Berlin - „Sie starb ruhig, ohne Schmerzen. Ihre große Familie war um sie versammelt. Kein Kampf, sie willigte wohl in den Abschied. Sie hatte noch einmal die Augen weit geöffnet, sie schien in die Ferne zu sehn. Die Züge im Tod entspannt, ein Lächeln umlief sie. Das Gesicht glatt; sie sah schön aus. ...

Wer sie ist, das wollte sie immer wissen. Das Kaufmannskind von der Warthe, die sesshafte Autorin an der Spree. Sie musste danach fragen in der Zeit des Kriegs, der Flucht, in Aufbauepochen und Abrissjahren. Die Hoffnungsvolle, Zweifelnde. 'Nimm alles nicht so schwer', sagte die Mutter zu ihr, und so hat auch Anna Seghers zu ihr gesprochen. Doch als einmal in einem Trinkspruch allen wenigstens noch ein Leben gewünscht wurde, dasselbe Leben noch einmal, sah sie die Seghers erschrecken, die Jüdin, die Kommunistin, die Exilantin. - Christa Wolf konnte sagen: Ich wollte kein andres Leben als das. ...

Man warf ihr das Hierbleiben vor: die doch so weit fortging, bis in die Mythenwelt, in uralte Geschichte, an die Wurzeln des Unglücks, auf den Grund. Das war ihr fraulicher Mut. Sie ging bis an die Grenze, an der man sich selbst als Fremder entgegenkommt. Sie wagte diesen Gang. Nimm dein Verhängnis an. Lass alles unbereut.

In welchem Spannungsfeld stand sie. In dem gespaltenen Land, der zerrissenen Menschheit, zwischen Tat und Enttäuschung. Der selbstgewisse Westen war nicht die Alternative. Sie sah nicht hier noch dort den Staat, der lernt, und Gemeinsinn übt, den Einspruch gegen das Ganze.

Sie blieb nach dem Umbruch voll Neugier, die Spottlust ungestillt, und das Nachdenken über alles. Ein Fassungbewahren in der Großen Verwerfung. Ernüchterung: blieb ihr Zauberwort. Sie hat der deutschen Literatur wie wenige Würde und Weltbewusstsein gegeben.

An ihr, der Kenntlichen, rieben sich die Debatten. In ihr Fleisch schnitten die Schmähungen ein. Irrtum, Verstrickung: wir hätten uns, West und Ost, etwas vorzurechnen? Ogott! nie waren wir so, wie heute, verstrickt, verirrt, in demokratische Kriege, die Jahrmarktwirtschaft, sinnentleerte Vernunft. - Wie vornehm haben wir uns betragen gegen die Siegergewißheit. ...

Wohl nie hat so viel Liebe eine Tote zum Grab geleitet.

Vielleicht haben wir alle gehofft, dass sie nie sterben wird. - 'Nun ja! Das nächste Leben geht aber Heute an.' Nun nein, sie kann nicht mehr. In ihr letztes Buch ist wohl ihre Lebenskraft geflossen. Sie geht leibhaftig fort. Ausgelebt, ausgekämpft das alles. Ich höre sie lachen. Sie steht nun drüber, und liegt eben drunten. Der Alltag der Toten beginnt. Er wird bei ihr ausgefüllt sein.

Die Gestalten, die sie heraufrief, Kassandra, Medea, umstehn sie wie Schwestern, ein Schutzengelgeschwader. Sie haben alle ihre Gestalt. Sie geht nun selbst in den Mythos ein.“