Die Party findet also aushäusig statt. Und darum müssen Leverkusen und die 162.000 Bürger der kleinen Großstadt in Nordrhein-Westfalen jetzt sehr, sehr großzügig denken, geradezu gönnerhaft, wenn soeben die Weltpremiere der unschätzbaren Kunstkollektion des Pharmariesen Bayer nicht dem heimischen Gefilde, sondern der ambitionierten, aber dauerklammen Hauptstadt gegeben wird.

Zur Eröffnung verlieh Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) im Martin-Gropius-Bau, dem Ausstellungshaus der Berliner Festspiele, der bislang nie öffentlich gezeigten Konzern-Sammlung die kulturpolitischen Weihen. „Ohne Sammler und Mäzene auch in den Reihen der Unternehmen wäre die Kultur in unserem Land ein deutliches Stück ärmer“, lobte Neumann überschwänglich das Kunstengagement von Bayer.

Zum 150. Firmenjubiläum des Unternehmens zeugt das fulminante Bilder- und Skulpturen-Aufgebot „Von Beckmann bis Warhol“ anhand 240 zentraler Bildwerke der deutschen und internationalen Vor- und Nachkriegsmoderne tatsächlich von einem außergewöhnlichen Mäzenatentum. Seit 1912 sammelt das Unternehmen Kunst – nicht als Wertanlage, sondern ausschließlich aus Volksbildungsgründen für die Mitarbeiter. Der Umgang mit moderner Kunst sollte auf derartige Weise zur alltäglichen Selbstverständlichkeit werden. Ein Firmenkulturethos, das Carl Duisberg, bis 1925 Bayer-Generaldirektor, hochhielt und das ungebrochen besteht.

Brücke, Informel, Pop-Art

Duisberg war es auch, der weiland ein geradezu atemberaubendes Zeichnungs/Grafik-Konvolut der Brücke-Expressionisten anschaffte, darunter eine Serie von Blättern Ernst Ludwig Kirchners, die so öffentlich noch nie jemand sah. Gleiches gilt für Motive von Emil Nolde, Max Beckmann, Christian Rohlfs und Karl Schmidt-Rottluff, von Braque, Chagall und Feininger.

Duisbergs Nachfolgern ist ein ebenso gutes Auge zu bescheinigen: Auch wenn die Werkliste sich nicht als systematische Reihung liest, ergibt sich, Wand für Wand, ein nachhaltiger Auftritt innovativer Bildideen der Klassischen und Nachkriegsmoderne, vom Abstrakten Expressionismus zu Informel über Pop-Art bis zur Fotografie und Malerei heute. Ein Who’s Who der westlichen Nachkriegskunst, fast kein Name fehlt. Es sind Werke, die, wie die Kunstreferentin des Konzerns und Kuratorin Andrea Peters versichert, „vor allem gefielen und gar nicht soviel kosteten, heute aber unbezahlbar und auf dem überhitzten Markt gar nicht mehr zu haben wären.“

Alles, was nun in zehn Sälen des Berliner Ausstellungshauses hängt oder steht, zierte bislang die Büros großer und kleiner Angestellter, Foyers und Konferenzräume. Die Kernsammlung zählt 2000 Meisterwerke, dazu kommen 3000 Arbeiten der Gegenwartskunst in einer Artothek für Konzernangehörige, die sogar Leverkusener Bürger nutzen können.

„Bisher war die Sammlung eine Schönheit im Verborgenen. Nun tritt sie ins Rampenlicht“, sagte Bayer-Vorstandschef Marijn Dekkers und kann dabei seinen Stolz nicht verbergen. Er steuerte übrigens, was seine Kollegen gern verraten, aus dem eigenen Büro eine Bronze-Statue von Gerhard Marcks und ein abstraktes, dunkelfarbiges Acryl-Gemälde des New Yorkers David Shapiro bei.

Bei welchem Spitzenmanager Günther Förgs so noch nie öffentlich gezeigte 34-teilige Farbserie „o.T.“ von 1987 hing oder die voluminöse biomorphe Bronze des Engländers Henry Moore gestanden hat, wird unwichtig, sobald man davor steht: Mitten im vierten Saal des Gropius-Baus lädt Moores Meisterwerk „Three Part Object“, 1960, die Atmosphäre und Spannung im Dialog mit abstrakten Gemälden des leidenschaftlichen deutschen Informel-Malers Bernard Schultze und des spanischen Mystikers unter den Abstrakten, Antonio Tàpies, energetisch auf.

Und nur ein paar Schritte weiter knisterte es förmlich zwischen den Form-Farb-Gebilden des Kaliforniers Sam Francis, den archaischen Zeichen des Basken Eduardo Chillida und den lavagleichen, furiosen, von schwarzen Linien durchzogenen Farbströmen der Maler aus der expressionistisch-informellen internationalen COBRA-Gruppe der Fünfzigerjahre: Alechinsky, Appel, Corneille.

Kunst fürs Firmenklima

Aber vielleicht waren all jene Büroangestellten noch viel mehr zu beneiden, die über Jahre Max Beckmanns melancholisch-magisches „Orchideenstillleben mit grüner Schale“ von 1943 über dem Schreibtisch hängen hatten. Oder Picassos sinnliche, helldunkle Frauenkopf-Lithografien von 1947, Mirós tiefblau-buntes „Nocturne“ von 1958 oder Martin Kippenbergers ironisches Bild „4. Preis“ von 1987.

Womöglich inspirierten Ernst Wilhelm Nays farbsprühende Scheibenbilder um 1955 den einen oder anderen Wissenschaftler zu genialen Erfindungen zum Wohle der Menschheit und sorgten Gerhard Richters gelbe, blaue, rote, grüne und violette Farbakzente in seinem „Abstrakten Bild (555)“ von 1984, bei dem unübersehbar Pinsel, Spachtel und Rakel zum Einsatz kamen, für ein schöpferisches, harmonisches Firmenklima, von dem Millionen Arbeitnehmer allein in Deutschland heute nur träumen können.