Wer mit der S-Bahn die Museumsinsel passiert, hat sich in den vergangenen Jahren vielleicht häufiger mal gefragt, was hinter den Gerüstbauten am Nordflügel des Pergamonmuseums eigentlich geschieht. Zumal diese ersichtlich immer dichter wurden, immer neue Stützkonstruktionen und gewaltige Außenkonstruktionen entstanden hin zur Stadtbahntrasse und zum monumentalen Ehrenhof des Pergamonmuseums.

Zudem wurde ein riesiges Außendach errichtet. 2014 wurde der Saal mit den Skulpturen des Pergamonaltars im Ostflügel geschlossen, das Mysterium ist noch größer geworden. Seitdem sind nur noch der Südflügel mit den vorderasiatischen Altertümern, dem Museum für Islamische Kunst und dem Saal mit dem römisch-antiken Markttor aus Milet zugänglich.

Am Freitag wird nun endlich Richtfest für den ersten Bauabschnitt des Riesenprojekts gefeiert, nachdem die Gründungsarbeiten für den neuen Eingangspavillon, die Sanierung der Fundamente und einige Sicherungsmaßnahmen abgeschlossen sind und das Raumgerüst im Hellenistischen Saal abgebaut werden konnte. Ein letztlich eher fiktives Datum, das vor allem dazu dient, nach den vielen, vielen Bauverzögerungen der Öffentlichkeit zu zeigen: Es geschieht etwas.

Auftrag an die „Werkgemeinschaft Pergamonmuseum“

Schließlich fand der Wettbewerb schon 1999 statt, den Oswald Mathias Ungers mit einem gewohnt radikal geometrisierenden Projekt gewann, 2007 wurde der Auftrag an die „Werkgemeinschaft Pergamonmuseum“ unter der Federführung des Büros von Jan Kleihues und des 2012 verstorbenen Architekten Andreas Noebel vergeben, 2011 gab es noch einmal heftige Debatten mit der Denkmalpflege. Es folgten fortwährende bautechnische Probleme.

Inzwischen erinnert sich kaum noch jemand an die ganz ursprünglich einmal für 2010 versprochene Eröffnung, auch 2018 ist schon vergangen. Derzeitige Marge: Mitte 2023. Oder auch Frühjahr 2025. Die vielen Probleme, die sich in dem über Jahrzehnte vernachlässigten Bau angestaut haben, die aber auch durch die Ausführung von Ungers oft tief in den Baubestand eingreifenden Plänen entstehen, haben die Verwaltungen vorsichtig werden lassen.

Am Dienstagnachmittag fand bereits ein Presserundgang durch den Nord- und den Ostflügel statt. Er zeigte, was für eine faszinierende, aber in ihrer Radikalität des Zugriffs auf das bestehende Gebäudes auch erschreckende Baustelle hier zu erleben ist; Am Wochenende bieten die Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung – es betreut die Bauarbeiten – Führungen an, für die man sich allerdings vorher anmelden muss.

Pergamon-Baustelle in Berlin: Einstemmen neuer Aufzüge in die dicken alten Wände

Von der Beseitigung eines zwar aus den Akten bekannten, aber trotzdem bei den Planern vergessenen Gebäuderests über riesige Tiefbauarbeiten in Beton und die Anlage einer monumental-repräsentativen neuen Zugangsanlage mit breiten Treppen, dem Einstemmen neuer Aufzüge in die dicken alten Wände bis zu vorsichtigster Denkmalpflege ist hier so ziemlich jede Herausforderung zu erleben, die auf Baustellen denkbar sind.

Kaum eine Putzoberfläche ist noch intakt, ganze Wände und sogar historische Treppenhäuser verschwanden, riesige Stützkonstruktionen entstanden auch im Inneren, die im Nordflügel jene historischen Decken vor dem Absturz bewahren, denen Ungers Plan eines großen Saals im Hauptgeschoss die Hauptstützwand nahm.

Im Altarsaal stehen noch die gewaltigen Schutzgerüste, mit denen die antiken Skulpturen vor Schaden bewahrt werden; hochkomplizierte Messinstrumente registrieren selbst Erschütterungen und schon gar Veränderungen im Millimeterbereich sofort. Im Hellenistischen Saal sind inzwischen einige der Säulen und Architekturaufbauten wieder befreit von ihren Umbauten, hier ist vor allem die Lichtdecke wieder zu sehen.

Lichtdecke im Pergamonmuseum: Denkmal allerersten Ranges

Ihre riesige Konstruktion ist die einzige, die von allen Oberlichtdächern des Pergamonmuseums den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschadet überstanden hatte. Ein technisches Denkmal allerersten Ranges. Statt nun zu akzeptieren, dass man 1930 noch nicht mit heutigen Isolierschutzwerten arbeitet – keine Kathedrale wird mit ihnen traktiert! – entschieden die Bauverwaltungen, dass auch in diesem Saal doppelte Gläser mit entsprechendem Gewicht eingezogen werden mussten.

Die historische Baukonstruktion wurde in Absprache mit der Denkmalpflege deswegen regelrecht verdoppelt, was zur Folge haben wird, dass auch in diesem Tageslichtsaal – die Architekten Messel und Hoffmann hatten ihn eher als überdeckten Hof konzipiert – künftig Kunstlicht beigesteuert werden muss.

