Nach der Explosion in Beirut: Ein Mann fährt mit einem mit Hausrat beladenen Auto aus der Stadt.
Foto: AFP/Joseph Eid

Auf meinem Smartphone habe ich einen Pop-up-News-Service, „Nachrichten aus aller Welt“. Darüber erfuhr ich am Dienstag, den 4. August, von den Explosionen in Beirut. Sofort suchte ich in den sozialen Medien Nachrichten von meinen Freunden in Beirut, fand nichts, dann am Abend nur der inzwischen hart kritisierte knappe Beitrag im deutschen Fernsehen. Am Mittwoch die entsetzlichen Bilder der internationalen Presse, auf Facebook, in den Nachrichten.

Erst am Abend sollte ich von meinen Bekannten hören, dass sie wohlauf oder nur schwach verletzt waren, ihre Wohnungen jedoch schwer beschädigt. An diesem Mittwoch begannen meine „Ferien, halbtags“ im Berliner Umland. Sie müssen mal Ihren Kopf ruhig kriegen, hatte meine Ärztin gesagt, ich hatte eine schlimme Neuralgie. Also saß ich an einem kleinen Waldsee, das Schilf schilfgrün, das Wasser funkelnd, ein beleibter Herr rief seine Dogge, Shakira, komm, hol das Stöckchen, ich schwamm dreimal um den See. Dann sah ich in die Wolken und dachte an alle, die ich in Beirut kenne, die seit Jahren und Jahrzehnten aufbauen, aufbauen, aufbauen, während andere zerstören, zerstören, zerstören.

Schon im Januar war Brot fast unerschwinglich. Geld wurde von den Banken nicht mehr ausgezahlt, ich hätte nicht einmal etwas schicken können, mit der Post sowieso nichts. Die Banken konfiszierten Gelder, die ihnen nicht gehörten. Als Ulli Gack, Kriegsreporter vom Dienst beim ZDF, vor ein paar Tagen auf die etwas unqualifizierte Frage von Herrn Kleber, ob den Beirutern jetzt die Augen über ihr Regime geöffnet worden seien, etwas ausweichend antwortete, wurde ich wütend. Seit ich zum ersten Mal in Beirut war, im Januar 2015, diskutieren die Beirutis diese Fragen. Sie gingen auf die Straße, weil der Müll nicht geholt wurde, sie gingen auf die Straße wegen der Inflation, der hohen Arbeitslosigkeit und wegen der mafiösen Behauptung, die Elektrizitätswerke schafften es nicht, das Land mit Strom zu versorgen (was Teile der deutschen Presse bis heute wiederholen), weshalb private Anbieter ihnen Strom und die dazugehörenden Generatoren verkaufen müssten. Dabei weiß jedes Kind in Beirut, dass dies ein Trick zur Bereicherung einiger weniger ist.

Das Meer gehört noch allen

Nein, die Beirutis haben die Augen schon lange offen. Auf die extreme Entwertung des Geldes hatten sie im Frühjahr begonnen, die gute alte Idee des Warentauschs zu aktivieren, glücklich diejenigen, die auf dem Land ein Fleckchen Erde haben, um Gemüse zu ziehen. Dann kam Corona und jetzt die Katastrophe. „Nach jedem Krieg muss jemand aufräumen. / Leidliche Ordnung kommt nicht von allein“, schrieb die polnische Dichterin Wislawa Szymborska 1993 in ihrem grandiosen Gedicht „Ende und Anfang“ : „Jemand muss versinken in Asche und Schlamm, / Sofafedern, / Glassplittern, / in blutigen Lumpen.“ Und es sind nicht die Herren in Anzügen. In Beirut gibt es keine Kleinkriminalität, dir wird dort kein Portemonnaie geklaut und du musst die Türen nicht absperren. Es gibt Hochglanzimmobilien von saudischem Geld, die nicht bewohnt werden, am letzten Strand, an dem du keinen Haufen Kohle zahlen musst, um einmal im Meer, das doch allen gehört, baden zu können. Auch dafür gingen die Beirutis auf die Straße.

Ich saß an meinem See und betete zu Gott, an den ich nicht glaube, er möge mich demütig und dankbar sein lassen, hier im Paradies zu leben, in dem ich mich aufrege, wenn wieder drei Leute ohne Masken in die S-Bahn kommen, eine Kundin im Gemüseladen jede Bohne einzeln angrabscht, um sie zu prüfen und zurückzuwerfen. Ein Paradies, in dem Menschen auf die Straße gehen, weil das Gemeinwesen sie vor einer Pandemie schützen will. Ich dachte an einen jungen Mann in Beirut, der ökologische Toiletten für die Flüchtlingslager der Syrer in der Bekaa-Ebene entwickelte, wo die libanesische Regierung, die jetzt behauptet, gegen die Korruption im Land nicht anzukommen, Anfang des Jahres den Befehl gab, die zaghaft befestigten Hüttchen der Syrer plattzumachen. Ich dachte an die jungen Libanesen, die nicht ins Ausland gehen wollen, wie manche, die in Riga oder Prag Medizin studieren und dann lieber dort bleiben, weil „im Libanon hab ich keine Zukunft“; an die also, die kleine Cafés aufbauten, Galerien, Läden, die Müll an Stränden sammeln und Müll in den Straßen.

