Berlin - Ich bin einfach nicht für diese Zeiten gebaut – „I just wasn’t made for these times“, singt Brian Wilson nach ungefähr anderthalb Stunden, in der Mitte des Auftritts der Beach Boys am vergangenen Freitag in der Berliner Mehrzweckhalle. Das gilt heute, wenn er steif hinter seinem weißen Flügel sitzt, und das galt schon in den 1960er-Jahren. Seit 1961 erfand Brian Wilson mit den Beach Boys zunächst den weißen kalifornischen Teenager, um dann zur Mitte des Jahrzehnts die Popkomposition im Studio zu revolutionieren – und daran zu zerbrechen.

Man darf es schon sensationell finden, wenn sich die verbliebenen Mitglieder der Beach Boys nun zum fünfzigjährigen Jubiläum auf der Bühne versammeln: Der musikalische Visionär Wilson (70), der clever populistische Mike Love (71) und der vielseitig begabte Al Jardine (69), dazu der Gelegenheitsmitspieler David Lee Marks (64) und Bruce Johnston (68), der 1965 zur Band stieß.

Einem nicht geringen Teil des Publikums dürften die Vokalharmonien der Beach Boys beinahe in Echtzeit die Jugend versüßt haben. Daher gibt sich Mike Love als Conférencier alle Mühe, keine Melancholie aufkommen zu lassen. Immerhin muss man ja die reichlich 9000 Leute nicht dauernd daran erinnern, dass auch die luftigen Surfsounds der Kalifornier ihr Versprechen vom endlos jugendlichen Sommer nicht erfüllen konnten.

Eine kleine Sensation

Hochgewachsen und in lässiger Haltung swingt Love mit der freizeitlichen Nonchalance eines Palm Springs-Pensionärs im Zentrum des immerhin 14-köpfigen Ensembles. Gut gelaunt und gut bei Stimme übernimmt Love seine Lead-Strecken, moderiert launig die Parts der Kollegen an und wendet sich routiniert herzlich ans Publikum.

„Do It Again“ heißt das Stück, mit dem die Band in den Abend aufbricht und über satte drei Stunden klarmacht, dass sie an historisch-melodischer Nachhaltigkeit höchstens von den Beatles übertroffen werden – kaum einer der rund fünfzig Titel, der nicht bis heute eine sichere Bank in den globalen Formatradios des Pop bildete.

Und noch der Titelsong des aktuellen Albums „That’s Why God Made the Radio“ fällt idiomatisch sicher ins Repertoire. Das routinierte „Mach’s noch einmal“ kann man natürlich relativ verstehen. Zum einen täuscht es darüber hinweg, dass zwischen dem letzten Berliner Auftritt der Beach Boys in ungefähr originaler Besetzung und dem jetzigen angeblich 46 Jahre liegen. Zum anderen fehlen der Formation mit den längst verstorbenen Wilson-Brüdern Dennis und Carl zwei zentrale Figuren.

Love und Johnston unterhielten den Band-Betrieb während der letzten anderthalb Jahrzehnte allein, wovon Berliner Besucher ihres Auftritts 2003 betrübt Zeugnis ablegen. Derweil verklagte Mike Love sowohl Al Jardine als auch Brian Wilson, mit dem er sich schon in den 1960ern gezankt hatte, als ihm dessen bewusstseinserweiterter Kurs seit dem wegweisenden Albums „Pet Sounds“ von 1965 nicht Teen-trächtig genug erschien.

Die eigentliche Sensation der aktuellen Tour ist daher natürlich Brian Wilsons Anwesenheit. Zwar konnte man ihn in der letzten Dekade auch in Berlin und mit seinem spät vollendeten Großwerk „Smile“ solistisch erleben. Aber er hatte sich schon weitgehend aus dem Tour-Betrieb verabschiedet, als ihm 1964 erstmals die Nerven zusammenbrachen.

Steif, aber rührend

Auch am Freitag wirkt Brian Wilson nicht gerade entspannt. Aber seine Momente als Chef gehören zu den großen bewegenden Momenten des Abends. Zum Teil aus Rührung, wenn er sich steif an animierenden Pop-Gesten versucht und mit der Funkyness Angela Merkels die geballten Hände reckt. Zum größeren Teil jedoch, weil die sehnsüchtige Hymnik von „Pet Sounds“-Stücken wie „God Only Knows“ oder „Wouldn’t It Be Nice“ natürlich ohne jeden nostalgischen Bonus zu den wundervollsten Popmomenten der Welt gehört.

Das kann man naturgemäß nicht von allen Stücken der Bach Boys sagen. „Pet Sounds“ trennt die Jugend von der Reifephase der Band. Es war allerdings bereits ihr elftes Album. Die frühen Hits – vom „Surfer Girl“ der ersten Viertelstunde zu „Surfin’ USA“ am Ende – sind bei aller melodiösen Größe auch Genre-Stücke: gemischt aus schwappenden Surf-Gitarren, fließenden DooWop-Gesangslinien, den Produktionsbrechern Phil Spectors und dem Rock’n’Roll Chuck Berrys, den sie nicht nur in „Surfin’ USA“ ausgiebig beliehen.

Dabei spricht es für die Souveränität der Band – und vor allem für die ausgezeichnete Verstärkung durch die jungen Tourmusiker –, dass auch diese frühen Nummern weniger vergangenheitsschwer als vielmehr achselzuckend frisch wirken. Die verschränkten Chor- und Solostimmen wilsonifizieren noch die Coverversionen von Berry bis hin zu den Crystals ganz großartig.

Technologisch fitgespritzt

Manchmal wurde mir das Mitklatschen zu selig. Und auf Stücke wie den enthusiastisch gefeierten Schlager „Sloop John B.“, der gegen Wilsons Wunsch auf „Pet Sounds“ gelandet war, hätte ich ebenso verzichten können wie auf Mike Loves „Kokomo“, 1988 ohne Brian Wilson ein unerwarteter später Hit.

Aber die Gesangsharmonien kommen klar und vielschichtig, die komplexeren Arrangements wirken unangestrengt, und die Alten lassen sich uneitel in den höheren Stimmlagen von einem jungen Musiker aushelfen. Der ist auch stets zur Stelle, um Brian Wilsons brechende Lead-Passagen ausgleichend zu doppeln. Ein bisschen technologisch fitgespritzt werden sie schon sein – bei einem derart hohen Stand der Technik verzichtet im Hochleistungspop niemand auf Korrektur.

Aber von den Beach Boys braucht man nun wirklich keine Authentizität einzufordern. Ihr sonnengebräunter Jugendentwurf, ob nun in „Fun, Fun, Fun“ oder „California Girls“, war opulente, verklärende Projektion, fern aller sozialen Wirklichkeit. Brian Wilson selbst verstand sein Werk stets als spirituelle Anrufung und Erhöhung.

Mike Loves Trachten fällt natürlich deutlich pragmatischer aus. Aber auch er kann nicht verhindern, dass sich noch die schlichtesten Stücke hörbar nach Erhebung und Erlösung sehnen. Ihr Zauber liegt nicht in einer zufälligen Zeitlosigkeit. Sondern einer prinzipiellen Weigerung, sich in der Zeit einzufinden.