"Beasts of No Nation" auf Netflix: Kindersoldat im Teufelskreis der Gewalt

Mal abgesehen vom neuen „Star Wars“-Abenteuer wurde in diesem Jahr über kaum einen Film so viel gesprochen und geschrieben wie über „Beasts of No Nation“. Doch dem deutschen Kinopublikum wird das neue Werk des US-amerikanischen Regisseurs Cary Fukunaga vorenthalten. Sehen kann man den bei den Festivals von Venedig und Toronto gefeierten Film hierzulande dennoch, wenn man s einer der geschätzt eine Million Abonnenten von Netflix ist. Bei diesem Streaming-Dienst ist „Beasts of No Nation“ seit dem 16. Oktober weltweit verfügbar.

Fukunaga sorgte bereits mit seinen ersten beiden Filmen „Sin Nombre“ und „Jane Eyre“ für Aufsehen; zuletzt wurde er für die erste Staffel der TV-Serie „True Detective“ gefeiert. Der Regisseur hat mit „Beasts of No Nation“ den gleichnamigen Roman von Uzodinma Iweala verfilmt. Erzählt wird die Geschichte des jungen Agu, der in einem nicht näher benannten, vom Bürgerkrieg zerrütteten afrikanischen Staat mitansehen muss, wie sein Vater erschossen wird, bevor er selbst fliehen kann. Der Junge landet in der Obhut eines Rebellen-Kommandanten, der aus Agu einen jener Kindersoldaten macht, mit denen er plündernd und mordend durchs Land zieht.

Überzeugende Darsteller

Vom kanadischen „Rebelle“ bis hin zum französischen „Johnny Mad Dog“ gab es schon einige Filme, die sich des Themas Kindersoldaten angenommen haben, doch selten war einer so eindrücklich wie „Beasts of No Nation“. Fukunaga, der Drehbuch, Regie und auch die Kameraarbeit verantwortet, hat in Ghana authentische Bilder gefunden. Fast zweieinhalb Stunden lang zeigt er Milizen-Gewalt in bisweilen brutalen Details, mal am Rand des halluzinatorischen Irrsinns, mal vor dem Abgrund des Traumas. Der junge Laiendarsteller Abraham Attah – in Venedig prompt mit einem Preis bedacht – trägt den Film, während Idris Elba als Warlord mit sparsamen Mitteln Wucht entfaltet.

Großes Kino, könnte man also sagen, und genau dies hatte Cary Fukunaga auch im Sinn, wie er im Gespräch berichtet: „Als wir den Film 2014 drehten, ging ich davon aus, dass er auf ins Kino kommt. Dorthin wollte ich nach meinem Abstecher beim Fernsehen zurück. Und in der Anlage unterschied sich „Beasts of No Nation“ für mich nicht von meinen ersten beiden Filmen“. Doch als der für sechs Millionen Dollar recht günstig produzierte Film fertig war und es darum ging, einen Kinoverleih zu finden, standen plötzlich die Netflix-Leute in der Tür.

Dieser Streaming-Dienst hat mit Serien wie „House of Cards“ oder „Orange Is the New Black“ bereits die Fernsehlandschaft gehörig durchgewirbelt. Nun will sich Netflix auch im Filmbereich nicht mehr darauf beschränken, einzig alte Ware in der Zweit- oder Drittverwertung anzubieten. Netflix will vielmehr Weltpremieren auffahren. 12 Millionen US-Dollar legte der Netflix-Chef Ted Sarandos für die Rechte an Cary Fukunagas neuen Film auf den Tisch – ein Angebot, das für den Regisseur und seine Produzenten letztlich unwiderstehlich war. „Ganz leicht fiel die Entscheidung nicht, unsere Diskussionen waren heftig“, erinnert sich Fukunaga: „Doch letztlich war es uns wichtig, das größtmögliche Publikum für den Film zu finden.“

Von der Branche skeptisch beäugt

Dass der Netflix-Start von „Beasts of No Nation“ in der Branche unter deutlich größerer Beobachtung steht als etwa exklusiv auf Netflix zu findende Dokumentationen wie „What Happened, Miss Simone?“ oder die ab Dezember verfügbare Westernkomödie „The Ridiculous Six“ von und mit Adam Sandler, liegt daran, dass es Fukunagas Film zumindest in den USA eben doch auf der Leinwand zu sehen gibt. „Uns geht es darum, Filme zu produzieren und zu vertreiben, die so gut sind, dass die Kinobetreiber sie spielen wollen – selbst wenn es sie parallel bei uns zu sehen gibt“, sagte Sarandos kürzlich.

Im Fall von „Beasts of No Nation“ fanden sich tatsächlich ein kleiner Verleih und einige Independent-Kinos, die den Film zeigen. Die amerikanischen Multiplex-Ketten indes, die meist an die mächtigen Hollywood-Studios gekoppelt sind, verweigern sich unter lautem Protest. Bislang gilt ein sogenanntes Fenster von 90 Tagen (in Deutschland üblicherweise 120 Tage), in denen ein Film exklusiv in den Kinos gezeigt wird, bevor er online oder auf DVD verfügbar ist. Seit einiger Zeit wird diese Regelung als veraltet in Frage gestellt. Doch die Kinobetreiber, die in Video-on-Demand Zeiten immer stärkere Umsatzeinbußen fürchten, halten mit aller Macht daran fest.

Inwiefern Netflix nun endgültig das Ende angestammter Branchen-Traditionen beschleunigt und das Beispiel „Beasts of No Nation“ Schule macht, bleibt abzuwarten. Der Regisseur selbst zuckt mit den Schultern: „Ich weiß nicht, ob ich mich diesbezüglich als Pionier bezeichnen würde. Wahrscheinlich wird man frühestens in einigen Monaten abschätzen können, ob sich in Sachen Kinoauswertung grundlegende Veränderungen einstellen. Mir ist einfach wichtig, dass möglichst viele Menschen meinen Film sehen.“ Wie viele das letztlich sein werden, wird sich übrigens so bald nicht abschätzen lassen. Netflix veröffentlicht grundsätzlich keine Zahlen für einzelne Titel, und es sind letztlich nur 31 US-Kinos, die Fukunagas Film zeigen. Über die Akzeptanz des Modells in Hollywood lässt sich womöglich im Januar schon mehr sagen. Dann nämlich werden die Oscar-Nominierungen bekannt gegeben – und für die kommt auch „Beasts of No Nation“ in Frage.