäischen Einwanderungsgesellschaften und südamerikanischen Slums.

Es ist ein faszinierender Film, langsam, sehr ruhig. Designer und Architekten und Tänzer sprechen, Künstlerinnen zeigen, wie sie hier lernten, dass ihre Kunst mehr sein muss als das fertige Werk, dass es um das Lernen geht, um den Prozess. Wenn der Architekt Van Bo le Menzel Minimalwohnungen mit kaum sechs Quadratmetern entwickelt, die bequem auf einen Trailer passen, oder Bauhaus-Möbel zum Selbstbauen, dann geht es auch um eine Idee sozialen Zusammenlebens. Wenn in einer Stockholmer Schule, sehr bauhausweiß in einem alten Industriegebäude untergebracht, die Kinder zeitbefreit lernen, ohne straffe Klassenordnung, aber mit einer tiefrot-leisen Rückzugshöhle, so ist das vielleicht wirklich mehr als nur eine gute Vorbereitung auf die Zukunft. Oder wir lernen, dass eine einzige Rolltreppe in einem Slum dessen gesamte soziale Struktur ändern kann.

Die Aktualisierung des Bauhauses

Alles in allem ist der Film entlang der Geschichte des Bauhauses organisiert, mit den künstlerischen Experimenten in der Zeit von Walter Gropius zwischen 1919 und 1928, der sozialistischen Umorientierung unter Hannes Meyer bis 1930 sowie Ludwig Mies van der Rohes Betonung der reinen Kunst. Und man könnte die Aufzählung fortsetzen: die Übernahme der Schulgebäude in Dessau durch eine Handwerksschule, die Flucht der Lehrer und Schüler, der Export der Utopie in die USA, nach den Black Mountains in North Carolina, den Kollaps der industrialisierten Moderne in den Wohnsiedlungen der 1960-er und 1970er-Jahre.

Manches an dem Film führt zwar die alten Selbststilisierungen weiter, das Bauhaus war keineswegs die erste Kunstschule, in der Learning by Doing galt, die Meisterhäuser in Dessau waren Elitewohnungen, kein Modell gegen die Wohnungsnot. Und man könnte durchaus erwähnen, dass der Bauhäusler Ernst Neufert seinen größten Erfolg, die Publikation der bis heute unsere Umwelt bis hin zu den Abmessungen von Klopapierabrollern prägenden „Bauentwurfslehre“, in der Nazi-Zeit feiern konnte. Doch das sind Historiker-Petitessen angesichts eines Films, der die Aktualisierung des Bauhauses versucht.

Ein neues Bauhaus muss Selbstengagement fördern

Dazu beginnt er erstaunlicherweise mit Frankreich, mit dem Blick über Marseille, aus dem sich die grandiose, erschreckende, faszinierende Wohnmaschine Le Corbusiers erhebt. Der konnte mit dem Bauhaus eigentlich eher wenig anfangen, dessen oft doktrinäre Ideale vom Lernen als Leben waren seinem nicht weniger doktrinären Künstlerideal zuwider. Aber beide glaubten an die Mathematik, an die Maschine, an die Kraft der Planung, die Minimalisierung der Lebensumgebung.

Dass die Menschen auch mal ohne andauernde Lebensreform leben wollen, das haben sie allerdings oft nicht verstanden. Genausowenig, dass Selbstmachen nicht nur etwas für Künstler ist. Ein neues Bauhaus, damit endet der Film, muss aber genau das fördern: Das Selbstengagement, sei es, um Slums zu verbessern, sei es, um schönere Möbel in die Wohnung zu bekommen. Und dazu kann man doch wieder vom Bauhaus lernen, von seiner ununterbrochenen Grenzüberschreitung, der Interdisziplinarität, der andauernden, auch anstrengenden Kommunikation, dem Spaß am Lernen.