Oscar-Preisträgerin Hildur Guðnadóttir bei den Berlinale-Talents.
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BerlinEs waren lange Monate für die Isländerin Hildur Guðnadóttir: Für ihre vertrackt-einfallsreichen Musiken für die HBO-Miniserie „Chernobyl“ und Todd Phillips’ Kino-Überflieger „Joker“ hat die 37-Jährige zahllose Preise gewonnen. Als erst dritte Komponistin überhaupt erhielt sie einen Filmmusik-Oscar für „Joker“, ihre Dankesrede machte sie zu einem Appell für mehr weibliches Selbstbewusstsein.

Jetzt ist Guðnadóttir wieder in ihrer Wahlheimat Berlin und am Sonntag als Gast bei den „Berlinale Talents“ im HAU. Wie sie Moderator Anas Sareen erklärt, lebt sie zwar nicht mehr aus dem Koffer, aber aus dem Umzugskarton. Die neue Wohnung für sie und ihre Familie muss erst noch eingerichtet werden.

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„Poster Girl“ für Gleichberechtigung

All die Arbeit und der Hollywood-Trubel habe viel Kraft gekostet, meint sie, aber sie sei für die Anerkennung und die Preise schon sehr dankbar. „Ich hab jetzt Statuen,“ sagt sie, „die belegen, dass man mir bei Projekten vertrauen kann.“ Und sie freut sich, jetzt auch „poster girl“ für Gleichberechtigung nicht nur im Filmgeschäft zu sein. „Es ist toll, Teil der Konversation über mehr Geschlechtergerechtigkeit und Diversität zu sein.“

Guðnadóttir erzählt von ihrer Jugend in Island und ersten Gehversuchen in der kleinen, stark vernetzten Musik-Szene dort. Als Cellistin hat sie früh mit anderen, aber auch solo gearbeitet. „Berlin empfinde ich als unglaublich befreiend,“ sagt sie, weil man so gut abtauchen könne.

Zu dem Film „Joker“ habe ihr Todd Phillips bereits sehr früh das Manuskript geschickt, die Komposition entstand also parallel und nicht erst als Nachtrag zu den Dreharbeiten. Wenn Joaquin Phoenix’ Joker im Badezimmer entrückt, verstörend tanzt, tut er das zu ihrer Musik. Hildur Guðnadóttir ist nicht nur Cellistin, Sängerin und Schöngeist, sondern auch gewiefte Bastlerin.

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Klänge aus einem AKW

Für „Chernobyl“ hat sie ein AKW in Litauen besucht („Nach Tschernobyl durfte ich nicht“) und dort Klänge gesammelt: Jedes Piepen und Knarren, all das elektrische Surren hat die Komponistin aufgenommen, abgehört, moduliert und zur Grundlage der Musik gemacht.

Als Beispiel nennt sie eine Tür. „Die war vor einem Kontrollraum und machte ein kaum hörbares Schnarren. Beim Abhören hab ich verschiedene Frequenzbereiche getestet, bei einem wurde das zu einem Beat,“ erklärt sie enthusiastisch. „Das wurde zu einem Schlüssel der ganzen Musik.“