Die Beatles im August 1969 kurz vor der Trennung: (v.l.) Paul McCartney, Ringo Starr, John Lennon und George Harrison.
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BerlinVor 50 Jahren, am 10. April 1970, geschah das für viele Fans Unfassbare: Paul McCartney verkündete in einer lapidaren Pressemeldung das Ende der Beatles. Die Boygroup ist die erfolgreichste Band aller Zeiten, von 1962 bis 1970 verkaufte sie mehr als 500 Millionen Schallplatten und verbuchte 17 aufeinander folgende Nummer-1-Hits. Bis heute haben die Beatles mehr als eine Milliarde Tonträger verkauft und gehören damit noch vor Elvis Presley zu den unangefochtenen Spitzenreitern, erst mit Abstand folgen Michael Jackson und Madonna.

Gerüchte über eine Auflösung der Pilzköpfe geisterten damals schon seit Monaten durch die Weltpresse. Doch lag jetzt eine Erklärung vor, jetzt war es amtlich: McCartney hatte der britischen Presse ein Vorabexemplar seiner ersten Solo-LP „McCartney“ geschickt und ihr ein Interview beigelegt, in dem er fast beiläufig die Trennung der Beatles bekanntgab. Zur Begründung nannte er: „Persönliche, geschäftliche und musikalische Differenzen, aber vor allem, damit ich mehr Zeit für meine Familie habe.“

„Die Party ist vorüber“

McCartney wollte offenbar Schluss machen. Auf die Frage, ob er eine Zukunft für die musikalische Arbeit zwischen ihm und John Lennon sehe, gab er die klare Antwort: „Nein.“ Allerdings ließ er offen, ob die Bandauflösung endgültig sei. In einem späteren Interview zeigte er sich dann von den vehementen Reaktionen überrascht: „Alles war ein großes Missverständnis. Ich sah die Schlagzeilen und dachte, was habe ich getan. Die Beatles haben die Beatles verlassen und ich war derjenige, der gesagt hatte, dass die Party vorüber war.“

So schien die „Schuldfrage“ schnell geklärt. Doch schnell setzte sich eine andere Erzählung durch: Die meisten der geschockten Fans machten John Lennons Frau Yoko Ono für die Auflösung der Band verantwortlich. Er hatte die japanische Konzeptkünstlerin 1966 bei einer Ausstellung in London kennengelernt. Ihre ständige Präsenz bei Plattenaufnahmen sorgte bei den drei anderen Beatles für Unmut, denn eigentlich hatten sich alle darauf geeinigt, dass im Studio kein „Außenstehender“ anwesend ist.

Paul McCartney wollte mehr Zeit für die Famlie haben: Hier zeigt er sich am 31. August 1971 am Londoner Flughafen mit Ehefrau Linda und Tochter Mary.
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Für viele Beatles-Anhänger wurde Yoko Ono – die Frau, die den heiligen Männerbund zerstörte – nach dem Ende der Band zur meistgehassten Frau der Musikszene. „Es ist nur eine Band, die auseinandergeht. Es ist nicht das Ende der Welt“, stellte Lennon beschwichtigend fest. Doch es sollte nichts nützen, die Geschichte von der machtgierigen Frau und ihrem zerstörerischen Werk kam einfach zu gut an.

Dabei war es ein langsames Band-Sterben, bereits seit ihrem Indientrip 1967 bei Guru Maharishi Mahesh Yogi hatte sich das Ende abgezeichnet, als erstmals ihre jeweils unterschiedlichen Interessen deutlich wurden. Im gleichen Jahr starb ihr Manager Brian Epstein – der nie gleichwertig ersetzt werden konnte – und die Beatles versuchten, die Geschäfte selbst in die Hand zu nehmen.

