Er ist leider nicht mehr zu buchen: Helmut Qualtinger als Eichmeister Eibenschütz im Joseph-Roth-Film "Das Falsche Gewicht".
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BerlinHier war bereits von der Solidaritätsaktion des Ensemble-Netzwerks „Bei Anruf Kunst“ die Rede. Auf der Website chezvous.simplybook.it/v2/ kann man einen Telefontermin mit Berühmtheiten vereinbaren und darf sich dann auf eine exklusive, bis zu zwanzigminütige fernmündliche Lesung freuen. Das Angebot ist kostenfrei, man ist aber eingeladen, für durch Corona in Not geratene Künstlerinnen und Künstler zu spenden. Auf besagter Website findet man den entsprechenden Button. Spenden auch Sie!

In der Liste der Mitmachenden stieß ich auf den Namen des Journalisten Jens Jessen, der in den späten Neunzigern Feuilletonchef dieser unserer Berliner Zeitung war. Im Jahr 2000 war er gerade zur Wochenzeitung Die Zeit gewechselt, als ich hier meinen ersten Artikel veröffentlichte. Ich konnte also nichts dafür. Leider bin ich ihm nie begegnet.

Anders als Harald Schmidt oder Sophie Rois war Jens Jessen noch nicht ausgebucht, ich setzte ein paar Haken und teilte nach vertrauensvollem Seitenblick auf die Datenschutzklausel meine Telefonnummer mit. Am nächsten Tag, fünfzehn Minuten vor dem zu erwartenden Anruf, beendete ich meinen Arbeitstag im Homeoffice, legte meinen Blaumann ab, band mir eine Krawatte um und blickte abwechselnd auf die Uhr und auf das Telefon. Mir wurde klar, dass es eine ziemlich dämliche Idee war, sich auf diese künstliche Weise innerhalb eines solidarischen Projektes einen persönlichen Kontakt zu erschleichen. Was sind denn das für Sitten?

Als das Telefon dann klingelte und klar wurde, dass Jessen wusste, wen er da an der Leitung hatte, war ich bereit, das Experiment abzubrechen und mich für meine Zudringlichkeit zu entschuldigen. „Warum sollte mir das unangenehm sein?“, fragte Jessen fröhlich. „Ich lese Ihnen sehr gern etwas vor, Herr Kollege!“

Nach einem kleinen Tausch von Komplimenten und Erinnerungen, über die wir in aller Bescheidenheit die Decke des Schweigens breiten, las er mir ein paar Seiten aus Joseph Roths „Das falsche Gewicht“ vor, der Erzählung von dem „allzu redlichen“ österreichisch-ungarischen Eichmeister Anselm Eibenschütz. Und wie er las! Mit melancholischem Schnarren, weich im Rachen rollendem R, mitdenkend, einfühlsam, ohne unnötigen Kraftüberschuss, vertraut mit der Welt, die er auferstehen ließ. All die frohgemute Kapriziosität, mit der der Kontakt zustande gekommen war, löste sich in Luft auf, als Euphemias Ohrringe klingelten und Eibenschütz an ihre starken braunen Finger dachte.