Axel Schacher, Antoine Lederlin, Corina Belcea und Krzysztof Chorzelski.
Foto: Marco Borggreve

BerlinDas Beethoven-Jahr steht vor der Tür. 2020 jährt sich der Geburtstag des Komponisten zum 250. Mal. Eingestimmt darauf werden wir schon jetzt, in der Vorweihnachtszeit. Sogar dem Magazin Der Spiegel war das kommende Jubiläum eine Titelgeschichte wert.

Man könnte meinen, dass wohl kaum ein Komponist, kaum ein Werk solche künstliche Jubiläumsaufmerksamkeit weniger bräuchte als Ludwig van Beethoven, so durchgesetzt und dauerhaft präsent, wie er ist. Sein Pathos und seine Konfliktbereitschaft, sein menschlicher Ernst und sein kosmischer Humor treffen immer.

Aber vielleicht gibt es Zeiten, in denen die Empfänglichkeit dafür größer ist, und vielleicht kommt dieser Geburtstag uns gerade jetzt, wo Weltbilder ins Wanken geraten, wie gerufen, um uns mit den Botschaften dieser Musik in hoch dosierter Form auseinanderzusetzen. Ausgiebig Gelegenheit dazu gibt das Programm des Boulez-Saales, das sich während der ganzen Spielzeit in umfassender Weise der Beethovenschen Kammermusik widmet.

Formation wurde vor 25 Jahren von Musikstudenten gegründet

Klaviersonaten, Violinsonaten, Klaviertrios und Streichquartette werden in zyklischer Vollständigkeit aufgeführt. Das Schwergewicht liegt neben Daniel Barenboims Sonatenzyklus auf den Streichquartetten. Sie werden vom Belcea Quartet vorgestellt, das dem Boulez-Saal als Quartet in Residence eng verbunden ist. Die Formation, heute eine der weltbesten, wurde vor 25 Jahren in London von Musikstudenten gegründet.

Die rumänische Geigerin Corina Belcea und der polnische Bratschist Krzysztof Chorzelski sind noch heute dabei, die beiden Franzosen, der Geiger Axel Schacher und der Cellist Antoine Lederlin kamen später dazu. In dieser Besetzung haben die Musiker vor einigen Jahren auch schon sämtliche Beethoven-Quartette als Studioaufnahme auf CD eingespielt, die als meisterhaft wohlklingende Alternative zu der eher aufgekratzten Gesamteinspielung des Artemis-Quartetts gelten kann, und auch ein Konzertzyklus aus dem Wiener Musikverein ist auf DVD erhältlich.

Zum Beethoven-Jubiläum aber darf es noch etwas mehr als nur ein Quartett-Zyklus sein. Es ist vielmehr ein Doppelzyklus, den das Belcea Quartet in dieser Saison vorstellt und mit dem es aus einer Not eine Tugend macht. Denn die grundsätzliche Frage, wie eine Gesamtaufführung aufgebaut sein soll, beantworten die Musiker mit einem Sowohl-als-auch: Der erste Zyklus, der jetzt begann, kombiniert Werke aus verschiedenen Schaffensperioden. Der zweite Zyklus im Mai bringt dann noch einmal alle Quartette, streng in chronologischer Reihenfolge.

Ohne Übertreibung oder Koketterie

Gerade bei Beethovens Quartetten scheint eine zeitlich freie Gegenüberstellung von Werken erhellend, weil aus dem offensichtlich Unterschiedlichen immer wieder überraschende Gemeinsamkeiten hervorleuchten – Vorwegnahmen dessen, was sich in späterer Zeit dann voll entfaltet. Das Belcea Quartet ließ in der ersten Konzerthälfte eines der ersten Quartette, op.18,3 dem letzten Quartett op. 135 vorausgehen.

Und schon im langsamen Satz des Frühwerks lässt Beethoven den hymnischen Tonfall ganz unversehens umkippen in eine wundersame Mechanik, eine imaginäre Choreografie gleichsam eingefrorener Gesten. Das Belcea Quartet spielte das ganz ohne Übertreibung oder Koketterie, mit einer Feinheit und unforcierten Präzision, die auch die ineinander verhakten Stimmführungen im späten Quartett auszeichnete.

Selbst da, wo Beethovens Schroffheit ans Polterige grenzt, setzen diese Musiker nicht auf inszenierte Grobheit, der Klang bleibt immer kontrolliert. Das gilt auch für das Hauptstück des Abends, das mittlere der sogenannten Rasumowsky-Quartette in e-Moll. Souverän entfalten sich die Schnitte zwischen rhythmischem Fluss und Stille im ersten Satz.

Die Rücksichtslosigkeit der extremen kanonischen Engführungen im 3. Satz erklingt präzise, durchsichtig und ungeschönt, aber doch natürlich, nicht demonstrativ geschärft. Und auch der letzte Satz mit seiner vorwärtstreibenden Spannung bricht nur ganz am Schluss, in der kurzen Stretta, mit voller Berechtigung einmal aus dem schönen Klang ins Krachende aus, das sonst viel zu leichtfertig für ein Kennzeichen authentischer Subjektivität gehalten wird.