Nicht sehr erfolgreich: Ihre neugegründete Firma Apple Corps wollte neben Musikern auch andere junge Künstler unter ihre Fittiche nehmen, was in einem finanziellen Desaster endete. George Harrison gab sich nicht länger damit zufrieden, mit seinen Kompositionen hinter Lennon/McCartney nur die zweite Geige zu spielen. Ringo Starr meinte später einmal: „Jeder wollte etwas anderes.“ Ende der 1960er-Jahre „verließen“ auch er und Harrison zeitweise die Band. Nach einem Treffen bei der Plattenfirma EMI im Hebst 1969 erklärte Lennon, er wolle „die Scheidung“ von den anderen Bandmitgliedern.

„All You Need Is Love“

Ihre Musik war immer noch genial. Mit dem Album „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ war ihnen ein Meilenstein der Popmusikgeschichte gelungen, „All You Need Is Love“ wurde zur Hymne der Flower-Power-Generation. Doch zu jener Zeit verfolgten alle vier Beatles schon länger ihre eigenen Projekte. McCartney zunächst alleine und danach mit seiner neuen Band Wings, Lennon mit der Plastic Ono Band, Harrison und Starr mit Soloalben. Die vier Männer fetzten sich vor laufender Kamera, die Szenen wurden herausgeschnitten und bis heute unter Verschluss gehalten.

Lennon, Harrison und Starr wollten den amerikanischen Geschäftsmann Allen Klein als neuen Manager engagieren, was McCartney durch sein Veto blockierte. Er verklagte die drei anderen vor dem Londoner High Court und gewann den Prozess. Noch bis Ende der 1970er Jahre beschäftigten die Rechtsstreitigkeiten zwischen den vier Musikern, Klein, der alten Plattenfirma EMI sowie die Abwicklung der Apple-Gesellschaft eine ganze Armada von Anwälten und Gerichten. Die persönlichen Beziehungen der vier Liverpooler waren entsprechend belastet.

Innige Einheit: John Lennon und Yoko Ono im Jahre 1976.
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Die Hoffnungen auf ein Comeback der Beatles blieben unerfüllt. Während Lennon zum politischen Aktivisten wurde und gemeinsam mit seiner Frau „Happenings“ und „Sit-Ins“ für den Weltfrieden veranstaltete, zelebrierte McCartney mit seiner Frau Linda das Familienleben und tourte mit den Wings. 1980 wurde Lennon von einem geistesgestörten Attentäter erschossen und Teile der Beatles-Rechte fielen an Ono.

Zwischen ihr und McCartney entbrannte ein Streit über die „Writing-Credits“. Bei den Beatles wurden die Songs unter „Lennon/McCartney“ veröffentlicht. Paul wollte das ändern und forderte, dass von ihm alleine verfasste Lieder – wie der Song „Yesterday“ – künftig unter der Urheberschaft „McCartney/Lennon“ gelistet würden. „John selbst war immer dieser Meinung“, bekräftigte er. Doch Ono lehnte das ab: „Das ist lächerlich, absurd und kleinlich und John kann sich nicht mehr wehren.“

1994 kamen die drei Überlebenden noch einmal für „Anthology“ zusammen, dabei wurden von ihnen die beiden unveröffentlichten Lennon-Songs „Free As A Bird“ und „Real Love“ letztmals unter dem Namen Beatles herausgebracht. Im Jahr 1997 verglich Ono ihren Mann mit Mozart, wohingegen sie McCartney mit Mozarts erfolglosem Konkurrenten Salieri gleichsetzte.

Harrison starb 2001 an Lungenkrebs, der fast 80jährige Starr genießt das Leben, spielt ab und zu ein neues Album ein oder taucht als Gast bei Auftritten von Kollegen auf. McCartney, inzwischen 77 Jahre alt, ist seit 2011 in dritter Ehe mit Nancy Shevell verheiratet. Er geht immer noch auf Tournee und wollte dieses Jahr Anfang Juni auch in Hannover gastieren. Ob das Konzert stattfindet, steht wegen der Coronavirus-Pandemie zurzeit in den Sternen.

Die Versöhnung zwischen McCartney und Ono ließ mehr als 40 Jahre auf sich warten. Erst 2012 sagte er in einem Interview: „Die Trennung der Beatles war nicht die Schuld von Yoko.“