Ludwig van Beethoven.
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BerlinRudolf Buchbinder kommt mit der Staatskapelle Dresden und führt die Beethoven-Klavierkonzerte Nummer zwei bis vier auf. Daniel und Michael Barenboim sowie der Cellist Kian Soltani handeln an zwei Tagen die Klaviertrios von Beethoven ab, das sind drei Stück unter der Opuszahl 1, zwei unter 70 und eines unter 97; der Zyklus wird zweimal gespielt. 

Buchbinder gilt als seriöser Pianist und Autografen- und Ausgabensammler, der über jeden Staccato-Punkt Bescheid weiß. Barenboim gilt als nicht ganz so superseriöser Pianist, dem Staccato-Punkte egal sind, wenn sie ihm gerade nicht gefallen. Gemeinsam ist beiden jedoch die Abschottung „ihres“ Beethovens vom Rest der Welt.

Aber nun: Kontexte liefert heute schon jeder Leistungskurs, wen kümmert's? Ist nun eines so schlimm wie das andere? Und besser wärs, dass nichts entstünde? Ich muss auch an die Zukunft beziehungsweise meinen Blutdruck denken: Soll ich mich das ganze nächste Jahr über Beethoven-Konzerte aufregen, in denen a) ausschließlich Beethoven, b) Beethoven in mehr oder weniger geistreichen Kontexten, c) unter einem Motto wie „#bebeethoven“ gar kein Beethoven gespielt wird – also praktisch immer?

Musik über Beethoven

Einen Ausweg bietet das Deutsche Symphonie-Orchester: Es spielt zweimal Musik über Beethoven. Zunächst kommt Sakari Oramo vorbei und dirigiert Rodion Schchedrins etwas seltsames „Heiligenstädter Testament“, eine sinfonische Reflexion dieses zentralen autobiografischen Texts, den Beethoven mit Anfang 30 und bereits sehr schwerhörig schrieb.

Klassik

Beethovens Heiligenstädter Testament: 28. 11., 20 Uhr, Philharmonie, Herbert-von-Karajan-Str. 1
Brahms & Adès: 28., 29. & 30. 11., 20Uhr, Konzerthaus Gendarmenmarkt
Liebesliederwalzer: 29. 11., 20 Uhr, Kammermusiksaal, Herbert-von-Karajan-Straße 1
Beethoven-Trios: 1. Zyklus: 1. 12., 16Uhr; 2. 12., 19.30 Uhr, 2. Zyklus: 4., 5. 12, je 19.30 Uhr, Pierre-Boulez-Saal, Französische Str. 33 d
Beethoven-Fuge: 4. 12., 20 Uhr, Philharmonie

Schchedrin komponierte mit Beethovens Klang und Härte und griff das dritte Thema aus der „Eroica“ auf, aber das alles ergibt einen emotionsgeschüttelten, wenig stringenten Brei. Fühlte sich Beethoven durch seine Taubheit von der Gesellschaft isoliert, so Tschaikowsky durch seine Homosexualität. In seiner Vierten, die das Konzert abschließt, fasst er dieses Lebensgefühl zum ersten Mal in der Form des Schicksals – am Ende gibt es keine Beethovensche Utopie, sondern den Besuch eines Volksfests. Dazwischen steht ein Vokalwerk von Magnus Lindberg auf Verhörprotokolle aus dem revolutionären Frankreich, der DDR und den USA.

Das andere DSO-Konzert dirigiert der ehemalige Chefdirigent Vladimir Ashkenazy; hier steht am Beginn eine Fuge über ein Thema von Beethoven von Max Reger; gemeint ist das Schlussstück der Beethoven-Variationen op. 86. Das Fugenthema ist aus Metamorphosen einer Klavier-Bagatelle hervorgegangen und wird in typisch Regerscher Häkelarbeit ausgequetscht, bis das Thema der Bagatelle wie ein Choral auf das Ganze draufgesetzt wird, eine in Regers Gesamtwerk mutmaßlich mehr als hundertmal durchgeführte Dramaturgie. Es folgt mit Rachmaninows Paganini-Rhapsodie ein wesentlich originelleres Variationswerk und mit Schostakowitschs Fünfter die Schicksals-Symphonie schlechthin des kurzen 20. Jahrhunderts.

Brahms als Nachfolger?

Schon Hans von Bülow hat zum Nachfolger Beethovens kurzerhand Johannes Brahms erklärt, zumindest mit der Bemerkung, dessen Erste sei die Zehnte Beethovens, was kein Mensch wirklich versteht, und auch Brahms dürfte eher sauer gelächelt haben. Aber das immerhin ist richtig: Niemand hat den Beethovenschen Formen- und Gattungskanon entschiedener aufgegriffen als der sechs Jahre nach Beethovens Tod geborene Brahms: Klaviertrios, Quartette, Duosonaten, Symphonien, allerdings in deutlich geringerer Stückzahl, und Klaviersonaten nur in der Jugend. Auch das unterhaltende Fach, bei Beethoven mit Septetten, Tänzen und Bearbeitungen schottischer und irischer Lieder repräsentiert, wurde von Brahms gepflegt.

Beides gibt es zu hören: Der Rias-Kammerchor singt die Liebesliederwalzer – woran am interessantesten vielleicht die Frage ist, ob man im November deren angestrengten Humor erträgt. Das Konzerthausorchester beginnt mit seinem neuen Chef Christoph Eschenbach einen Symphoniezyklus: Die Erste mit Naturszenen und frommem Choral wird kombiniert mit dem Klavierkonzert von Edvard Grieg, am Flügel ist der Artist in residence Vikingur Oláfsson zu hören.