Auch Beck Hansen ist in die Jahre gekommen. 44 Jahre alt wird der hippste Scientologe der Popkultur im Sommer, und pünktlich zum Eintritt ins Erwachsenenalter bekam er Rücken. So sehr plagte ihn seit Beginn der Dekade die Schädigung der Wirbelsäule, dass er nach eigenen Angaben kaum eine Gitarre halten konnte. Er habe noch immer mit den Folgen zu kämpfen, sagt er, aber immerhin hat er mit „Morning Phase“ nach sechs Jahren wieder ein neues Album fertigbekommen.

In der Zwischenzeit hatte er nur eine Sammlung mit Noten von neuen Songs zum Selbstgestalten ins Netz gestellt und sich seinem sportiven Reenactment-Verein „Record Club“ gewidmet, in dem er mit einer erlesenen Schar von Sonntagsmusikern wie Leslie Feist, St. Vincent oder Thurston Moore klassische Hipster-Alben von Velvet Underground, Skip Spence und, äh, Yanni innerhalb je eines Tages neu einspielte. Ob sich das elegant ernüchterte Schweifen des neuen Albums nun der Krankheit oder der Vertiefung in Fremdmaterial verdankt, kann man natürlich nicht sagen. Aber wie es sich für ein amtliches Midlife-Album gehört, verarbeitet Beck auf „Morning Phase“ offenbar eine Beziehungskrise und hat dafür seine Songs in einen stimmigen, höchst souveränen Singer/ Songwriter-Kontext gestellt. Der Fachbegriff für die abgehangene Bittersüße, in die er entsprechend das Album taucht, lautet „mellow“.

Weich, sanft und entspannt kann man Becks ganzes Werk seit dem Majordebüt „Mellow Gold“ und dem Generation-X-Hit „Loser“ finden. Diesmal fehlt aber jeder augenzwinkernd postmoderne Verweis, fehlen die Samples, Loops und raffinierten Kontextverschiebungen von Rock über HipHop zu Exotica und Disco, die seinen Ruf als tüftelnder Wunderling begründeten. Stattdessen erklärt er „Morning Phase“ zum Zwilling seines akustischen Herzbruch-Albums „Sea Change“ von 2002 und meint, es sei seine Interpretation der Musik von Neil Young, der Byrds und Crosby, Stills Nash.

Auf der amerikanischen Seite der Tradition

Ganz so plakativ wie diese Namen andeuten, geht es jedoch nicht zu. Auf dem psychedelischen Coverporträt sieht Beck wie der britische Exzentriker Kevin Ayers aus und klingt auf dem einen oder anderen Song auch wie dieser in seinen weniger schrulligen Momenten. Ein Titel, „Heart Is a Drum“, trägt wiederum deutliche Züge von Ayers’ Landsmann Nick Drake.

Meist jedoch bleibt Beck auf der amerikanischen Seite der Tradition, mit sacht geschrummten akustischen Gitarren, niedrigpulsigen Rhythmen und ausladenden, schwelgenden Arrangements. Diese stammen, wie schon auf „Sea Change“, von Becks Vater David Campbell, einem Veteranen, der für die Songs des Sohnes alle Register zieht, die er einst schon für die verhangenen Stücke von Siebziger-Songwritern wie J.D. Souther und Jimmie Spheeris benutzte. Beck arbeitet unideologisch analog, singt passagenweise ganz schutzlos vor opulenter Orchesterbegleitung oder nur an der Seite einer schlicht gezupften Gitarre; immer hört man ihn in weitläufigen, oft reich geschmückten und echobelegten Räumen zu gedämpften, schläfrigen Drums und klingelnd-vibratovollen Gitarren, Keyboards, Glockenspielen, Banjos und fernen, spacig verwehenden Sounds.

Manchmal entgleitet ihm diese exquisite Stimmung in allzu luftdichte Prog-Übungen. Viel öfter jedoch schafft er wundersam leichte, reizend melodische Songs, deren Schmerz und Verlustgefühl er weder durch musikalische Spitzzüngigkeit ironisiert noch in Larmoyanz versumpfen lässt. Beck nähert sich der Musik wie der Krise seiner mittleren Jahre überraschend ernsthaft und künstlerisch konsequent. Und statt sich grinsend zu distanzieren, gibt er sich unerschrocken warm, gelassen und erwachsen.

Beck: Morning Phase (First Listen auf npr-music)