Berlin - Über Zufall und Notwendigkeit wäre an dieser Stelle endlich einmal viel zu sagen. Also: Für gewöhnlich bezeichnen wir ein Ereignis als zufällig, wenn wir für sein Zustandekommen keine kausale Erklärung liefern können, während von Notwendigkeit immer dann die Rede ist, wenn ein Ereignis geradezu zwingend hat passieren müssen. Etwas zu kompliziert? Ganz einfach: Gäbe es die Konsumgüterindustrie nicht, wäre der Weihnachtsmann ein schlichter Zufall; da es aber die Konsumgüterindustrie gibt, ist er schiere Notwendigkeit.

Womit wir auch schon beim Thema wären, nämlich bei Bazon Brock. Der emeritierte Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Bergischen Universität Wuppertal, der sich seit jeher als Künstler und vor allem – einmal tief Luft geholt – unbesiegbarer Dampfplauderer in Angelegenheiten der sozial performativen Überbietungs-, Verschwörungs- sowie – Achtung, jetzt kommt’s! – Außerordentlichkeitstheorie…

Also, Bazon Brock hat jetzt in Berlin ein „Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen und Maßnahmen der hohen Hand“ gegründet. Großartig! Das ist in etwa so schön, als wäre uns der Weihnachtsmann ohne Konsumgüterindustrie, aber im Zeichen der Notwendigkeit erschienen.

Einsicht in das eigene Unvermögen

Um Missverständnisse auszuräumen, die Rede von der Notwendigkeit soll jetzt nicht unbedingt religiös verstanden werden. Vielmehr möchte uns die „hohe Hand“ von oben herab im Sinne der aristokratischen Großzügigkeit beschenken: Ich schenke, weil ich mehr als genug habe.

Wovon mehr als genug? Mehr als genug Gedanken. Brock und seinen Mannen, Peter Sloterdijk, Peter Weibel, Arno Bammé und andere, nennen den Laden am Oranienplatz deswegen „Denkerei“ – so wie Bäckerei oder Schneiderei. Gedacht wird, so Brock, in Begriffen der Karfreitagsphilosophie, was zwar auf den Tod Gottes hinauslaufe, allerdings nicht ohne Gottes Auferstehung zu haben sei.

Ein klarer Fall: Gott ist Notwendigkeit und zugleich Unmöglichkeit, mithin also das, was wir eine Kontingenzformel nennen. Oder, ganz einfach: Gott ist eine etwas unscharf geratene Idee. Brock leitet aus dieser Unschärfe sein ganzes Programm ab. Denn es geht ihm um die Einsicht in das eigene Unvermögen bei der Bewältigung von Problemen: „Probleme kann man hier auf Erden nur lösen, indem man neue schafft.

Das weiß inzwischen jeder, seit 1991 muss nämlich jeder Patient wissen: Für Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt und Apotheker.“ Vollkommen richtig gedacht: Ohne ein Problem hätte man ein Problem nicht, was man mit einem Problem sonst hätte.

Folglich geht es in der Berliner „Denkerei“ ums ganz Lebenspraktische: Brock et al. möchten in Kooperation mit der Leuphana Universität Lüneburg den „Profibürger“ ausbilden. Dabei macht Bazon Brock schon einmal den Anfang und beschenkt uns reichlich mit Einsichten. Er ist der einzig wahre Profi-Weihnachtsmann.