Ein gutes Foto muss zunächst mal scharf sein. Und lächeln müssen die Leute. Cheese! Robert Frank muss selber kichern bei diesen Tipps – ein Leben lang hat er das glatte Gegenteil gemacht. Mit aus der Hüfte geschossenen, oft unscharfen und stets unmittelbaren Bildern amerikanischen Lebens ist er berühmt geworden. Laura Israels kluger Dokumentarfilm über die 92-jährige Ikone der modernen Fotografie geht ähnlich vor.

„Don’t Blink – Robert Frank“ ist akribisch montiert, scheint keinen Aspekt auszulassen: Franks Durchbruch mit „The Americans“, dem monumentalen Bildband des Jahres 1958, der berüchtigte Rolling-Stones-Film „Cocksucker Blues“, ein schillerndes Leben unter Beatniks wie Jack Kerouac, Allen Ginsberg und Gregory Corso. Doch der Fokus bleibt unscharf, eine Gewichtung findet nicht statt.

Momente in der Bilderflut

Es gilt, in dieser berauschenden Bilderflut den richtigen Moment zu erhaschen, in einer beiläufigen Beobachtung die Essenz dessen zu erkennen, was einem persönlich wichtig wirkt. Man muss den Auslöser schon selber drücken, das nimmt der Film keinem ab.

Mit „The Americans“ näherte sich Frank einem Land, das er selbst nicht kannte. Als Sohn deutscher Juden in Zürich geboren, zog es ihn 1947 in die USA. Mit einem Guggenheim-Stipendium reiste er 1955 für zwei Jahre durchs Land und machte 28000 Aufnahmen. Es ist der heilige Gral der Straßenfotografie.

Suchende Melancholie

Amerika wird bei ihm zum Land der Fabriken, Cafés, öffentlichen Pissoirs, Jukeboxen. Frank zeigt die Menschen im Aufzug, an der Bushaltestelle oder auf Trauerfeiern. Den sozialen Blick seines Lehrers Walker Evans, Dokumentarist der Großen Depression, verbindet er mit ureigener Intuition. Anders als bei Evans ist nichts gestellt, stattdessen zeigen sich in bestürzenden Momentaufnahmen Gefühle von Unsicherheit und Entfremdung, die suchende Melancholie einer neuen Epoche.

Der Beat-Poet Jack Kerouac schrieb in seinem Vorwort, nach Betrachten dieser Bilder wisse man nicht mehr, was trauriger sei, eine Jukebox oder ein Sarg. Der Einfluss auf spätere Fotografiestars wie Nan Goldin oder Larry Clark ist offensichtlich. Der Glaskünstler Jeff Wall hingegen beschloss, etwas ganz anderes zu machen, eben weil er das Buch so liebte. Evans und Frank hatten „die Tür geschlossen“, der Höhepunkt war erreicht.

Notorisch übellaunig

Ob es Frank selbst ähnlich ging? Warum verlegte er sich danach auf das Filmemachen? Im Film sehen wir gewissermaßen zwei Robert Franks, die die Frage unterschiedlich beantworten, wie es überhaupt Israels Stärke ist, Widersprüche zuzulassen. Ein Interview aus dem Jahr 1984 zeigt einen notorisch übellaunigen Frank, der die Frage nach Film oder Fotografie für Humbug erklärt. Im übrigen hasse er Interviews. In den neuen Aufnahmen gibt er die schön simple Erklärung, die Filmkamera zeige ganz neue Seiten der Menschen, wenn sie sich erst einmal daran gewöhnt hätten. „Dann passieren bessere Sachen.“

Das erste Resultat war der Kurzfilm „Pull My Daisy“ im Jahr 1960, ein Beatnik-Manifest und für viele, zusammen mit John Cassavetes’ „Shadows“, der Beginn des amerikanischen Independentfilms. Ginsberg und Corso treiben Schabernack, Kerouc raunt Unverständliches aus dem Off. Auch hier werden nur wenige Ausschnitte gegeben, keine Erklärungen, die Kürze wahrt das Geheimnis. Aber der feixende Ginsberg mit seinen „Kakerlakenaugen“ bleibt in Erinnerung.

Negative zerkratzen

Dass Frank ab Mitte der 1970er Jahre nur noch vergessen wollte, hat tragische Gründe. Seine Tochter aus erster Ehe starb 1974 bei einem Flugzeugabsturz in Guatemala, der an Schizophrenie leidende Sohn nahm sich später das Leben. Frank nahm die Fotografie wieder auf, doch er begann nun, die Negative zu zerkratzen, doppelt zu belichten, zu beschriften. „Look out for hope“. Der mystische Einklang von Bild und Bedeutung ist verloren, die auf dem Foto eingebrannte Erinnerung eine Qual.

Frank hat keine Erfolge gefeiert mit dieser Kunst, die ihn als Erben der Beatniks zeigt, doch seinen Frieden scheint er gefunden zu haben.

Die Welt in der Schublade

Im Film Laura Israels, seiner langjährigen Cutterin, gibt er sich lebenslustig und zumindest freundlicher als früher. Aber seine zweite Frau, die Bildhauerin June Leaf, mit der er sich in die kanadische Einöde zurückgezogen hat, beschreibt ihn noch immer als „Plünderer“. In seinen Schubladen steckt die ganze Welt, doch von sich selbst gibt er nur wenig preis. Umso gelungener ist dieses idiosynkratische Porträt, das einer komplexen Persönlichkeit gerecht wird, ohne alle Geheimnisse zu lüften.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Textes wurde der Vorname von Franks zweiter Frau falsch wiedergegeben. Sie heißt "June" nicht "Jean".