Studenten einer Universität haben sich bereit erklärt beschädigte Häuser zu reinigen und andere Hilfe zu leisten. 
Foto: DPA

Am See kullerten mir ungewollt die Tränen über die Wangen und nachts, nachdem ich zu Hause endlich von einigen Freunden die Nachricht erhalten hatte, dass sie unversehrt oder nur leicht verletzt waren, lag ich wach und überlegte, was ich in einen Koffer packen würde, 20 Kilo, Verbandsmaterial, Teebeutel, den dort so beliebten Nescafé, Corona-Masken, Putzmittel, Besen oder was? Bei welcher Organisation ich mich melden könnte, um mit anzupacken? Und dann sah ich die Zerstörung in den Straßen, durch die ich oft gelaufen war, bei mehreren Aufenthalten, und ich sah, dass die Fassade eines Hauses, in dem mein Airbnb-Zimmer gewesen war, zusammengestürzt und heruntergebrochen war. Zu dem amerikanischen Pärchen, bei dem ich dort wohnte – sie interviewte für die Botschaft Syrer, die auswandern wollten, er schrieb für eine Zeitung – habe ich keinen Kontakt mehr. Auf dem nicht mehr vorhandenen Balkon hatten wir unsere gemeinsam gewaschene Wäsche aufgehängt.

Die jungen Menschen im Libanon wollen einen säkularen Staat

Ein paar Meter weiter hatte ich die köstlichsten Apfelsinen der Welt gekauft. Das armenische Kulturzentrum meiner Freunde: demoliert. Das Sursock-Museum für zeitgenössische Kunst, in einem wunderbaren Park gelegen: demoliert. Hatte ich ein Glück. Wieso hat ein Mensch Glück, und wie soll ich all das denken, untätig, hier?

Israel bot sofort Hilfe an, noch am Tag der Explosion, aber die Hisbollah in der Regierung verweigerte sie. Liebe Libanesen, nehmt sie an, diese Hilfe, durchbrecht die alten Machtsysteme! Die jungen Menschen im Libanon wollen einen säkularen Staat, sie brauchen überhaupt keine Regierung, sie wären besser dran ohne sie, sie machen ohnehin alles allein, die Regierung – egal welcher Couleur – zockt nur ab. „Jemand muß, um die Wand zu stützen, / den Balken herbeischleppen, / jemand das Fenster verglasen / und die Türen wieder einhängen.“ Es gibt kein Geld, keinen Baumarkt, der Hafen, über den Glas importiert werden könnte, ist kaputt. Emmanuel Macron, dem manche eine PR-Kampagne unterstellen, ist besser als Trump oder der Iran, der schon wieder warnt, die ausländischen Mächte sollten sich nicht einmischen. Haha, da kann ich nur lachen! Alle haben Machtinteressen in dieser Region, und leider wird immer nur berichtet (außer auf arte nach 23 Uhr), wenn eine Katastrophe geschieht; doch man kann sagen, dass unter dem französischen Mandat, als man die Leute machen ließ, mit einer gewissen Unterstützung, das Land durchaus zur Blüte kam.

Die Amerikaner hatten sich ebenfalls in Stellung gebracht, etwa mit der berühmten American University; doch Bildung für alle gibt es schon lange nicht mehr im Libanon, das System ist so teuer, eine Ausbildung für Kinder kaum mehr bezahlbar. Der Westen habe den Kolonialherrn gegeben, lese ich in einem Artikel, der Westen wollte eine christliche Bastion im Nahen Osten – klar, das stimmt, doch „der Westen“ musste auch helfen, Millionen verwaiste und verwitwete Armenier*innen aufzufangen, die übrigens als erstes Schulen und Kirchen einrichteten. Richtig, für die Palästinenser war vieles nicht glücklich, aber ist es das heute? Sie leben ohne Rechte im Land, aus politischem Kalkül verweigerten sie die Bürgerrechte, als man sie ihnen anbot, um ihr Rückkehrrecht nach Israel nicht aufzugeben, und dann tat es keiner mehr. Alles ist hochkomplex.

In letzter Zeit denke ich oft über das Motiv ses Tyrannenmords nach. Den könnte es ja auch als Gruppenmord geben, aber besser fände ich hier eigentlich: bei Brot und Wasser Splitter zusammenfegen und Steine schleppen. Die Welt ist nicht mehr, was sie war. Pragmatismus sollte stärker sein als Ideologien.

Die Schriftstellerin Tanja Langer reiste seit Januar 2015 mehrfach in den Libanon und schrieb auch darüber für die Berliner Zeitung. Sie arbeitet zur Zeit an einem Roman, in dem sie die Geschichte ihres Vaters mit dem Libanon verknüpft. Zuletzt erschien von ihr der Roman  „Meine kleine Großmutter & Mr. Thursday oder Die Erfindung der Erinnerung“ beim mitteldeutschen verlag, 2019.