Die Rauminstallation „seeing is believing“ von Caline Aoun im Palais Populaire.
Foto: Mathias Schormann

Berlin Die sanfte Calin Aoun aus Beirut leidet an dieser Welt. An den realen Zerstörungen wie den digitalen Verstörungen. Aber sie jammert nicht. Ihr trotziges Statement lautet: „Sehen heißt glauben“. Und ihr Instrument ist die Poesie.

In der Ausstellungshalle im Palais Populaire Unter den Linden lässt sie uns geradezu körperlich spüren, wie das globale Weltgeschehen selbst den letzten Winkel des Alltags medial überflutet; wie es ins Atelier der 1983 geborenen Libanesin eindringt. Wegen des Bürgerkriegs in ihrer Heimat hat sie in London studiert. Heute lebt und arbeitet sie in der Nähe von Beirut. Und die Kriege in Nahen Osten, der Terror, die Kämpfe, das Elend in den Flüchtlingslagern dringen stündlich in ihren Alltag ein.

Diagramm der libanesischen Wirtschaftspolitik

An einer Wand wickelt sie als riesiges abstraktes Schwarz-Weiß-Tableau  eine Landschaft ab: Vermeintlich schroffe Felsformationen, Berge, Täler verschwinden, bis die Blätter völlig leer sind, weil die Druckerpatronen, mit denen Aoun die bizarren Motive ausdruckte, keine Farbe mehr hergaben. Das technologische Digitalsystem hat in diesem Falle also versagt. „Lands of Matter“ heißt dieses 19-teilige Gleichnis für die Gegenwart, und die Künstlerin klärt auf, dass es da um gar keine reale „stumme Landschaft“ geht, sondern um  ein Diagramm der libanesischen Wirtschaftspolitik.

Um Daten, die „permanent Lärm machen“, der den Alltag  dominiert, krank macht. „Und der Lärm muss aufhören“, sagt sie. „Wir brauchen Raum fürs Innehalten, um neue Systeme und uns selbst zu finden.“Die Wand gegenüber ist bedeckt mit einem Mosaik aus zuerst stark farbig bedruckten und schließlich leeren DIN-A3-Bögen. „Erschöpfung“ heißt die riesige Arbeit. Die Inkjet-Drucker waren überfordert, als Aoun sie so heftig „fütterte“.

Illusion der digitalen Perfektion

Zuerst spuckten die Apparate noch tiefschwarze, dann schwarzrote, lila Blätter, schließlich solche mit Farbresten von Rosa, Türkis, Hellblau und Gelb aus. Zuletzt nur noch leere. Die Illusion der digitalen Perfektion vergeht wie eine Fata Morgana. Der digitale Datenfluss, der ganze Volksvermögen bewegt, behandelt Menschen, Waren, Werte emotionslos als pures Material.

Um das bildhaft zu machen, setzte Aoun auf ein großes flaches Podest vier springbrunnenähnliche Gebilde:  blau, rot, gelb. Eigentlich sind das die Farben der westlichen Avantgarde um Mondrian. Hinzu kommt ein Brunnen in Schwarz. Alle vier Fontänen sind aufgebaut wie zierliche orientalische Etageren für Früchte und Gebäck.

Darin  fließt CMYK-Farbe – solche, die für den Vierfarbdruck eingesetzt wird. Die sprudelt aus den Düsen, plätschert in die unteren Auffangbecken, die durch Schläuche miteinander verbunden sind. Alle vier Farben vermischen sich mit dem Wasser zu einer trüben Brühe. Der „Datenfluss“ wird undefinierbar. Das Gemisch symbolisiert die fatale Mixtur aus Überfluss und Mangel, Zirkulation, Distribution.

Analogien zu anderen gesellschaftlichen Systemen sind von der Künstlerin beabsichtigt. Und auch die beiden an eine Sonnen-Korona erinnernden Bilder an den Hallen-Säulen – diese schwarzen Spritzer rund um weiße Löcher – transportieren den Gedanken der schier unbeherrschbar werdenden Daten-Schwemme. Caline Aoun, „Künstlerin des Jahres“ der Deutschen Bank, hat für Berlin ein Gesamtkunstwerk geschaffen, das eine Versuchsanordnung darstellt, wie der globale digitale Datenfluss ganze Gesellschaftssysteme prägt – als Segen und als Fluch.

„Denn die Zirkulation und Verarbeitung der Daten“, sagt die Künstlerin, „scheint nicht verknüpfbar mit der Lebenswirklichkeit von Milliarden Menschen.“ Für ihre bildgewordenen Bedenken lenkt sie die kritische digitale Masse in analoge poetische Installationen. Eine Donna Quichotte wider die Datenwindmühlen.

Palais Populaire Unter den Linden,  5. bis 2. März 2020, Täglich außer Dienstag 11 - 18 Uhr, Donnerstag 11 bis 21 Uhr. Parallel ist „Das totale Tanztheater“ zum Ausklang des 100. Bauhausjubiläums zu erleben. Rahmenprogramm: www.db-palaispopulaire.de