Bea Kristi nennt sich „Beabadoobee“, ihr neues Album heißt „Fake It Flowers“.
Foto: Dirty Hit Records

Als die bayrische Rockband The Notwist 1990 ihr erstes gleichnamiges Album veröffentlichte, war Bea Kristi noch gar nicht auf der Welt – und dennoch ist die experimentierfreudige Truppe eine von Kristis Lieblingsbands. Die 20-jährige britische Musikerin mag den sich stets wandelbaren Klang, die leidtragenden Texte ...

Während sie uns freudestrahlend in einem Videointerview davon erzählt, rutscht sie auf dem Stuhl hin und her. Sonst ist Kristi ruhig. Die dunklen, geschminkten Augen rühren sich kaum, und ihre Hände nutzt sie nur, um sich ein wenig Lipgloss auf die Lippen zu schmieren. Cool will sie wirken, doch ihre junge, aufgeweckte Art kann sie nicht ganz verstecken. Das merkt man bei ihren Lieblingsthemen im Interview, bei ihren bereits erschienen EPs und dem nun veröffentlichten Debütalbum „Fake It Flowers“.

In zwölf neuen Liedern schrammelt sie an der Gitarre, singt voller Inbrunst von Romantik und Schmerz und beschwört einen Sound herauf, von dem man glaubte, dass er längst verloren gegangen sei: trotziger Grunge von Nirvana, wilder Alternative Rock von The Smashing Pumpkins und die Liebe zu experimentierfreudigem Indie-Rock von The Notwist. Kristi hat gut zugehört, erzählt sie, ihre Eltern spielten zu Hause nur solche Musik aus den Neunzigern und sie liebte es  – „das fühlte sich nach Heimat an, am liebsten hätte ich zu dieser Zeit gelebt“, sagt sie.

Das Lied „Coffee“ von Beabadoobee entstand zufällig

Dass ihr erster, millionenfach gestreamter Hit „Coffee“ jedoch ganz anders klingt, sehr poppig und weniger perfekt produziert, zuckt sie mit den Schultern weg. „Coffee“ sei zufällig entstanden, 2017, bei einem Freund im Schlafzimmer, der es online dann unter ihrem Instagramnamen Beabadoobee hochgeladen habe. Dass dieses Lied später der bekannte YouTube-Kanal 1-800-LOVE-U teilen würde, der Rapper Powfu remixen und die in London ansässige Plattenfirma Dirty Hit auf sie aufmerksam machen würde, damit hätte sie nie gerechnet. „Aber ich bin froh, dass es passiert ist, ich wüsste auch sonst nicht, was ich außer Musik machen sollte“, gesteht sie.

Geboren wurde Kristi im Jahr 2000 auf den Philippinen, ihre Eltern zogen drei Jahre später mit ihr nach London, wo sie Geige spielen lernte, Ballett und an ersten Talentshows teilnahm. Als sie mit 17 eine Gitarre geschenkt bekam, schrieb sie in ihrem Schlafzimmer die ersten Lieder über ihre Mitmenschen, ihr Leben und ihre Gefühle. „Das ist eigentlich der Ort, an dem alles passiert“, sagt Kristi. Ihr neues Album habe sie hier in nur wenigen Wochen geschrieben.

Wenn man bedenkt, wie gut produziert und durchdacht „Fake It Flowers“ wirkt, ist es erstaunlich. Es klingt nach Neunziger-Rock, klar, aber nicht nach einer alten Kopie. Wenn Kristi etwa die Rockballade „Care“ singt, das zweifellos Joan Osborns „One Of Us“ hervorruft, ist es zwar wie ein Blick auf eine einstige Zeit, Kristi trägt sie jedoch mit ihrer süßen Stimme und leicht veränderten Arrangements im Hier und Jetzt weiter. Mag dies auch nicht neu sein – man denke an ähnlich junge Bands wie Snail Nail und Soccer Mommy – passt es gut als Kontrast in eine Gegenwart, in der sonst Pop, EDM und Rap sämtliche Kanäle beschallen. Möge Kristi damit ein Revival vorantreiben.

Beabadoobee - „Fake It Flowers“ (Dirty Hit Records)