Ludwig van Beethoven
Illustration: Nadia Budde

BerlinDer Titel des „Größten Komponisten aller Zeiten“ ist ein Wanderpokal und wird entlang den fälligen Jubiläen zwischen genau drei Komponisten hin- und hergeschoben. Bis vor ein paar Jahren war es Johann Sebastian Bach, dessen Ruhm um seinen 250. Todestag herum im Jahr 2000 schier ins Übermenschliche wuchs. Indes haben die mittlerweile vorliegenden mindestens fünf Gesamteinspielungen seiner rund 200 Kirchenkantaten gezeigt, dass man sich auch hier auf hohem Niveau langweilen kann. 

Vor Bach war Wolfgang Amadeus Mozart dank Falcos Song „Rock me Amadeus“, Milos Formans Film „Amadeus“ und 200. Todestag 1991 der oberste aller Komponisten. Er eignete sich für die populäre Verehrung wie kein anderer, denn er erscheint uns weder so intellektuell und fromm wie Bach noch so idealistisch-heroisch wie der, der in diesem Jahr den Wanderpokal überreicht bekommt: Ludwig van Beethoven, der vor 250 Jahren geboren wurde.

Der erste Superlativ

Der Superlativ ist bürgerlicher Herkunft und fand erstmals in Beethoven ein Objekt, dem ersten Komponisten, dessen Werk Gegenstand einer Repertoire-Bildung wurde; auf Mozart und Bach wurde er rückübertragen. Der Bürger jedoch ist fachlich nicht zuständig. In vorbürgerlicher Zeit gab es die Kategorie des auctor probatus, des „bewährten Autors“, von dem der Adept der Kunst lernen kann – Bach galt lange vor allem als vorbildlicher Kontrapunktiker.

Den Bürger interessiert indes nicht das Lernen – er hat ja seinen arbeitsteiligen Gelderwerb gelernt und überlässt die Kunst den Künstlern –, sondern die „Botschaft“, etwas, das jenseits der eigentlichen Zuständigkeit des Künstlers liegt, die auf Form zielt. Wer für die Kirche arbeitete, hatte die Erlösung zu verkünden, wer bei Hofe tätig war, den Fürsten zu verherrlichen – noch Johann Sebastian Bach oder Mozart wären nicht im Traum darauf verfallen, ihre geistliche Musik mit einer „Botschaft“ subjektiven Zuschnitts zu versehen.

Die Ich-Botschaft

Tatsächlich hat die Musik nach der Französischen Revolution nur eine einzige Botschaft, die geglaubt wurde, und das war nicht das sentimentale „alle Menschen werden Brüder“ der Neunten. Sie besteht vielmehr darin, dass jemand „Ich“ sagt und dies von den Hörern als stellvertretender Akt begriffen wird: Wir sind eine Gesellschaft von Individuen, frei von Kirche und Staat, und du, unser Beethoven, repräsentierst diese Befreiung kraft deiner Originalität.

Diese von jeher zentrale Kategorie verschiebt sich vom technischen Zugriff – den noch Joseph Haydn meinte, als er das Ergebnis seiner künstlerischen Isolation beim Fürsten Esterhazy zusammenfasste mit: „ich musste original werden“ – auf die Person des Künstlers, die sich in der Kunst abdrückt. Diesen Vorgang beobachtete man bei Ludwig van Beethoven. Galt Haydn noch als harmloser Zeitgenosse, der im privaten Umgang weit hinter dem Geist seiner Musik zurückblieb, so wollte man zwischen dem Mann Beethoven und seiner Musik keinen Unterschied wahrnehmen: Der zuweilen unwirsche Gestus seiner Musik wurde als Spiegel seines in der Regel ungeschmeidigen Verhaltens wahrgenommen.

Sofern der „größte Komponist“ nur eine Zuschreibung ist, muss er uns nicht interessieren. Sie hätte sich jedoch nicht bis heute an Beethoven gehalten, wenn sie nicht in der Sache begründet wäre. Den Gründen ist an diesem Ort in lockerer Folge nachzugehen.