Immerhin, hier wird ein historisches Raumkunstwerk der Zukunft wieder gegeben. Ganz anders im Nordflügel, dem einstigen Deutschen Museum: Hier entstand eine gewaltige Pfeilerreihe, die statt der zum Abriss vorgesehenen einstigen Haupttragwand den künftigen Mschatta-Saal abstützen soll. Er wird keinerlei Naturlicht erhalten, nur von einer Kunstlichtdecke erhellt werden.

Rabitzeinbau aus der Zeit des Ersten Weltkriegs

Noch sind Reste der einstigen Architektur des Deutschen Museums zu sehen, aber bald werden auch diese verschwunden sein. Im Erdgeschoss allerdings soll ein Rabitzeinbau aus der Zeit des Ersten Weltkriegs als „historische Spur“ erhalten bleiben; er zeigt sogar in seinem beschädigten Zustand noch, was hier zerstört wurde.

Ein weiterer massiver Eingriff in den Nordflügel ist das riesige neue Treppenhaus. Ein bemerkenswert grob betonierter Raum; man kann nur hoffen, das das Versprechen des Architekten Jan Kleihues, die noch aufzubringenden Verkleidungen und Details werden diesen eher klaustrophobischen Raum künftig eleganter erscheinen lassen, sich erfüllt. Seine Erfahrungen mit Monumentalität, Achsenfetischismus und Riesenformen aus dem von ihm entworfenen Bau der gewaltigen BND-Zentrale an der Chausseestraße dürften hier zum Tragen kommen.

Das Pergamonmuseum soll nicht nur zum ersten Mal seit seiner Eröffnung 1930 und der Beseitigung der schweren Kriegsschäden bis 1955 grundlegend saniert werden. Es wird auch an die Bedürfnisse des modernen Massentourismus angepasst. Umgerechnet auf den Kubikmeter- oder den Ausstellungsflächenquadratmeter wird es wohl der teuerste Museumsbau der deutschen Museumsgeschichte werden. Derzeit sind die Baukosten nur für den Nord- und den Ostflügel auf 477 Millionen Euro kalkuliert, inklusive Teuerungszuschlag, wird versichert. Intern werden die Kosten längst auf eine  halbe Milliarde Euro geschätzt. 

Neubau des „Vierten Flügels“

Addiert werden zudem die bisher noch gar nicht kalkulierten Kosten für die Sanierung des Südflügels und den Neubau des „Vierten Flügels“ nach den Plänen von Ungers und Kleihues. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat gerade erst den Planungsauftrag vergeben. Auch sind die Untersuchungen des Südflügels noch nicht fertiggestellt. Gleichwohl wird versichert, dass die Kosten nicht so hoch werden wie jene für den Nord- und Ostflügel; man habe nun Erfahrungen gesammelt, auch werde das Projekt noch überarbeitet, so dass voraussichtlich die Eingriffe in den Bestand geringer sein könnten.

Doch sei erinnert: Es war der Südflügel, der gleich zu Beginn der Errichtung des Pergamonmuseums seit 1908 am meisten Probleme bereitete, steht er doch direkt über jenem berüchtigten Kolk – einer eiszeitlichen Schlamm- und Moddergrube, die bis zu 60 Meter tief reicht und schon den Bau des Neuen Museums seit 1840 und vor einigen Jahren den des neuen Eingangsgebäudes zur Museumsinsel behinderte.

Als 1913 endlich eine Betonbrücke über diesen Kolk geschlagen wurde, war damit bereits fast der gesamte geplante Etat von 6 Millionen Goldmark für den Bau des Pergamonmuseums verbraucht: Zeitverzögerungen und Kostensteigerungen haben an dieser Stelle eine lange Tradition. Eine Milliarde Euro, darüber wird schon lange in den Verwaltungen gesprochen, sind keineswegs ausgeschlossen. Damit würden die schlimmsten Befürchtungen der Kritiker des Projekts, die es seit dem Wettbewerb von 1999 immer gab, weit übertroffen. Doch sei auch angemerkt: Keiner kann angesichts der bisherigen Erfahrungen seriös auf eine derzeit (!) wenigstens bis 2034 ausgesteckte Gesamtbauzeit voraussehen.

Ein bis in die letzte Fundamentfuge ein Neubau

Sicher aber kann konstatiert werden: Selbst das Humboldt-Forum ist mit seinen nach aktuellen Schätzungen etwa 620 Millionen Euro vergleichsweise preiswert. Jedoch ist dies, das wird in den Debatten um das angebliche „Schloss“ immer wieder verdrängt, ein Neubau bis in die letzte Fundamentfuge, für den alle störenden Altbauteile – die Keller des Kaiserlichen Schlosses vor allem – abgerissen werden durften. 

Im Pergamonmuseum dagegen waren einige Maßnahmen, die durchaus angedacht wurden – etwa die vollkommene Auskernung des Nordflügels – von vorneherein Tabu; nicht, weil man übertriebene Rücksicht auf die Denkmalpflege nehmen musste – diese hat eigentlich jede Schlacht, in der es um wirklich die neuen Pläne der Museen störende Altbaubestände ging, verloren, vor allem im Nordflügel. Doch steht das Pergamonmuseum seit 1999 mit den anderen Bauten auf der Liste des Welterbes. Dieser Bau ist eben auch ein Teil der Außenpolitik der Bundesrepublik.